Interview

»Gute Laune für Hoffnungslose«

»Dass etwas nicht stimmt im Weltgefüge, spüren doch fast alle«: Sibylle Berg Foto: imago images/Michael Eichhammer

Interview

»Gute Laune für Hoffnungslose«

Sibylle Berg über ihr neues Buch, globale Dauerkatastrophen und Gefahren für die Privatsphäre des Einzelnen

von Ralf Balke  22.05.2022 08:20 Uhr

Frau Berg, gerade ist Ihr Roman »RCE #RemoteCodeExecution« erschienen, der zweite Band einer Trilogie, die sich wie ein Parforceritt durch die neoliberale Welt der Zukunft liest. Was hat Sie zu diesem Projekt veranlasst?
Als ich auf den letzten 100 Seiten meines vorherigen Buchs »GRM Brainfuck« angelangt war, merkte ich, dass ich die Erzählung nicht enden lassen wollte. Nicht so. »GRM« war die Untersuchung eines prototypischen, westlichen Landes – in diesem Fall England – und sollte zeigen, wie sich die Digitalisierung und der irre gewordene Kapitalismus auf Nicht-Kapitalisten auswirken.

Also weiterschreiben?
Ja. Das Buch endete in der apathischen Ohnmacht, die wir jetzt spüren. Fassungslos beobachten wir den Zerfall der Welt, die wir zu kennen glaubten, und wissen keinen Ausweg. Für mich selbst und weil ich mich von den reizenden Helden einfach nicht trennen wollte, brauchte ich eine Utopie. Einen Ausweg aus dem Elend. Ein Gute-Laune-Buch für Hoffnungslose. Daraus wurde dann »RCE«.

Wie würden Sie das Setting Ihrer beiden Bücher beschreiben: Ist es eher ferne Dystopie oder verdammt nah an der heutigen Realität?
Dystopie ist nur der Begriff für alles, was wir von uns fernhalten wollen. Oder für eine gewisse Informations-Unlust. Fast alle in »GRM« geschilderten Szenarien waren real. Literarisch kam eine Verdichtung der Lebensbedingungen der Gesellschaft ebenso hinzu wie die Auswirkungen unseres spätkapitalistischen Dauerkrisenszenariums.

Wie sieht dieser Zustand konkret aus?
»RCE« beschreibt die Ursachen der jetzigen globalen Dauerkatastrophen – ein Zustand, der gefühlt nach 9/11 einsetzte. Der Krieg gegen den Terror, der ständig neue Überwachungsgesetze rechtfertigte, begann und mit ihm der Hass auf bestimmte Menschengruppen und die Zunahme faschistischer Tendenzen. Parallel erfolgte unter dem Radar der Massenaufmerksamkeit die Aufdeckung von Finanzskandalen im großen Stil wie die Panama Papers oder Pandora Leaks. Oder die ständigen Verbrechen an der Umwelt und die Tatsache, dass deutsche Konzerne in der Corona-Krise 70 Milliarden Dividenden auszahlten, während die Massen arbeitslos wurden, starben oder Panik bekamen. Dass etwas nicht stimmt im Weltgefüge, spüren doch fast alle. Das macht die Menschen so gereizt, erfüllt sie mit Nervosität und Hass, verunmöglicht es, etwas zu Ende zu denken. In dieser Situation unternimmt eine Gruppe größenwahnsinniger jugendlicher Hacker einen letzten Versuch, mit den Mitteln des Codes die Welt zu retten. Utopisch ist hier, von den Fakten abgesehen, nur die Hoffnung!

Diese fünf jungen Computernerds nennen sich »Die Freunde«. Stand die erfolgreiche Kinderbuchreihe »Fünf Freunde« von Enid Blyton da etwa Pate?
Ich habe von dieser Kinderbuchreihe noch nie gehört. Es ist gut, dass es so viel gibt, was mir unbekannt ist. Dann wird der Rest meines Lebens nicht langweilig.

Warum ist gerade Großbritannien Schauplatz von »GRM Brainfuck« und »RCE«?
Als Musterland der Privatisierung und Überwachung schien England bestens dazu geeignet, zu untersuchen, was Digitalisierung und Kapitalismus alles anrichten. Es findet von der Verslumung bis hin zu einem an Sozialpunkte gekoppelten bedingungslosen Grundeinkommen alles statt, was Ohnmacht erzeugt und das Leben zu einer als Tiny House getarnten Verzichtserklärung reduziert.

Ist die darin beschriebene Fragmentierung der Gesellschaft ein globales oder nur ein westliches Phänomen?
Die Auswirkungen auf den Einzelnen spüren wir alle nur in der Pulverisierung der Aufmerksamkeit, durch Push-Nachrichten, Alert-Zeichen. Dazu kommt die Wut in den sozialen Medien oder das Misstrauen gegenüber den Medien. All die Behauptungen der Tech-Industrie, sie würden Menschen verbinden und Communitys schaffen, bleiben den Beweis schuldig. Was wir sehen, ist die Bereitschaft zum Skandal, die Shitstorm-Erregung und natürlich die gestohlene Zeit, die uns zum Denken fehlt. Dazu kommt noch der Trend zur kompletten Transparenz des Einzelnen, zur Kontrolle sowie die Abschaffung des Rechts auf Privatheit.

