Film

»Golda« im Kino: Rauchen und kämpfen

Helen Mirren als Golda Meir in »Golda« Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Es ist ein Notizbuch des Grauens. Aufgenommen werden dort nur scheinbar harmlose Zahlen. Doch hinter jeder Ziffer stehen Opfer, getötete Soldatinnen und Soldaten. Im Film »Golda« notiert die von Helen Mirren gespielte israelische Ministerpräsidentin Golda Meir (1898-1978) die Zahlen in ihr kleines Büchlein.

»Ich habe sie alle gezählt, jeden einzelnen von ihnen«, sagt sie an einer Stelle. Guy Nattivs Blick auf die berühmte Politikerin konzentriert sich auf solche schweren Momente im Leben Meirs. Das lässt die häufig - so auch im deutschen Untertitel des Films - als »Israels Eiserne Lady« bezeichnete Meir nahbar wirken. Der Film kommt am 30. Mai in die Kinos.

Viel Symbolik

Während Alan Gibson 1982 in »A Woman Called Golda« mit Ingrid Bergman weite Teile von Meirs Leben schildert, konzentriert sich Nattiv in »Golda« weitgehend auf eine der für Meir wohl härtesten Zeiten während des Jom-Kippur-Kriegs.

Der Film erzählt die Situation während des 1973 fast drei Wochen andauernden Krieges zwischen den Aggressoren Ägypten, Syrien und anderen arabischen Staaten auf der einen und Israel auf der anderen Seite. Dabei verzichtet der Regisseur weitgehend auf einschlägige Kampfszenen.

Oscar-Preisträger Nattiv (»Skin«) setzt vielmehr auf Symbolik. So schickt er Mirrens Golda Meir in den schwierigen Kriegssituationen immer wieder in die einsame Ewigkeit langer Gänge und Korridore in Gerichtsgebäuden, Krankenhäusern oder militärischen Kommandozentralen. Ein Weg führt sie mehrfach im Film durch eine Leichenhalle. Mit jeder neuen Sequenz werden mehr leblose Körper von Soldatinnen und Soldaten zu sehen sein.

Verunsichert und entschlossen

Es wird viel geraucht im Film. Kaum eine Szene, in der Meir sich nicht eine Zigarette anzündet, daran zieht oder in - meist hoffnungslos überfüllten - Aschenbechern zerdrückt. Mit dem auf diese Weise überall gegenwärtigen Rauch verweist der Film auf die Unklarheiten der Situation. Der Qualm verdichtet sich immer wieder, vieles liegt im Nebel, wirkt verwirrend, ist nur schemenhaft zu erkennen, klare Schritte oder Positionen scheinen unmöglich.

Welche Aktionen planen die militärischen Gegner? Ist ein Erfolg gegen die Angreifer möglich? Und wie sicher ist die Unterstützung der verbündeten, aber von arabischem Öl abhängigen USA und ihres knallhart taktierenden Außenministers Henry Kissinger (Liev Schreiber)?

Zwischen all den Unklarheiten agiert eine immer wieder verunsicherte, aber eben auch genauso entschlossene Golda Meir. Nattiv kann sich dabei ganz auf eine bereits Oscar-prämierte Mirren (»Die Queen«) verlassen.

Kuchen für Krisensitzung

Sie zeigt die Facetten ihrer Figur: In einer von Männern beherrschten Welt - Meir war als Ministerpräsidentin Israels von 1969 bis 1974 eine der weltweit ersten weiblichen Regierungsspitzen - zeigt sie Härte am Kabinettstisch, stützt ihren mitten in der Krise strauchelnden Verteidigungsminister Mosche Dajan (Rami Heuberger), backt nebenbei noch Kuchen für eine Krisensitzung.

Ihre Verletzlichkeit wird deutlich an den wiederkehrenden Zweifeln, den Tränen für die Toten und der Last ihrer eigenen schweren Krankheit. Meir litt an Krebs, dem sie später auch erlag.

Über die Besetzung der Nicht-Jüdin Mirren für die Hauptrolle in einer israelischen Produktion mit israelischem Regisseur über eine israelische Ministerpräsidentin wurde kontrovers diskutiert. Nattiv äußerte sich dazu bei der Vorstellung des Films während der Berlinale. »Als jüdischer, israelischer Regisseur habe ich kein Problem damit«, sagte er.

Israelisches Team

»Für mich fühlte es sich an, als träfe ich eine jüdische Person.« Für ihn sei es nur wichtig gewesen, die Schauspielerin in ein israelisches Team einzubetten, um einen israelischen Film zu machen. Zudem spielten israelische und jüdische Schauspielerinnen und Schauspieler ohne Einschränkungen auf der ganzen Welt.

Mirren sprach von Meir als »unglaublich starker Person«, die ihr Leben völlig Israel gewidmet habe. »Der Film ist keine Biografie, es geht um den Teil, an dem sie am meisten gefordert wurde.« Für die Umsetzung der Rolle verwies die im Film kaum noch zu erkennende Mirren auf die Bedeutung von Kostümen und Maske. Nattiv sagte zu diesem Aspekt der Dreharbeiten: »Helen war 35 Tage nicht zu sehen, sondern nur Golda.«

Zahl der Woche

7 Wochen

Fun Facts und Wissenswertes

 28.07.2026

Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

In seinem Tatsachenroman erzählt der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano die Geschichte einer verschwundenen Frau

von Knut Elstermann  28.07.2026

Aufgegabelt

Marokkanische Bällchen

Rezepte und Leckeres

 28.07.2026

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026

New York

Carly Simon hat Parkinson

Die Sängerin und Songschreiberin mit jüdischem Familienhintergrund kämpft mit zwei gesundheitlichen Problemen. Trotzdem hat es sie es geschafft, ein neues Album aufzunehmen

 28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026