Fernsehen

Hebräisch für Hartgesottene

Manchmal ist das Beste, was einer Fernsehsendung passieren kann, dass sie erst einmal gar nicht ausgestrahlt wird. Im Falle der israelischen Comedyshow HaYehudim Baim (»Die Juden kommen«) dauerte es etwas mehr als ein Jahr – viel Zeit, um die Erwartungen hochzuschrauben, um zu spekulieren, vor allem aber: um sich schon mal maßlos über den Inhalt zu echauffieren, von dem eigentlich noch so gut wie nichts bekannt war – außer 19 Sekunden.

shitstorm Dieser 19-sekündige Trailer, der im Oktober 2013 auf der Website des öffentlich-rechtlichen Senders Arutz 1 auftauchte, erregte die Gemüter jedoch so sehr, dass er wenige Minuten später schon wieder gelöscht wurde. Da aber war er schon längst auf andere Seiten hochgeladen worden und verbreitete sich munter über die sozialen Netzwerke.

Auf YouTube kann man sich den Trailer bis heute anschauen: Inmitten einer kunterbunten Zeichentrick-Kulisse samt Regenbogen, Blümchen und zwitschernden Vögeln sind drei Männer zu sehen: Jigal Amir, der Mörder Rabins, Baruch Goldstein, der bei einem Attentat am Grab der Patriarchen in Hebron 29 Palästinenser tötete, und Jona Avrushmi, der 1983 bei einer Demonstration von Peace Now eine Handgranate in die Menge warf. Zur Melodie des Kinderliedklassikers »Ani Tamid Nishar Ani« tanzen die drei Ringelreihen und singen quietschvergnügt Sätze wie »Manchmal bin ich ein Held, manchmal bin ich ein Mörder«, »Manchmal verübe ich Anschläge, manchmal schlachte ich Leute ab«, gefolgt von der Ankündigung: »Die Juden kommen – und sie sind gottlos.«

Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. Innerhalb kürzester Zeit erreichten den Sender Tausende Mails, in denen die Macher der Serie als linke Propagandisten, Rassisten, Antisemiten, Volksverhetzer und Nazis beschimpft wurden. Eine der lautesten Kritikerinnen war die Abgeordnete Ajelet Schaked, die für die siedlernahe Partei HaBeit HaJehudi (Jüdisches Heim) in der Knesset sitzt. Der vielgenutzten Nachrichtensite Ynet sagte sie: »Der Clip stellt Siedler als blutrünstige Mörder dar. Ist es das, für was wir das Geld der Steuerzahler ausgeben?« Arutz 1 verschob den geplanten Sendetermin auf unbegrenzte Zeit.

eichmann Es brauchte erst einen Wechsel in der Führungsebene des öffentlichen-rechtlichen Senders, bis HaYehudim Baim Anfang November nun endlich doch an den Start ging, allerdings mit einem vor jeder Episode eingeblendeten Hinweis, dass es sich lediglich um eine Satiresendung handele; wenn sich Zuschauer verletzt fühlen sollten, wolle man sich im Voraus entschuldigen – in einem Land, in dem man sich sonst schon geradezu anstrengen muss, um ein Thema zu finden, über das keine Witze gemacht werden, ein Novum.

Das Konzept der Serie ist so simpel wie bestechend. In kurzen, nicht zusammenhängenden Sketchen wird die gesamte jüdische Geschichte aufgerollt, von der Bibel über die Zeit der Staatsgründung bis hin zur jüngeren Vergangenheit. Die Darsteller zählen zu den beliebtesten des Landes: Yael Sharoni, Yaniv Biton, Ido Mosseri und vor allem Schlomo »Moni« Mosho- nov, den in Israel jedes Kind kennt. Moshonov zieht alle Register seines schauspielerischen Könnens: Allein in den ersten drei bisher gezeigten Folgen tritt er als Abraham, als Alfred Dreyfus, als Adolf Eichmann auf – und als Gott. Als dieser schreibt er, auf den Beat eines Eminem-Songs gerappt, einen Brief an einen Rechtsextremisten, in dem er ihn ermahnt, er solle aufhören, so rassistisch zu sein; er, Gott, habe die Araber nun mal so gemacht, sie könnten nichts dafür.

Wenig politisch Unkorrektes lässt die Sendung aus. Da soll etwa das Todesurteil an Adolf Eichmann vollstreckt werden. Weil die Israelis so was aber noch nie gemacht haben, muss der Deutsche ihnen zeigen, wie es geht. »Einfach ein Profi«, sagt der Henker, als Eichmann sich endlich, genervt von der israelischen Unfähigkeit, selbst erhängt. »Und nun? Gehen wir Hummus essen?« In einem anderen Sketch verkündet Moses den Israeliten die Zehn Gebote. »Wie, du sollst nicht töten?«, fragt eine Frau in der Menge: »Du hast doch gerade selbst einen Ägypter getötet.« »Ja, okay«, erwidert Moses: »Ägypter zählen nicht.« Und Eliezer Ben-Jehuda, der Vater des modernen Iwrit, antwortet auf die Frage, was er mache, wenn er sich mal richtig verwöhnen wolle: »Worte erfinden, bei denen sich die Leute die Zunge brechen.«

quote HaYehudim Baim ist manchmal kindisch und übertrieben. Aber wenn die Sendung den Finger direkt in die Wunde legt und Fragen aufwirft, die nur bei oberflächlicher Betrachtung naiv sind, wenn sie mit ein, zwei kurzen Einstellungen Stereotypen in sich zusammenfallen lässt, ist sie grandios.

In Israel kommt der Mix auf jeden Fall gut an. Die erste Folge erzielte eine Einschaltquote von 6,4 Prozent – für die meisten Sender ein ordentliches Ergebnis; für Arutz 1, wo sonst vor allem ergraute Männer in grauen Studios darüber diskutieren, warum früher alles besser war, ein kleines Wunder.

Vor allem auf der Website des Senders wird die Serie wie wild geklickt, als hätten die Zuschauer Angst, sie könne gleich wieder verschwinden. Gerade in einer Zeit, in der der Trend im israelischen Fernsehen eigentlich zu Serien im Milieu rechts von der Mitte geht – zuerst HaSrugim, eine Art Friends mit Nationalreligiösen (und ebenfalls mit Yael Sharoni in der Hauptrolle), dann Schtisel, wo es um die Liebe unter Charedim geht– hat Arutz 1 mit HaYehudim Baim einen echten Coup gelandet. Die Autoren der Comedy, Natalie Marcus und Assaf Beiser, sind so begeistert von dem Erfolg, dass sie sich öffentlich bei der Abgeordneten Ajelet Schaked bedankten. »Wir sollten ihr Blumen schicken. Ohne ihre Einlassungen hätten wir nie diese Aufmerksamkeit erhalten.«

Allerdings hat Arutz 1 einige der brisantesten Sketche herausgeschnitten. Statt der ursprünglich geplanten 13 Folgen werden jetzt nur noch zwölf gesendet. Außerdem hat der Sender gerade eine zweite Comedy angekündet: »Latma«, arabisch für Ohrfeige, soll ab Februar einen satirischen Blick aus rechter Perspektive liefern.

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