Es geht dabei stets um Planen, Täuschen und Aushorchen. Haben die Skandale rund um die israelische Spionage-Software Pegasus den Plot vielleicht mit beeinflusst?
Die meisten Entwicklungen und Fortschritte im IT-Bereich werden irgendwann von Konzernen aufgekauft und zur Profitmaximierung genutzt. Viele Möglichkeiten werden auch geschaffen, weil es möglich ist und Gewinn verspricht. Nehmen wir einmal den Bereich der Spy-Software, oder sagen wir Staatstrojaner. Die wurden von der Firma NSO für den einfachen Zugriff des Tech-Supports entwickelt. Dann fragte ein europäischer Geheimdienst interessiert nach, und das Start-up kam auf seine Idee: Lass uns mal Trojaner bauen, damit kann man viel Geld verdienen. Was soll schon schiefgehen, wenn man von außen auf die gesamte Kommunikation der Bevölkerung zugreifen kann und dieses Produkt an Geheimdienste verkauft? Was kann schon schiefgehen, wenn man wie in 80 Ländern, auch westlichen, die chinesische Silkroad-Überwachungstechnologie kauft. Vieles wurde entwickelt, ohne die Folgen zu durchdenken. Ein Kollateralschaden, der in Kauf genommen wird.

Die Fragilität der eigenen Privatsphäre im digitalen Zeitalter ist immer wieder Thema in Ihren Büchern. In Israel, wo Sie auch leben, wird der Datenschutz mit dem Verweis auf die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit anders bewertet als beispielsweise in Europa. Haben Sie Verständnis für die spezifisch israelische Situation?
Israel hat insofern keine Alleinstellung, weil das Land wie alle anderen die lückenlose Überwachung seiner Bürger mit deren Sicherheit rechtfertigt. Unter dem Motto »Verbrechensbekämpfung« werden weltweit die Menschenrechte auf Privatheit des Einzelnen aufgehoben und alle Bewohner der Länder vorsorglich wie Täter behandelt. Dennoch gibt es weiter Verbrechen, Terror, Angriffe, und vermutlich läge es näher, sich auf Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der Gleichbehandlung aller sowie auf Bildung zu fokussieren.

Die Fragen stellte Ralf Balke.

Fernsehen

Gil Ofarim: »Der Dschungel hat mich wieder zurückgeholt, zurück ins Leben«

»Wenn Gil gewinnt, verliere ich den Glauben an Reality-Shows«, sagte Simone Ballack. Dieser Fall ist nun eingetreten

von Jonas-Erik Schmidt  08.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim gewinnt das RTL-Dschungelcamp. Und nun?

Unser Kolumnist ist nach 17 Folgen ausgebrannt - und zieht ein letztes Mal Bilanz

von Martin Krauß  08.02.2026

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am Dschungelcamp nie schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  08.02.2026 Aktualisiert

Medien

Holger Friedrich, die Juden und ihre offenen Rechnungen nach dem Fall der Mauer

Der Verleger der »Berliner Zeitung« gibt im Gespräch mit Jakob Augstein einmal mehr Einblicke in sein krudes Geschichtsverständnis

von Ralf Balke  08.02.2026

Kunst

Ausstellung zu Kriegsfotograf Robert Capa in Monschau

100 Schwarz-Weiß-Aufnahmen des berühmten Fotografen jüdischer Herkunft werden gezeigt

 08.02.2026

»Dschungelcamp«

Gil Ofarim im Finale: »Ich versteh’s selbst nicht«

In der Folge 15 des »Dschungelcamps« ging es erneut um Ofarims Umgang mit seinem falschen Antisemitismusvorwurf. Am Ende schafft es der Sänger in die Runde der letzten drei

von Martin Krauß  08.02.2026

Musik

Matti Caspi im Alter von 76 Jahren gestorben

Der Musiker ist nach langer Krankheit gestorben. Präsident Herzog würdigte ihn als einen »der größten israelischen Komponisten seiner Generation«

 08.02.2026

Geschichte

Spuren im Schnee

Garmisch-Partenkirchen erinnert an die Olympischen Winterspiele 1936 unter der NS-Herrschaft

von Martin Krauß  08.02.2026

Alice Zaslavsky

»Hühnersuppe schmeckt nach Heimat«

Die Kochbuch-Autorin kam als Kind mit ihrer Familie aus Georgien nach Australien und kennt die jüdische Gemeinde von Bondi Beach. Ein Gespräch über Verbundenheit, Gerüche und Optimismus

von Katrin Richter  08.02.2026