Brustkrebs-Studie

Geteiltes Leid

Aschkenasische Frauen sind überdurchschnittlich häufig von Brustkarzinomen betroffen. Foto: imago

Manchmal schlägt das Schicksal gleich doppelt zu. »Mein Mann leidet bereits seit drei Jahren an Prostatakrebs«, erzählt die 72‐jährige Schoschana Weissmann. »Die Behandlung zeigt zwar Erfolge, aber eine Entwarnung geben die Ärzte noch lange nicht«, berichtet die Rentnerin aus Givataim. »Und nun bekam ich nach meiner letzten Routineuntersuchung selbst eine Schreckensnachricht: Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Das Entsetzen bei uns beiden war unbeschreiblich.«

Ihre Reaktion ist natürlich mehr als verständlich. Schließlich löst eine solche Diagnose bei den allermeisten Betroffenen zuerst immer Gefühle wie Hilflosigkeit, Niedergeschlagenheit oder Angst aus. Daran können auch alle Fortschritte in der Medizin wenig ändern. In der Psychoonkologie spricht man daher sogar von einem »Sturz aus der Wirklichkeit«. Frauen reagieren dabei meist emotionaler als Männer, ältere Menschen im Alter von 70 plus eine Spur gelassener.

BRCA1 Rein statistisch gesehen ist Brustkrebs zudem die häufigste Karzinomerkrankung in Israel. Ursache dafür sind unter anderem Mutationen der Gene BRCA1 und BRCA2, die besonders oft bei aschkenasischen Frauen zu finden sind. Darüber hinaus bewegt sich im jüdischen Staat die Mortalitätsrate gerade bei Brustkrebs im internationalen Vergleich eher im oberen Bereich: Auf 100.000 Frauen kommen statistisch gesehen jährlich 30,5 Todesfälle. Der OECD‐Durchschnitt liegt bei 24,4.

Doch gerade Frauen wie im Fall von Schoschana Weissmann, deren Partner gleichfalls an Krebs erkrankt sind, kann nun ein wenig Mut gemacht werden. Denn was auf den ersten Blick wie eine zusätzliche psychische Belastung aussieht, kann sich – so paradox das auch klingen mag – offenbar recht positiv auf den Verlauf ihrer Krankheitsgeschichte auswirken.

Zu diesem Fazit jedenfalls kamen jetzt Krebsspezialisten vom Sharett Institute of Oncology am Hadassah University Hospital in Jerusalem im Rahmen einer groß angelegten Studie, die nun im medizinischen Fachblatt »Journal of Women’s Health« veröffentlicht wurde und für Aufsehen sorgt.

Pflege »Den anderen zu pflegen und sich intensiv um ihn zu kümmern, scheint Frauen mit Brustkrebs zu helfen, mit der eigenen Krankheit besser umgehen zu können«, bringt es Yakir Rottenberg, der Leiter des Forschungsprojekts, auf den Punkt. »Unser Ziel lautete: Das Sterblichkeitsrisiko von Frauen einzuschätzen, bei denen ein Mammakarzinom entdeckt wurde, während sie sich bereits um einen an Krebs erkrankten Lebenspartner kümmerten.«

Die Wissenschaftler werteten dafür eigens die Daten der israelischen Statistikbehörde aus, die für den Zeitraum zwischen 1995 bis 2011 genau 14.429 an Brustkrebs erkrankte Frauen sowie 3400 in diesem Zusammenhang registrierte Todesfälle zählt. »Diese unterteilten wir in zwei mal zwei Gruppen«, so Rottenberg. Und zwar jene mit einer positiven beziehungsweise einer negativen Krankheitsgeschichte des männlichen Partners vor der Diagnose Brustkrebs sowie denen, deren Gatte einfach nur gesund war und lebte oder aber bereits verstorben war. Das Alter der betroffenen Frauen, ihre ethnische Herkunft sowie das Stadium der Erkrankung bei Diagnosestellung flossen in die Analysen ebenfalls mit ein.

Befund »Auf Basis all dieser Angaben konnten wir feststellen, dass das Sterberisiko von Frauen, die sich bereits in den fortgeschrittenen Stadien II oder III befanden, als sie vom Arzt ihren Befund erhielten, um 24 Prozent geringer ausfiel, wenn ihr Partner bereits vorher an Krebs erkrankt war und sie sich um ihn seit geraumer Zeit gekümmert hatten.«

Zu zweit gemeinsam zu leiden, scheint sich positiv auf die Gesundheit auszuwirken, das ist die eine Erkenntnis. »Offensichtlich existiert ein signifikanter Zusammenhang.« Yakir Rottenberg und sein Team sprechen daher von einer Art »Versorgungseinheit«, die sich durch die bereits geleistete Pflege des anderen gebildet hat und der Frau hilft, ihre Brustkrebserkrankung besser in den Griff zu bekommen.

Zugleich untermauert die Studie aus Israel andere Untersuchungen, die immer wieder weiche Faktoren wie die Stabilität des sozialen Umfelds oder die Beziehung zum Partner in den Vordergrund rücken, wenn es darum geht, die Überlebenschancen bei Brustkrebs einzuschätzen und in der Therapie entsprechende Akzente zu setzen. So wiesen Mediziner aus den Vereinigten Staaten und China erst vor wenigen Wochen im Fachmagazin »Cancer« darauf hin, dass bei eher allein lebenden Frauen die Krankheit häufiger wieder zurückehrte als bei solchen, die sozial gut eingebettet waren. Und zwar lag die Wahrscheinlichkeit um etwa ein Drittel höher.

Dafür hatten sie über zehn Jahre hinweg mehr als 9000 Brustkrebspatientinnen beobachtet. »Aber es sind noch weitere Studien notwendig, um endgültig zu begreifen, wie und warum soziale Kontakte Einfluss auf die Heilungschancen nehmen«, so die Wissenschaftler. Die Krebserkrankung des Partners scheint überraschenderweise ein Aspekt zu sein.

Erfahren Sie mehr unter dem Link beim »Journal of Women’s Health«
http://online.liebertpub.com/doi/pdfplus/10.1089/jwh.2015.5683

Alfred Bodenheimer

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