Tatiana Salem Levy

Große literarische Hoffnung

Die brasilianische Autorin Tatiana Salem Levy Foto: picture alliance / dpa

Tatiana Salem Levy

Große literarische Hoffnung

Die Autorin wurde in Portugal geboren – ihr Buch »Vista Chinesa« spielt in Brasilien 2014 vor Beginn der Fußball-WM

von Kevin Zdiara  18.03.2022 08:12 Uhr

Die moderne brasilianische Literatur ist geprägt von Autoren jüdischer Herkunft. Als eine der wichtigsten brasilianisch-jüdischen Schriftstellerinnen gilt ohne Zweifel Clarice Lispector, ebenso Moacyr Scliar, der mit seinen historisch-fantastischen Erzählungen Weltruhm erlangte, oder auch Cíntia Moscovich, die einen sehr expliziten Bezug zu jüdischen Themen in ihren Büchern pflegt. Sie alle gehören mittlerweile zum Kanon der brasilianischen Belletristik.

In jüngster Zeit ist Tatiana Salem Levy dazugestoßen, allerdings ist ihr Werk aufgrund bisher fehlender Übersetzungen außerhalb der portugiesischsprachigen Welt nur wenig bekannt. Levy wurde 1979 in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon geboren, da ihre kommunistischen Eltern vor der Militärjunta in Brasilien nach Europa geflohen waren.

SEFARDEN Die Familiengeschichte kann bei Levys literarischem Schaffen nicht ausgeblendet werden. Ihre Großeltern stammen ursprünglich aus der Türkei und waren sefardische Juden. Die Vorfahren stammten aber ursprünglich aus Portugal, aus dem sie im 15. Jahrhundert vor der Inquisition fliehen mussten. Verlust und Erinnerung sind in Levys Werk immer wiederkehrende Themen.

Levy gilt in Brasilien als eine der großen literarischen Hoffnungen. Insgesamt fünf Romane, zwei Kinderbücher und zahlreiche Kurzgeschichten hat sie bis dato verfasst. Gleich ihr erstes Buch A Chave de Casa wurde 2007 ein Erfolg, sie gewann damit den hoch dotierten São Paulo Literaturpreis als beste Newcomerin.

AUTOBIOGRAFISCH Der Roman hat starke autobiografische Züge und greift ihre Familiengeschichte auf. Er dreht sich um den titelgebenden Schlüssel zum Haus des Großvaters in Smyrna, dem heutigen Izmir in der Türkei. Stilistisch ist es eine überaus anspruchsvolle, nicht lineare Erzählung. Während das Buch in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, fehlt leider noch eine deutsche Fassung.

Das Buch dreht sich wie auch bereits Levys frühere Werke um die Themen Erinnerung und Vergessen.

Deshalb ist es sehr erfreulich, dass jetzt der Secession Verlag eine Übersetzung von Levys im vergangenen Jahr erschienenem Roman Vista Chinesa vorlegt. Dabei ist das Buch keineswegs leichte Kost. Es spielt im Brasilien des Jahres 2014. Das Land befindet sich im Aufbruch: Die Fußball-WM im eigenen Land steht kurz bevor, die Olympischen Spiele sollen zwei Jahre später folgen. Allenthalben Euphorie und die Hoffnung, dass Gang-Gewalt, Favelas und Armut ein Ding der Vergangenheit sind.

VERGEWALTIGUNG Auch die Protagonistin des Romans lässt sich von dieser Stimmung tragen und gehört zu den Gewinnerinnen. Júlia ist eine junge Architektin, die eine Sportstätte für die Olympischen Spiele plant. Sie ist ehrgeizig, sie ist auf ihren Körper fixiert, sportlich und in einer glücklichen Beziehung. Doch als sie eines Tages vor einer wichtigen Präsentation im Stadtrat noch zum Aussichtspunkt Vista Chinesa joggen geht, passiert die Katastrophe: Sie wird Opfer einer brutalen Vergewaltigung.

Das Buch basiert auf dem realen Erlebnis einer Freundin der Autorin und ist als ein langer Brief Júlias an ihre beiden Kinder angelegt. Sie schildert ihnen den Versuch, sich wieder ins Leben zurückzukämpfen – und wie sie gleichzeitig an der Polizei verzweifelt, die ihr ständig Männer vorführt, die keinerlei Ähnlichkeit mit dem Täter haben.

Das Buch dreht sich wie auch bereits Levys frühere Werke um die Themen Erinnerung und Vergessen. Erlebtes schreibt sich in seiner ganzen Brutalität in den Körper ein. Während die Erinnerung einen den Schmerz immer wieder durchleben lässt, führt das Vergessen dazu, dass wir einen Teil unseres Selbst verlieren.

WAHNSINN Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich Júlias Geschichte, und nicht nur einmal fühlt sie sich in den Wahnsinn abdriften. Dabei zieht sie Parallelen zwischen ihrem Zustand und dem ihrer Heimatstadt Rio de Janeiro nach dem olympischen Hoch. Denn, wie Júlia analysiert, »erstmals war Rio nicht in der Lage, sich selbst zu retten, jenes Rio, das allmählich verrückt wurde, während ich vielleicht auch verrückt geworden war oder noch verrückt werde«.

Das Buch ist trotz seiner nur knapp 120 Seiten eine unglaublich intensive und dichte Erzählung. Levy ist es gelungen, in ihrem Roman einen Stil zu entwickeln, der den Kampf der Protagonistin mit dem Erlebten und mit ihrem Erinnern hervorragend einfängt. Mit diesem Buch hat sie ohne Zweifel zu den großen Autoren der brasilianischen Literatur wie Lispector und Scliar aufgeschlossen.

Tatiana Salem Levy: »Vista Chinesa«. Secession, Zürich/Berlin 2022, 128 S., 22 €

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