Studie

Gleiche Reize, andere Realität

Einem der bekanntesten deutschen Volkslieder zufolge sind die Gedanken frei. Keiner könne sie erraten, lautete die Quintessenz des Stücks. Ein Forschungsteam der Universität Tel Aviv kann es offenbar doch. Zum Teil zumindest, denn die Wissenschaftler behaupten nun, politische Einstellungen von Menschen durch das Scannen ihrer Gehirne entlarven zu können.

Yaara Yeshurun-Dishon, die an der School of Psychological Sciences an der Universität Tel Aviv arbeitet und das Forschungsprojekt leitete, erklärte, dass man natürlich nicht erraten könne, ob jemand an Birnen oder Äpfel denkt, »aber man kann in manchen Fällen erkennen, ob jemand mit einem bestimmten Ereignis, das man ihm zeigt, einverstanden ist oder nicht«. Und daraus ließe sich dann auch ableiten, wo jemand politisch steht. Aber dazu später mehr.

hirnareale In der Studie wurden die Köpfe der Forschungsteilnehmer nicht mithilfe eines brandneuen Verfahrens durchleuchtet, sondern im Rahmen der sogenannten Funktionellen Magnetresonanztomografie, kurz fMRT. Eine Technik, die schon vor mehr als 30 Jahren entwickelt wurde. Dieser Gehirnscan, wie die Methode umgangssprachlich auch genannt wird, kann aktive Hirnareale visuell darstellen. So können Forscher dem Gehirn praktisch beim Arbeiten zusehen.

Für ihre Studie befragte das Forschungsteam zunächst mehr als 1000 Menschen zu ihren politischen Überzeugungen und ihrem Engagement. Das Ziel war es, 40 Israelis zu finden, die politisch entweder eindeutig links oder rechts standen, nicht in der Mitte. Und Menschen, die sich politisch engagieren. Sie alle bekamen drei Wochen vor der Wahl in Israel im Jahr 2019 politische Wahlwerbung und Reden von linken sowie rechten Politikern vorgelegt, während sie im Gehirnscanner lagen. Die Auswahl von Menschen mit einer starken linken beziehungsweise rechten politischen Haltung sei wichtig gewesen, damit die Gehirnreaktionen der Teilnehmer auf die vorgelegten Bilder eindeutig ausfallen.

Je extremer die politische Ansicht, desto synchroner die Gehirnreaktion.

»Die wichtigste Erkenntnis ist, dass wir bereits in frühen sensorischen Hirnregionen Unterschiede zwischen linken und rechten Teilnehmern feststellen konnten«, so Yeshurun-Dishon im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Aber was bedeutet das? Hierzu erklärte die Forscherin, dass man das Gehirn in verschiedene Verarbeitungsregionen unterteilen könne.

Es gibt zum Beispiel die frühen sensorischen Regionen, »die den visuellen oder auditiven Input verarbeiten«, und auf der anderen Seite das Großhirn, »welches diese Informationen integriert und die Interpretation aus dem, was man wahrnimmt, erstellt«. Bislang sei die Wissenschaft immer davon ausgegangen, dass vorwiegend das Großhirn für die Interpretation einer bestimmten Erzählung verantwortlich ist.

aufmerksamkeit Für Yeshurun-Dishon ist die Auffassung, dass Menschen die Welt auf sehr unterschiedliche Weise wahrnehmen, eindeutig belegt: »Die politischen Ansichten führen tatsächlich dazu, dass sie denselben Reizen unterschiedliche Aufmerksamkeit schenken.« Und so baut sich jeder am Ende eine eigene Rea­li­tät.

Diese Erkenntnisse leiteten Yeshurun-Dishon und ihre Kollegen zum Beispiel davon ab, dass die Gehirnreaktionen der rechten Teilnehmer dann synchron wurden, wenn sie Stimuli von rechten Politikern sahen. Das bedeutet, dass der rechte Politiker ihre Gehirne dazu brachte, in ähnlicher Weise aktiv zu sein. »Man kann sich das wie einen Regisseur in einem Film vorstellen, der das Publikum dazu bringt, sich so zu fühlen, wie er es möchte«, so die Forscherin. War ein Teilnehmer nicht von dem überzeugt, was er sah, reagierte das Gehirn von Fall zu Fall anders und kaum vorhersehbar.

Sollen Dialoge gelingen, müssen gemeinsame Wahrheiten geschaffen werden.

Die Untersuchung habe außerdem gezeigt, dass die Gehirnreaktionen der Teilnehmer umso synchroner ausfielen, je extremer ihre politischen Ansichten waren. Konkret heißt dies: Ob jemand politisch links oder rechts steht, konnte das Forschungsteam allein anhand dieser Synchronisation vorhersagen.

Die Studie zeigte auch, dass die Stimuli im Gehirn von politisch rechts und links orientierten Teilnehmern unterschiedlich dargestellt werden. Zu erklären sei dies so: Wenn wir einen Film sehen, werden jene Gehirnregionen aktiviert, die an der Verarbeitung des visuellen und auditiven Inputs beteiligt sind, aber gleichzeitig auch jene Regionen, die die Zusammenhänge interpretieren. Als die Studienteilnehmer dann zum Beispiel sahen, wie Benjamin Netanjahu jemandem die Hand schüttelte, verhielten sich ihre Gehirne fast so, als würden sie selbst die Bewegungen ausführen. Eine Interpretation dessen ist laut Yeshurun-Dishon, »dass dies ihre Identifikation mit dem, was sie sahen, erleichterte«.

fazit Die Studienergebnisse sind auch vor dem Hintergrund der neuen Regierung in Israel interessant. Denn dass der jüngste Wahlsieger und erneute Ministerpräsident Netanjahu die wohl rechteste Koalition in der Geschichte des Staates Israels eingegangen ist, stellt das ohnehin schon gespaltene Land derzeit vor einige Herausforderungen und einmal mehr vor die Frage, wie politische Dialoge zwischen konträren Lagern in Zukunft geführt werden können. Dieser Aufgabe ist aber nicht nur Israel ausgesetzt, sondern auch Staaten wie die USA, Brasilien und viele weitere.

Das Fazit von Yeshurun-Dishon und Kollegen lautet daher: Für einen gelingenden gesellschaftlichen Dialog und auch für den Erhalt von Demokratien müsse es darum gehen, eine gemeinsame Realität zu schaffen. »Wir haben sie leider nicht mehr«, hält die Wissenschaftlerin fest. Wer eine gemeinsame Basis mit Menschen schaffen will, die politisch komplett anderer Überzeugung sind, müsse zunächst verstehen, welche Informationen die andere Seite wahrnimmt. Erst dann sei die Grundlage für einen Dialog geschaffen, der gelingen kann.

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