Fernsehen

Gotteskrieger mit Kippa

Es sind keine schönen Bilder und Szenen, die der renommierte israelische Filmemacher Shimon Dotan in seiner Dokumentation zeigt: Da bekennen sich Juden offen zum Rassismus und lehnen die israelische Demokratie ab. Sie erziehen ihre Kinder zu Hass und Gewalt gegen Araber. Sie brennen Moscheen nieder, bringen arabische Bürgermeister um und preisen den Massenmörder Baruch Goldstein, der im Februar 1994 am Patriarchengrab in Hebron 29 betende Palästinenser erschoss.

All das geschah im Namen Gottes, dessen angeblichen Willen – ein Großisrael vom Euphrat bis zum Nil – sie behaupten zu erfüllen. Wer eine andere Politik als sie verfolgt, ist bestenfalls irregeleitet oder, wie der 1995 ermordete israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin, ein Verräter, der den Tod verdient hat.

zionismus Die Siedler der Westbank heißt der anderthalbstündige Film, den ARTE am 27. September um 20.15 Uhr und die ARD am 28. September um 23.45 Uhr ausstrahlen. Der Titel allerdings ist falsch gewählt und irreführend. Die extremistischen Siedler müsste die Dokumentation heißen. Denn auch wenn sie sich selbst als die neuen zionistischen Pioniere betrachten: Auf den Zionismus Theodor Herzls, David Ben Gurions und auch Zeev Jabotinskys können diese Rechtsradikalen sich nicht berufen. Und, wie Dotan selbst anmerkt, seine Protagonisten sind auch unter den Siedlungsbewohnern selbst bloß eine kleine Gruppe.

Die meisten von ihnen, vor allem in den großen Siedlungsblöcken wie Ma’ale Adumim, Gusch Etzion und Ariel, wo die übergroße Mehrzahl aller Siedler lebt, sind keine nationalreligiösen Fanatiker. Nicht wenige wohnen dort aus pragmatischen Gründen, weil die Grundstückspreise wesentlich niedriger sind als im israelischen Kernland.

Das zeigt der Film auch, wenngleich nur in einer vergleichsweise kurzen Passage. Shimon Dotans Fokus liegt auf den Extremisten: »Denn obwohl es hiervon nicht gerade viele gibt, sind die Auswirkungen ihrer Handlungen unverhältnismäßig groß«, so seine These. »Der jüdische Extremismus, eine brisante Mischung aus Religion und Politik, ist zunehmend in die Mitte der israelischen Gesellschaft eingedrungen.«

machtfaktor Begonnen hat das, so die Dokumentation, nach dem Sechstagekrieg 1967, als die damals regierende Arbeitspartei den ersten nationalreligiösen Siedlern um Rabbiner Mosche Levinger nur verbalen Widerstand entgegensetzte, sie aber gewähren ließ. Unter den nachfolgenden Likud‐Ministerpräsidenten wie Menachem Begin und Ariel Scharon seien die Extremisten dann offiziell gefördert worden, als Mittel zum politischen Zweck einer Landnahme im Westjordanland und der Verhinderung eines palästinensischen Staates.

Heute seien die Siedler ein Machtfaktor in Israel, gegen den niemand mehr ankomme: »Es mag zwar sein, dass es weniger als eine halbe Million von ihnen gibt, aber sie halten das Schicksal Israels und, im übertragenen Sinn, auch das Schicksal des gesamten Nahen Ostens in ihren Händen.«

Das ist eine in Europa, Amerika und auch unter vielen Israelis verbreitete These. Ob sie so stimmt, darüber ließe sich streiten. In der Dokumentation jedoch erscheinen die Siedler als die bestimmenden Akteure im Konflikt, die Gewalt der Palästinenser, etwa in den beiden Intifadas, als bloße Reaktion auf jüdische Landnahme und Repression im Westjordanland. Das wird der Realität nicht gerecht. Den Arabern sind nicht nur die Siedlungen im Westjordanland ein Stachel im Fleisch. Für die allermeisten von ihnen sind auch die israelischen Kerngebiete jenseits der Grünen Linie besetztes Land, das es wiederzugewinnen gilt, ob friedlich oder mit Gewalt.

Schlachtruf An dieser fundamentalen Ablehnung jeder Form eines jüdischen Staates im Land, und sei er noch so klein, sind bisher alle Versuche eines friedlichen Ausgleichs gescheitert, von der Peel‐Kommission 1937 bis zu Camp David II im Jahr 2000, als Ehud Barak Jassir Arafat 90 Prozent des Westjordanlandes anbot (einschließlich der Räumung der meisten Siedlungen) und dieser ablehnte. Nicht zufällig lautet ein populärer Slogan und Schlachtruf der Palästinenser: »From the River to the Sea/Palestine will be free«.

Keine Frage: Die extremistischen Siedler sind eine Schande für das demokratische Israel. Das zu zeigen, ist das Verdienst dieser Dokumentation. Deren Grundthese jedoch, dass nur an den Siedlern ein möglicher Frieden scheitert, ist, mit Verlaub, naiv. Wenn morgen alle Siedlungen aufgelöst würden, es bräche in der Region kein gedeihliches Miteinander von Arabern und Israelis aus. Im Gegenteil: Der Konflikt würde weitergehen, und zwar verschärft, dann um das israelische Kernland. Die Dokumentation, die Shimon Dotan darüber drehen würde, möchte man lieber nicht sehen.

»Die Siedler der Westbank«, ARTE, Dienstag, 27. September, 20.15 Uhr. ARD, Mittwoch, 28. September, 23.45 Uhr

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