Kalter Krieg

»Großbürgerlicher Hintergrund«

Kati Marton in der Bibliothek der American Academy am Berliner Wannsee Foto: Uwe Steinert

Frau Marton, Sie kommen gerade aus Budapest zurück, wo Sie Ihr neues Buch »Enemies of the People« (Volksfeinde) vorgestellt haben. Für dieses Buch haben Sie die Akten ausgewertet, die die ungarische Geheimpolizei AVO in den 50er-Jahren über Ihre Eltern, Endre und Ilona Marton, angelegt hat. Ich hatte vorher nicht gewusst, dass es in Ungarn in den 50er-Jahren überhaupt noch Korrespondenten für amerikanische Nachrichtenagenturen gab.
Meine Eltern waren auch die letzten. Mein Vater arbeitete für AP, meine Mutter für United Press. 1955 wurden sie verhaftet. Die Akten verraten: Meine Eltern verhielten sich extrem standhaft, als sie im Geheimgefängnis saßen. Mit meinem Vater wurde sehr brutal umgesprungen, er unterschrieb schließlich ein falsches Geständnis, dass er amerikanischer Spion sei. Aber er hat niemanden verraten.

Was passierte mit Ihnen, nachdem Ihre Eltern verhaftet wurden?
Ich war damals sechs Jahre alt. Als mein Vater verhaftet wurde, versprach die beste Freundin meiner Mutter, sich um mich und meine Schwester zu kümmern. Nachdem sie auch meine Mutter verhaftet hatten, brachten die Agenten mich zum Haus dieser Frau. Sie öffnete die Haustür nur einen Spaltbreit, lugte heraus und fragte leise: »Wohin soll ich die Päckchen für die Mädchen schicken?« Das war das gesamte Ausmaß ihrer Hilfe. Also brachte man mich zu Fremden, die dafür bezahlt wurden. Das waren nette Menschen, aber es ist dennoch eine schreckliche Zeit gewesen. Wir wussten nicht, wann wir unsere Eltern wiedersehen würden.

Warum haben Ihre Großeltern sich nicht um Sie gekümmert?
Sie waren bereits nach Australien ausgewandert. Kurz bevor meine Eltern verhaftet wurden, bekamen meine Großeltern plötzlich ihre Ausreisegenehmigung. Ich bin sicher, das war eine Taktik, um meine Eltern zu brechen. Denn sie wussten, dass niemand aus der Familie mehr da war, um sich um uns zu kümmern.

Konnten Sie mit Ihren Eltern später über deren Zeit im Gefängnis reden?
Über das Gefängnis, ja. Aber nicht über die Details, nicht über die Selbstmordversuche, die Folter, das falsche Geständnis, nicht darüber, dass ihre vermeintlichen Zellengenossen selbst Agenten waren, die sie aushorchten. Mein Vater versuchte, einen Brief an meine Mutter herauszuschmuggeln. Er wusste nicht, dass auch sie verhaftet worden war. Dann schrieb er einen Brief an den amerikanischen Botschafter auf Zigarettenpapier und gab ihn seinem Mitgefangenen, der scheinbar entlassen wurde. Das stand alles in den Akten.

Wie kamen Ihre Eltern letztendlich frei?
Die amerikanische Regierung war sehr engagiert. Und die New York Times hielt die Story mit Kommentaren und Seite-1-Berichten ständig am Leben. Schließlich wurden meine Eltern nach fast zwei Jahren Haft auf diplomatischen Druck hin entlassen. Nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands bekamen wir Asyl in den USA.

Hatten Sie ein gutes Verhältnis zu Ihren Eltern?
Wir hatten die üblichen Generationskonflikte. Hinzu kam, dass sie unseren jüdischen Hintergrund vor mir verborgen gehalten hatten. Das hat zu einigen Spannungen geführt.

