Ökologie

Gutes aus Klärschlamm

Kreislauf: Klärschlamm wird zu Klopapier wird zu ... Foto: Thinkstock

Aus Dreck Geld machen – so ließe sich das Geschäftsmodell von Applied CleanTech auf den Punkt bringen. Und die Umwelt hat auch etwas davon. »Abwässer sind eine ökologische und finanzielle Belastung. Das wollen wir ändern«, erklärt Refael Aharon, Chef des 2007 gegründeten Unternehmens mit Sitz in Jerusalem. »Statt weiter verzweifelt und mit viel Geld zu versuchen, die Mengen an Klärschlamm zu reduzieren, die bei der Abwasseraufbereitung zwangsläufig anfallen, verfolgt unser Konzept einen ganz anderen Ansatz. Man muss den Schlamm einfach nur richtig verwerten.«

»Sewage-Mining« lautet dieser Ansatz in der Fachsprache. Konkret sieht das so aus: Mit einem eigens von Applied CleanTech entwickelten Verfahren werden dem in kommunalen oder industriellen Abwasseranlagen entstehenden Klärschlamm sämtliche Feststoffe entzogen, recycelt und weiterverarbeitet. Am Ende kommt ein sterilisiertes Produkt in Form von Pellets – kleinen Kügelchen – heraus, dem die Entwickler den schönen Namen »Recyllose« gegeben haben. Es lässt sich als eine Art Zellulose-Substitut problemlos zu Verpackungen, Toilettenpapier oder sogar alternativen Brennstoffen weiterverarbeiten.

Normalerweise findet Klärschlamm als Düngemittel in der Landwirtschaft Verwendung, aber die dabei entstehende Belastung durch Schadstoffe wie Schwermetalle oder Arzneimittelrückstände ist hochproblematisch und ruft Umweltschützer auf den Plan. Zudem bringt die von Applied CleanTech entwickelte Methode weitere Vorteile mit sich. »Die Gesamtbetriebskosten können um 20 bis 30 Prozent gesenkt werden«, preist Aharon sein Verfahren. »Aufbereitungsanlagen verbrauchen deutlich weniger Energie und Chemikalien, und am Ende gibt es nur einen Bruchteil an nichtverwertbaren Rückständen.« Ebenso minimiert sich der CO2-Schadstoffausstoß.

Testlauf Gründlich erprobt wurde das Konzept in der Praxis bereits im nordisraelischen Safed. Im August 2012 entstand dort eine erste Anlage in unmittelbarer Nähe einer kaffeeproduzierenden Fabrik, deren feststoffreiche Abwässer für Applied CleanTech eine wahre Goldgrube sind. »Seither gingen in Safed die Ausgaben für die Wasserwiederaufbereitung um bis zu 20 Prozent zurück. Auch die nicht recyclebaren Abfälle konnten am Ende um mehr als die Hälfte reduziert werden«, berichtete der Chef von Applied CleanTech stolz vor wenigen Wochen auf der WASTEC 2013, einer internationalen Konferenz zum Thema Wassertechnologie.

»Dabei sind die Anschaffungskosten durchaus überschaubar.« Für eine Einheit, mit der sich die Abwässer einer Stadt in der Größenordnung von 30.000 Einwohnern filtern lassen, muss man rund 500.000 Euro veranschlagen. Weitere Anlagen von Applied CleanTech sind mittlerweile auch in Beit Schemesch und anderen Kommunen im Einsatz.

Vor einem Jahr konnten die ersten auch ins Ausland verkauft werden. Kroatien und Slowenien beschlossen den Erwerb von Einheiten in einem Gesamtwert von über zehn Millionen Dollar. Und unmittelbar vor dem Israelbesuch des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte Anfang dieser Woche konnte in Holland ein spektakulärer Deal unter Dach und Fach gebracht werden. Eine städtische sowie eine industrielle Abwasseraufbereitungsanlage werden nun mit der israelischen Technik ausgerüstet.

»Fortan können wir mit unseren Abwässern wie ein normaler Haushalt umgehen und alles sauber trennen«, sagt Jo Cox. »Dadurch haben wir täglich rund 1000 Euro weniger an laufenden Kosten«, so der Direktor des niederländisch-britischen Unternehmens Smurfit Kappa, eines der weltgrößten Hersteller von Kartonverpackungen. Auf 290 Millionen wird das die Einsparungspotenzial für die kommenden zehn Jahre veranschlagt.

Ranking Innovationen von Firmen wie Applied CleanTech bescherten dem jüdischen Staat zum wiederholten Male eine Spitzenposition im »Global Cleantech 100«-Ranking, einer von dem Beratungs- und Researchunternehmen Cleantech aus San Francisco sowie dem World Wide Fund for Nature (WWF) erstellten Rangliste der Länder mit den besten Bedingungen für Startups im Segment umweltfreundlicher Technologien. Dieser Wirtschaftszweig hat in Israel zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Mehr als 600 meist junge Unternehmen sind in diesem Bereich aktiv, wobei der Aufbereitung von Abwässern traditionell eine Schlüsselstellung zukommt. »Israel ist ein trockenes Land mit viel Sonne und bis vor Kurzem noch ohne nennenswerte fossile Brennstoffe«, sagt Meir Ukeles von Israel Cleantech Ventures (ICV). »Kein Wunder, schließlich gibt es hier auf den Gebieten Meerwasserentsalzung, Abwasseraufbereitung und Wassermanagement eine jahrzehntelange Tradition. Das vorherrschende Know-how ist in Israel deshalb derart gebündelt wie in kaum einem anderen Land.«

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