Lucian Freud

Hautnah

Dieses Gesicht einer alten Frau, aus drei Perspektiven radiert, zeigt alle Verwerfungen eines Jahrhunderts. In die Züge von Lucie Freud hat ihr Sohn Lucian die Spuren der Flucht und der Emigration gezeichnet, radiert. Sie wirken gesammelt, resigniert und doch wach.

Lucie, Tochter eines Berliner Getreidehändlers, war verheiratet mit Sigmund Freuds Sohn Ernst, einem Architekten; 1933 musste sie mit der Familie nach London fliehen. Für den zehnjährigen Lucian Freud geriet die Flucht aus Berlin zu einem einschneidenden Erlebnis. Er schien mit seiner Herkunft gebrochen zu haben, verlernte Deutsch, sprach Englisch aber zeitlebens mit einem deutschen Akzent.

Auch vom Judentum hat er sich mit der Emigration entfernt. »Ich habe mich nie als Jude empfunden, obwohl ich Jude war und bin.« Seine Mutter war sein liebstes Modell, ihre Porträts gehören zu den berührendsten Radierungen der am Samstag eröffneten großartigen Ausstellung im Gropius-Bau, die erste Freud-Schau in Berlin seit 1991.

porträts Lucian Freud, der bedeutendste Maler Großbritanniens, hat nur Menschen porträtiert, die er gut kannte oder auf die er neugierig war. Er wollte ihre Seele erfassen, andererseits aber auch immer das Animalische finden, das Kreatürliche, das verbindet ihn mit seinem Großvater. »Ihm war der soziale Status und die äußere Hülle der Persönlichkeit egal.

Viel wichtiger war ihm der Aspekt des Tierischen beim Menschen. Er malte ja auch gern Tiere«, so Mary Rozell, Leiterin der UBS Art Collection, die im Besitz vieler Werke Freuds ist. »Er liebte seinen Windhund Pluto. Sogar ein Stuhl geriet bei ihm zu einem Porträt, weil er in allem das Lebendige, das Menschliche suchte.«

Wie sein Großvater begegnete Lucian Freud Menschen in seiner Kunst analytisch. Jede Lebensspur hat er ungeschönt festgehalten. Falten, Narben, Speckrollen. Sein vollkommen unbestechlicher Realismus war einzigartig, was die Preise seiner Gemälde auf dem Kunstmarkt explodieren ließ.

Der lebensgroße Akt Benefits Supervisor Sleeping einer unförmigen, verfetteten Frau erzielte bei Christie’s 33,6 Millionen Dollar; ersteigert hat ihn der russische Milliardär Roman Abramowitsch. Und auch die 51 Radierungen zeigen eine wuchtige, extreme Körperlichkeit und wirken in ihrem feinen System aus Linien plastisch. Korrigieren konnte er bei dieser Technik nichts. Die Linien werden in Kupferplatten gekratzt, durch Säure vertieft und mit Tinte gefüllt auf Papier gedruckt.

rebell Freud war ein Besessener, ein Rebell, extrem unangepasst, lebenshungrig bis zum Exzess. Seine Affären hielten die Londoner Gesellschaft in Atem. Die beiden Ehen sind schnell gescheitert, 14 Kinder hat er anerkannt, es soll viele weitere geben. Er war besessen, sein wirtschaftlicher Erfolg schien ihn jedoch zu irritieren. Freud begann mit den Radierungen zu jener Zeit, als die Ölgemälde extrem teuer wurden. Radierungen waren sein Parallelmedium, und zwar eines, das nie seine Gemälde imitierte. »Selbst wenn sie das gleiche Motiv hatten wie manche Gemälde, sie wurden live vom Modell im Atelier gemalt, und sie sind komplett eigenständige Werke«, erklärt Mary Rozell.

Lucian Freud hat Zeit seines Lebens Interviews gehasst. Ähnlich übrigens wie sein Großvater, in dessen Garten in Hampstead Lucian oft spielte und der jeden Reporter vor die Tür setzte. Beide nutzten jede freie Minute lieber für ihre Arbeit.

Der Kunstkritiker Richard Cork war eng mit Freud befreundet und hat ihn bis zu dessen Tod 2011 begleitet: »Er besaß eine riesige Energie. Er hat bis ins hohe Alter die Nächte durchgearbeitet. Er brauchte nur zwei, drei Stunden Schlaf. Er war ein Getriebener, er brauchte die Beziehung zum menschlichen Körper, zum menschlichen Gesicht. Und er brauchte sie so oft wie möglich.«

Die Autorin ist ARD-Kulturkorrespondentin für Berlin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB).

Lucian Freud: »Closer«. Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 22. Oktober

Hollywood

Zwei große Favoriten für die Oscars - und jede Menge Außenseiter

Zwei Filme, die originell zwischen allen Genres hin- und herspringen, führen das Oscar-Rennen an - und das mit einer neuen Rekordzahl von Nominierungen. Doch in der Nacht zum Montag könnte es auch Überraschungen geben

von Marius Nobach  12.03.2026

Berlin

Wirbel um Weimer: Regierung weist Rücktrittsforderung zurück

Erst gab es Debatten über Antisemitismus auf der Berlinale, jetzt über den Buchhandlungspreis: Die Bundesregierung stellt sich hinter ihren Kulturstaatsminister Wolfram Weimer

von Julia Kilian, Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat, Silke Sullivan  12.03.2026

Aufgegabelt

Kräuter-Hühnersuppe mit Hawaij

Rezepte und Leckeres

von Katrin Richter  12.03.2026

Der Rest der Welt

Der Rest der Welt

Eine Überdosis an Chatgruppen oder Was das Jüdische daran ist

von Nicole Dreyfus  12.03.2026

Tischtennis

Wer waren Marty Reisman und Alojzy Ehrlich?

Der Oscar-nominierte Film »Marty Supreme« knüpft an wahre Biografien an

von Martin Krauss  12.03.2026

Hollywood

Curtis zu Chalamets Opernspruch: Vermächtnis beschädigt

Oper und Ballett interessierten niemanden mehr: Mit solchen Äußerungen sorgt der Oscar-nominierte Timothée Chalamet weiter für Wirbel. Nun meldete sich auch Oscarpreisträgerin Jamie Lee Curtis zu Wort

 12.03.2026

Kolumne

Die Schließung des HIAS Wien ist das Ende einer Ära

Aus für einen Leuchtturm: Die Hebrew Immigrant Aid Society war die erste Anlaufstelle für sowjetische Juden, die in den Westen oder nach Israel auswandern wollten

von Eugen El  12.03.2026

Kinderfilm

Mit dem Aufzug ins Jahr 1938

»Das geheime Stockwerk« zeigt die Zeitreise eines Jungen als Detektivgeschichte. Ein gelungener und mehrfach ausgezeichneter Kinderfilm

von Gabriele Hermani  12.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026