Fussball

Großes Theater

Freudentanz: Deutschland gewinnt am 13. Juli 2014 das Finale gegen Argentinien – und wird zum vierten Mal Fußball-Weltmeister. Foto: dpa

Der 22. Juni 1941 war einer der düstersten Tage in der Geschichte der Menschheit. In den frühen Morgenstunden überfiel Nazi-Deutschland die Sowjetunion. Was danach folgte, ist bekannt: Vernichtungsfeldzug, Völkermord, mehr als 20 Millionen Tote.

Am selben Tag fand im Berliner Olympiastadion ein viel weniger denkwürdiges Ereignis statt, dessen Nachhaltigkeit man aber trotzdem nicht unterschätzen darf: das großdeutsche Meisterschaftsfinale zwischen FC Schalke 04 und SK Rapid Wien. Damals gab es noch keine gesamtdeutsche Meisterschaft, sondern 21 Regional-Ligen, »Sportbereichsklassen« genannt, weil man das aus dem Englischen stammende Wort »Liga« vermeiden wollte. Die Meister der einzelnen Klassen spielten gegeneinander in Gruppen und Untergruppen, mit anschließendem Finale, um den höchsten Titel im Land.

Trotz der für viele bestürzenden Nachricht über den Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion waren 95.000 Zuschauer ins Berliner Olympiastadion gekommen. Und das Spiel begann so, wie es die meisten erwartet hatten: Der Rekordmeister aus Gelsenkirchen führte zur Pause 2:0, erhöhte dann auf 3:0, schien den Meistertitel schon in der Tasche zu haben. Dann aber drehte die Mannschaft aus der »Ostmark« das Spiel. In kurzer Zeit, der berühmten »Rapid-Viertelstunde«, schoss Franz »Bimbo« Binder, der größte Rapid-Spieler aller Zeiten, drei Tore. Ein Elfmeter sicherte Rapid schließlich die Führung. 4:3 für Rapid!

Die Österreicher jubelten vor den Radioapparaten, die Österreicher im Stadion jubelten noch mehr. Ein österreichischer Stadionbesucher erzählte viele Jahre später mit Tränen in den Augen, neben ihm sei ein Mann in Wehrmachtsuniform immer wieder in die Höhe gesprungen, angeblich »meterhoch«, und habe geschrien: »Hauts die Piefke! Hauts die Piefke!« Dafür hätte er vors Kriegsgericht kommen können, aber das war ihm in diesem Augenblick egal. Dass Rapid gegen Schalke führte, war wichtiger.

Die Piefke … Drei Jahre zuvor waren »die Piefke« in Österreich einmarschiert. Das Volk hatte ihnen zugejubelt. Die meisten Österreicher fühlten sich ebenfalls als Deutsche. Den Terror der Nazis nahmen viele in Kauf oder machten fleißig mit, insbesondere dann, wenn es um die Verfolgung und später die Vernichtung der Juden ging. Österreich war kein besetztes Land, auch wenn es sich nach dem Krieg als solches stilisierte, und doch entstanden gerade in dieser Zeit die ersten Ansätze einer österreichischen Identität.

Dies hatte wenig mit Widerstand gegen das NS-Regime zu tun, sondern vielmehr mit dem Ärger über Beamte aus dem »Altreich« und ihr forsches, überhebliches Auftreten, mit enttäuschten Karrierehoffnungen und den immer deutlicher erkennbaren Mentalitätsunterschieden zwischen den »Piefke« und den Einheimischen.

Die Frustration und latente Aggression entluden sich im Jubel über das gewonnene Fußballfinale. Manche meinen sogar, dieser Sieg hätte mindestens genauso viel zur Entstehung einer österreichischen Identität als Volk beigetragen wie der Krieg, den man als Teil des Großdeutschen Reiches verloren hatte, die 1955 verkündete Neutralität und die im nationalen Grundkonsens der Verdrängung beschworene Lipizzaner- und Mozartkugelglückseligkeit der Wirtschaftswunderjahre.

Beschworen wurde auch der große Finalsieg von 1941 samt aller damit verbundenen Legenden, die heute längst widerlegt sind. Nein, die »Heldentat« der Rapid-Spieler war kein Akt des Widerstands gegen die NS-Barbarei gewesen, die Spieler wurden nicht alle sofort an die Front geschickt, wie später behauptet wurde, und Hitler hatte über den Ausgang des Spiels nicht getobt (er hatte an diesem Tag gewiss andere Sorgen).

