Ein Gespräch am 16. Tag des aktuellen Dschungelcamps fasst das Geschehen dieser Staffel bemerkenswert gut zusammen:
Simone Ballack zu Gil Ofarim: »Du bist immer noch da.«
Gil zu Simone: »Ich versteh’s selbst nicht.«
Daraufhin reden Simone und Patrick auf Gil ein, er solle sich bei dem Hotelmitarbeiter, den er 2021 fälschlich des Antisemitismus’ beschuldigt hatte, so entschuldigen, dass die deutsche Gesellschaft ihm endlich verzeiht.
Simone: »Diese Sendung hat eine Riesenreichweite. Sie ist die Plattform für das, was dir am Herzen liegt.«
Gil schaut nachdenklich, schweigt.
Natürlich hat das diesjährige Dschungelcamp noch andere Themen, aber dieses eine dominiert alles, bis zum Schluss. Sowohl im Camp als auch im Hotel Palazzo Versace, wo die rausgewählten Promis und ihre jeweiligen Begleitungen hausen und selbstverständlich ebenfalls in Social Media: Gil Ofarim und sein Skandal.
Zwei Einschätzungen haben ihre Berechtigung
Ein großes deutsches Thema wurde hier verhandelt, das lässt sich ohne Übertreibung festhalten. Zwei Einschätzungen sind nicht gerade selten zu hören. Die eine lautet, dass Antisemitismusvorwürfe zu oft geäußert würden, geradezu inflationär. Die andere lautet, dass es hierzulande schlimmer sei, jemanden Antisemit zu nennen, als einer zu sein. Zwar passen die zwei Befunde nicht so recht zueinander, doch in diesem »Fall Ofarim«, wie ihn RTL aufbereitet hat, finden beide ihre Berechtigung.
Gil Ofarim hatte gegenüber einem Menschen etwas getan, das die deutsche Gesellschaft partout nicht auf sich sitzen lassen kann, nämlich eine Verdächtigung in diesem sensiblen Feld, eine falsche Verdächtigung.
Dass dies für den einen konkreten Hotelmitarbeiter schlimm war, ist offenkundig. Dass die Entschuldigung Ofarims zu spät kam, ebenfalls.
Auch dieses TV-Trashformat hat nicht das Problem lösen können, wie man mit Antisemitismusvorwürfen umgeht.
Ob sie aufrichtig war, konnte auch in diesem Fernsehformat nicht geklärt werden. Ofarim selbst erging sich einerseits in merkwürdigen Andeutungen, die nahelegten, irgendetwas sei an dem Vorwurf doch dran gewesen. Das wissen wir nicht. Zugleich muss man aber festhalten: Substanzielles, das diese Munkelei halbwegs plausibel machen könnte, hat Ofarim nicht vorgetragen: nicht seine Anmerkung, im Beweisvideo des Vorfalls fehlten ein paar Sekunden; auch nicht sein Raunen, die Öffentlichkeit wisse gar nicht alles; und schon gar nicht seine merkwürdige Entschuldigung, er habe doch gar nicht die Stadt Leipzig gemeint.
Es bleibt ein mulmiges Gefühl
Es gibt also starke Gründe, weiter an diesem Befund festzuhalten: Gil Ofarim hat jemanden falsch beschuldigt, und deswegen war es auch nötig, dass er sich vor Gericht entschuldigt und dass er dem Geschädigten ein Schmerzensgeld gezahlt hat.
Trotz dieser guten Gründe bleibt aber ein mulmiges Gefühl: Woher kommt diese Verve bei diesem Thema? Ist es wirklich zu gemein, wenn man vermutet, dass es ein gewisses Aufatmen gibt, dass gerade in diesem Ofarim-Fall wohl alles recht klar ist? Dass sich nämlich der als so ehrverletzend wahrgenommene Vorwurf als falsch erwies?
Die Möglichkeit der Falschbeschuldigung besteht ja immer. Und wenn sie eintrifft, ist das bitter, immer und ohne Ausnahme. Aber sollte nicht auch für diesen Fall — ähnlich wie für das ja auch nicht gerade seltene Phänomen, dass Menschen zurecht Antisemitismus (oder Rassismus oder Sexismus oder oder oder) nachgesagt wird — gelten, dass dies irgendwann ausverhandelt ist? Dass also, um es mit einem sehr üblichen Begriff auszudrücken, die Vergangenheit irgendwann bewältigt sein sollte?
Fassen wir die Gedanken dieser vielleicht zu ernst gewordenen Kolumne kurz vor Ende dieser Dschungelcamp-Staffel zusammen: Auch dieses TV-Trashformat hat nicht das Problem lösen können, wie man mit Antisemitismusvorwürfen umgeht — mit denen, die falsch sind und mit denen, die zutreffen, die es ja auch geben soll.
Rausgewählt wurden Patrick und Simone. Im Finale am Sonntagabend stehen Hubert, Samira und — wer hätte das gedacht? — Gil.