Warum haben sie Ihnen das so lange verschwiegen, auch als Sie schon lange in Amerika lebten?
Diese Generation stand unter einem posttraumatischen Schock. Sie wollten mit der Vergangenheit abschließen. Die Phase des Holocaust in Ungarn war sehr kurz – die letzten sechs Monate des Krieges –, aber sehr grausam. Es war eine gut geölte Vernichtungsmaschine. Darüber sind sie nie hinweggekommen. Das ist meine einzige Erklärung. Sie wollten vergessen. Meine Großeltern mütterlicherseits waren im ersten Deportationszug. Die Eltern meines Vaters überlebten mit falschen Papieren in Budapest. Meine Eltern waren schon um 1930 zum Christentum konvertiert, nicht aus Überzeugung, sondern um es in der ungarischen Gesellschaft leichter zu haben, denn der Antisemitismus nahm damals schon zu.
Was haben sie Ihnen über Ihre Großeltern erzählt?
Sie sagten, meine Großeltern seien im Krieg gestorben, während der Belagerung Budapests. Das war völlig glaubwürdig.

Wann haben Sie erfahren, dass Sie jüdische Großeltern hatten?
Das war Anfang der 80er-Jahre, als ich mein erstes Buch schrieb, eine Biografie über Raoul Wallenberg, den schwedischen Diplomaten, der sich während der Nazizeit für Juden eingesetzt hatte. Für das Buch interviewte ich eine Frau in Budapest, die gerettet wurde und die meine Familie kannte. Und so ganz nebenbei sagte sie: »Leider kam Wallenberg zu spät, um Ihre Großeltern zu retten.« Daraufhin rief ich meine Eltern an und stellte sie zur Rede. Sie waren nicht glücklich darüber.

Wusste die AVO, dass Ihre Eltern Juden waren? Will sagen: Hatte die Verfolgung Ihrer Eltern mit Antisemitismus zu tun?
Nein. In den Akten heißt es nur: »Endre Marton, großbürgerlicher Hintergrund«. Das war ihr Verbrechen, die jüdische Herkunft wird nicht erwähnt. Der wahre Grund war natürlich, dass sie gute Kontakte zu Amerikanern hatten. Deswegen waren sie »Volksfeinde«.

Was bedeuten Ihnen Ihre jüdischen Wurzeln?
Ich bin sehr stolz darauf. Es war eine Erleichterung für mich, das endlich zu erfahren. Die losen Enden haben sich verknüpft. Religiös bin ich dadurch aber nicht geworden. Das war wohl auch zu spät, ich war Anfang 30, und ich habe auch einfach kein religiöses Temperament. Aber ich bin sehr glücklich, dass ich es weiß und dass meine Kinder es wissen. Mit ihnen bin ich nach Prag gefahren, wo mein Ururgroßvater lebte, ein Rabbi. Wir fanden sein Grab. Für ein Individuum ist es genauso wichtig, seine Geschichte zu kennen, wie für ein Land. Ich bedaure nur, dass ich meine anderen Großeltern nie kennenlernen konnte. Es existiert nicht einmal ein Foto von ihnen. Ihr Haus wurde komplett ausgeplündert. Über solche Dinge reden die Ungarn nicht gern. Es ist ihnen peinlich.

Das Gespräch führte Ingo Way.
Kati Marton: Enemies of the People. My Family’s Journey to America. Simon & Schuster, New York 2009, 288 S., 26 $

Kati Marton, geboren 1949 in Ungarn, ist amerikanische Schriftstellerin und Journalistin. Sie war Deutschland- und Ungarnkorrespondentin für den Sender ABC und schrieb unter anderem für die New York Times und Vanity Fair. In mehreren Büchern beleuchtete sie Aspekte der Geschichte der ungarischen Juden. Auf Deutsch erschien soeben Die Flucht der Genies: Neun ungarische Juden verändern die Welt (vgl. Jüdische Literatur, 18. März). Kati Marton ist verheiratet mit dem US-Diplomaten Richard Holbrooke.

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