Literatur

Große, unerträgliche Begierde

»I did what I did and it’s done«: der amerikanische Großromancier Philip Roth (1933–2018) Foto: REUTERS

Frank Sinatra ist 1792 Seiten dick, Orson Welles 1644 Seiten (kein Wunder, dass der Regisseur und Schauspieler am Ende seines Lebens kaum mehr aus einem Taxi herauskam), der englische Dramatiker Tom Stoppard schlanke 992 Seiten. So viele Druckseiten umfassen Biografien über Sinatra (zwei Bände), Welles (drei Bände) und Stoppard (ein Band). So singulär wortopulent ist also die neue Mammutbiografie über den US-Romancier Philip Roth mit 1040 Druckseiten nicht.

Seit Jahren ein altes, nicht wirklich spannendes und intellektuell eher müdes Spiel, das sich um den Nobelpreis für Literatur rankt, ist: Wer sollte ihn bekommen, wer bekommt ihn, wer bekam ihn (haarsträubend viele heute ganz Vergessene), wer bekam ihn nicht zugesprochen? Auf den ersten sieben Plätzen der wohl bedeutendsten Autoren nach 1950, die die Stockholmer Jury ignorierte: Thomas Pynchon auf Platz 7, der Argentinier Julio Cortázar auf Platz 6, auf Platz 5 dessen Landsmann Jorge Luis Borges, auf Platz 4 Vladimir Nabokov, auf den Plätzen 3, 2 und 1: Philip Roth, Philip Roth und Philip Roth.

LEBENSWERK 31 Bücher schrieb der 1933 geborene Romancier aus Newarks jüdischem Viertel Weequahic, New Jersey, der am 22. Mai 2018 in New York starb und mit Ende 70 verkündet hatte, genug Fiktion geschrieben zu haben. »I did what I did and it’s done«, sagte er (der als Allerletztes 2010 Nemesis publizierte) Journalisten und genoss es, soweit es seine fragile Gesundheit noch zuließ, schwimmen zu gehen, sich auf YouTube alte Baseballspiele anzusehen, gut zu essen, sich zu erinnern.

Bis heute der jüngste nordamerikanische Autor, dessen gesammelte Werke noch zu Lebzeiten in der Prestige-Reihe »Library of America« erschienen, bekannte Roth mit Anfang 40, Inspiration für seine Romane sei das Zusammenspiel mit eigenen früheren Romanen, noch unverarbeiteten Erlebnissen aus jüngster Zeit, seinen unmittelbaren Lebensumständen und den Büchern, die er gelesen habe.

Mit anderen Worten: eine prachtvolle Ausgangslage für den offiziell von Roth bestallten Biografen Blake Bailey, der zuvor die Leben von Richard Yates und John Cheever aufschrieb, beide diametral verschieden von Roth. Bailey legt eine äußerst prachtvolle, fein verästelte, Roth intelligent würdigende Biografie vor.

ERKENNTNIS Die Biografie als Erkenntnisinstrument – hier ist sie. Dass deutsche Kritiker, einst im Studium eindringlich vor jeglichem »Biografismus« gewarnt und abstruse Hypothesen vom »Tod des Autors« memorierend, dies bis heute nicht wahrnehmen wollen, ist ihre eigene Schuld.

Im anglo-amerikanischen Raum genießt die literarische Biografie als Genre, als Literatur ein hohes Ansehen. Keine Dichterin, kein Autor selbst der zweiten, ja der dritten Reihe, über die es kein längeres bis sehr langes biografisches Porträt gibt, auch keine Malerinnen oder Künstler. Auch der erhobene Vorwurf, Bailey schreibe »teigig«, ist reichlich abwegig; und zeugt von überschaubarer kulinarischer Eigenaktivität.

Die erste, desaströse Ehe und auch die Verbindung mit Claire Bloom werden ausführlich geschildert.

Dass dieses sehr tiefe Einblicke bietende, alles andere als unkritische Buch überreich an Details ist, gehört zur Natur der abgehandelten Materie. Die Opulenz an bisher unbekannten, nie zuvor aufgeschriebenen oder peripher behandelten Zusammenhängen, Kontexten, Freundschaften, Bezügen, von Roths immensem Fleiß bis zu enthemmtem Herumalbern mit Kindern von Freunden, macht dieses 1000-Seiten-Buch so gewichtig.

Unstrittig andererseits ist, dass es Überlängen aufweist, etwa die sehr ausführlich geschilderten Historien seiner ersten, desaströs bitteren Ehe und der strindbergianischen zweiten mit der Schauspielerin Claire Bloom, die noch ausführlicher nacherzählt wird.

Bailey scheut nicht vor Verdikten zurück. Dass Roths Bücher aus der ersten Hälfte der 70er-Jahre heute nicht mehr goutierbar oder lesenswert sind, ist richtig. Ob deren krasser Derbheit würden junge Verlagslektorinnen vor diesen Manuskripten heutzutage zitternd erbleichen. Seit seinem Tod häufen sich scheinbar wissenschaftliche Darstellungen seines Œuvres, die ihn als triebhaften Misogynen »entlarven«, der skandalös-sexbrünstig an die Überlegenheit des Erzählens glaubte – und an den Roman als ästhetische Form.

KLEINVERLAG Die lebenslange sexuelle Unrast, Roths physisch exaltierte Besessenheit mit Erotischem und von Frauen, tritt als Charaktermalus zutage. Dies »Donjuanismus« zu nennen, wäre eine Untertreibung. (Dass Baileys Buch vom New Yorker W. W. Norton Verlag nach zwei in einem Anwaltsgutachten untermauerten Vorwürfen wegen sexueller Übergriffigkeit, die, erstaunlich für das prozesswütige Amerika, nicht vor Gericht landeten, zurückgezogen wurde und dann von einem auf Skandalöses sich kaprizierenden Kleinverlag übernommen wurde, ist eine außerliterarische Arabeske.)

Auch für diese Lebensbeschreibung gelten zwei Sätze Gustave Flauberts, die Philip Roth liebte: »Alles, was man erfindet, ist wahr, das sei sicher. Die Poesie ist eine ebenso präzise Sache wie die Geometrie.« Oder wie es an einer Stelle in Baileys Lebensepos über eine Biografie des Autors Saul Bellow heißt: trotz allem ein faszinierendes, mitunter brillantes Buch.

Blake Bailey: »Philip Roth. Biografie«. Übersetzt von Dirk van Gunsteren und Thomas Gunkel. Hanser, München 2023, 1040 S., 58 €

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