Man fragt sich trotzdem, warum ein Fußballspiel in Zeiten der Apokalypse eine solch überragende Bedeutung gewinnen konnte. Warum gerade Fußball?

Rituale Über Fußball ist schon viel geschrieben worden, er wurde unzählige Male analysiert, gefeiert oder verteufelt, und jetzt – kurz vor der EM – passiert dies wieder. Arbeitslosigkeit, Flüchtlingskrise, das Erstarken des Rechtsradikalismus, alles tritt zurück, wenn das große Turnier die Gemüter bewegt.

Fußball, heißt es oft, spiegelt das Leben wider: die Fangemeinden mit ihren Ritualen als identitätsstiftende Gruppen, die Individualität der Spieler, die sich nur in der Gemeinschaft entfalten kann, weil man gemeinsam gewinnt oder verliert, Regeln, die von allen scheinbar akzeptiert, aber doch immer wieder gebrochen und umgangen werden (wie langweilig wäre ein Spiel ohne Fouls), ein Schiedsrichter, der sich irren kann, dessen Urteil aber trotzdem stets gültig ist, Verschwörungstheorien über Schiebungen und Absprachen, die manchmal sogar der Wahrheit entsprechen, Trainer, die – ähnlich wie Politiker – ausgewechselt werden, wenn es einmal nicht so gut läuft.

Zurück treten ebenfalls: Technik und Taktik, ohne die kein Spiel zu gewinnen ist, aber auch geniale Geistesblitze, die niemals geplant werden können, und schließlich – wohl noch wichtiger als alles andere – Glück und Zufall, Geld, Ruhm und Macht, Sieg und Niederlage, die oft sehr nahe beieinander liegen, und persönliche Schicksale, die jeder Telenovela zur Ehre gereichen würden. Wir kennen das alles. Wie auf der Theaterbühne erleben wir auf dem Spielfeld das Menschheitsdrama verkürzt, zugespitzt, aber letztlich doch nur als Spiel.

Das alles erklärt die unglaubliche Popularität von Fußball zum Teil, aber nicht ganz. Ja, Fußball spiegelt das Leben wider, doch viel wichtiger als das ist die Tatsache, dass wir (oder viele von uns) insgeheim die Sehnsucht haben, das Leben möge wie Fußball sein. Das hat nicht nur damit zu tun, dass im realen Leben manche das »Spiel« nicht überleben, schlimm genug ist es schon, dass oft mit mehreren Bällen gespielt wird, von denen einige nur für Eingeweihte sichtbar sind, und hin und wieder eine Mannschaft auch mit zwölf oder mehr Spielern aufs Feld kommt, ohne dass der Schiedsrichter etwas dagegen unternehmen kann.

Auch im Fußball siegt meist die stärkere Mannschaft, doch die schwächere hat – ungleich öfter als im realen Leben – trotzdem eine Chance. All das macht den Fußball zum Sehnsuchtsraum, er spricht sowohl unsere atavistischen Instinkte als auch unser Unterbewusstsein an und lässt Tendenzen, Haltungen und Gefühle zum Vorschein kommen, die sich im realen Leben verschleiert, gedämpft und kulturell gezähmt oder zu einem späteren Zeitpunkt manifestieren.

Fernsehgarten Fußball ist Theater, doch wir, das Publikum, spielen gleichermaßen Theater, wir sitzen nicht nur auf den Rängen oder vor den Fernsehgeräten, sondern bilden ebenfalls eine Bühne, die Spiegelung der Spiegelung, wir überspitzen, entgrenzen und erkennen uns selbst, wie es nur in der Kunst möglich ist. Und im Fußball.

Wohl deshalb verwenden wir im realen Leben oftmals fußballerische Ausdrücke. Jemand bekommt von uns die gelbe Karte, ein anderer läuft ins Abseits oder schießt sich ein Eigentor. Gerade in der Politik sind Ausdrücke dieser Art sehr beliebt. Wäre es nicht schön, wenn wir unsere gesellschaftlichen Probleme fußballerisch lösen könnten? Wahrscheinlich doch nicht. Jetzt aber genießen wir einfach die EM.

Vladimir Vertlib, geboren 1966 in Leningrad, emigrierte 1971 mit seiner Familie nach Israel, übersiedelte 1981 nach Österreich und lebt heute als freier Schriftsteller in Salzburg. Zuletzt erschien von ihm der Roman »Lucia Binar und die russische Seele«.

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