NS-Geschichte

Gleichgewicht der Erinnerung

Dokumentationszentrum der Topographie Foto: Marko Priske

Erst 25 Jahre? Schon 25 Jahre? Beides darf man zum Jubiläum der Topographie des Terrors (TdT) sagen: dass diese Einrichtung erst so lange nach dem Ende der NS-Zeit entstand, und dass sie andererseits nun schon seit einem Vierteljahrhundert Besucher auf das Gelände der Gestapo-Zentrale führt und mit dem Terrorsystem der SS vertraut macht. Es bedurfte erheblicher Mühen eines wahrhaft bürgerschaftlichen Engagements, um die Politik zur Einrichtung eines solchen Informations- und Dokumentationsortes zu bewegen. Inzwischen ist die TdT längst zur selbständigen Stiftung öffentlichen Rechts aufgestiegen.

Seit Jahren liegt die Besucherzahl bei über einer halben Million pro Jahr, mit weiterhin steigender Tendenz. Schulklassen haben den Besuch ebenso im Programm wie Touristengruppen, und zugleich kommen viele, zumal ausländische Touristen individuell auf das Gelände an der ehemaligen Berliner Mauer.

Seit gut zwei Jahren hat die Topographie zudem ein eigenes, festes Haus, auf das sie lange warten musste. Denn bereits 1989 hatte der Senat, damals noch West-Berlins, eine Sachverständigenkommission unter Vorsitz des Historikers Reinhard Rürup installiert, die das Konzept für eine dauerhafte Einrichtung auf dem Prinz-Albrecht-Gelände entwickeln sollte.

Das geschah; und 1992 lobte der Senat des nunmehr vereinten Berlins einen ersten Architektenwettbewerb aus, der allerdings in eine existenzbedrohende Sackgasse führte: Der Siegerentwurf des Schweizers Peter Zumthor erwies sich als zu kompliziert und teuer, um mit dem vorgegebenen, je zur Hälfte von Berlin und dem Bund finanzierten Etat von 38 Millionen D-Mark verwirklicht zu werden – nicht einmal nach dessen Verdoppelung auf 38 Millionen Euro.

Authentisch So kam es zu dem zweiten Wettbewerb von 2005, mit einem nochmals spezifizierten Raumprogramm. Und für 20 Millionen Euro – so viel war noch übrig – entstand nach einem Entwurf der Architektin Ursula Wilms und des Landschaftsgestalters Heinz W. Hallmann die Gesamtanlage der Topographie, die am 6. Mai 2010 eingeweiht werden konnte.

Begonnen hatte alles im Sommer 1981 mit ersten Hinweisschildern auf dem Brachland im Schatten der Mauer, wo im gerade erst halbwegs wiederhergestellten Gropiusbau die »Preußen«-Ausstellung eröffnet wurde. Die Sorge war groß, dass die dunklen Seiten der deutschen Geschichte verdrängt werden sollten. »Durch die Teilung der Stadt war das Gefühl für das Topographische verloren gegangen«, sagt rückblickend Andreas Nachama, seit 1994 geschäftsführender Direktor der Topographie, der damals als Mitarbeiter der Berliner Festspiele mit dafür sorgte, dass die wenigen Spuren der Gestapo-Zentrale nicht verloren gingen.

Wo geschah all das, was man abstrakt über das NS-Regime wusste? Das war die Ausgangsfrage. Am authentischen Ort ist das seither zu erfahren. Das Stiftungsgesetz sieht den Zweck der Topographie »in der Vermittlung historischer Kenntnisse über den Nationalsozialismus und seine Verbrechen sowie der Anregung zur aktiven Auseinandersetzung mit dieser Geschichte, einschließlich ihrer Folgen nach 1945«. Gerade der Nachsatz ist wichtig, denn die TdT nimmt in ihrem umfangreichen Programm mit Ausstellungen, Lesungen und Diskussionen immer wieder die Nachwirkung und die Rezeption der NS-Geschichte in den Blick.

Geschichtslandschaft Kern der Topographie bleibt die Dauerausstellung – im Haus zur Geschichte der hier versammelten Dienststellen von SS, »Reichssicherheitshauptamt« und Gestapo, dazu im freigelegten Kellergang des Gestapo-Hauptquartiers Prinz-Albrecht-Straße 8 unmittelbar zu Füßen der hier erhaltenen Berliner Mauer zum Thema »Berlin 1933–1945. Zwischen Propaganda und Terror«. Auf dem weitläufigen Gelände markieren Info-Stationen den Sitz und die Rolle der jeweiligen NS-Ämter. Die Wilhelmstraße, die die Längsseite des Areals begrenzt, wird gerade in einer Sonderausstellung als Regierungsviertel der Reichshauptstadt in den braunen Jahren gezeigt.

Die Topographie des Terrors ist heute ein selbstverständlicher Bestandteil der »Geschichtslandschaft« von Berlin. Das war nicht immer so. Als die Diskussion um das geplante Holocaust-Mahnmal wogte, drohte die Topographie geradezu verdrängt zu werden. Reinhard Rürup, ohne dessen Einsatz die TdT kaum zustande gekommen wäre, warnte damals: »Die Dinge kommen aus dem Gleichgewicht, wenn die Frage nach den Tätern und der Gesellschaft, in der diese Taten möglich waren, ausgeklammert wird.« Dieses »Gleichgewicht« der historischen Erinnerung zu wahren, ist die Aufgabe der Topographie des Terrors. Sie löst sie – seit 25 Jahren.

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