Geschichte

»Geteiltes Gedenken«

Die Historiker Annette Leo und Gerd Kühling über etablierte Erinnerungskultur und Auswege

von Christine Schmitt  22.01.2018 18:09 Uhr

»Inklusion und Partizipation werden immer wichtiger«: Annette Leo und Gerd Kühling Foto: Gregor Zielke

Die Historiker Annette Leo und Gerd Kühling über etablierte Erinnerungskultur und Auswege

von Christine Schmitt  22.01.2018 18:09 Uhr

Frau Leo, Herr Kühling, das Rote Kreuz ließ in der Nachkriegszeit Kerzen verteilen, auf denen stand »Ich denke an Dich«. Damit wurde damals an die Kriegsopfer erinnert. Ein Foto davon aus dem Jahr 1952 zeigen Sie unter anderem in der Ausstellung »Ausgeblendet. Der Umgang mit NS‐Täterorten in West‐Berlin«. Gab es eigentlich auch ein Gedenken an Juden?
Gerd Kühling: Nach 1945 wollten sich die meisten Deutschen nicht mit den NS‐Verbrechen und Fragen der Schuld auseinandersetzen. In Berlin, das aufgrund seines Viermächtestatus eine Sonderrolle einnahm, war auch das Gedenken geteilt.
Annette Leo: In West‐Berlin wurden zahlreiche Gebäude bewusst abgerissen und damit aus dem Gedächtnis getilgt. Im Osten wurden einige Orte, an denen Menschen inhaftiert waren oder gequält wurden, schon sehr früh als solche wahrgenommen – auch, weil die überlebenden Opfer oder ihre Angehörigen dafür gesorgt haben. Ein Beispiel dafür ist die »Köpenicker Blutwoche«, eine Verhaftungs‐, Folter‐ und Mordaktion der SA gegen Sozialdemokraten und Kommunisten.

Wie wurde der Holocaust wahrgenommen?
Leo: In Ost‐Berlin tritt das Gedenken an jüdische Opfer hinter die Erinnerung an politisch Verfolgte des kommunistischen Widerstands. Dem hat sich die DDR als antifaschistischer Staat verpflichtet gefühlt.

Wie wurde mit Täterorten umgegangen?
Leo: Es ist ein Unterschied, ob es sich um Orte handelt, bei denen man sich mit den Opfern identifizieren konnte. Das ist viel leichter, als sich mit den Täterorten zu beschäftigen, denn die weisen auf die deutsche Geschichte hin. Auf massenhafte Verbrechen, die nicht von wenigen Einzeltätern begangen wurden, sondern von dem Staatsapparat, in den sehr viele mit einbezogen waren. Und da hat es im Osten wie im Westen eine ähnliche Zurückhaltung gegeben, allerdings mit unterschiedlichen Vorzeichen.

Inwiefern?
Leo: Im Osten gab es eine Staatsdoktrin. Es handelt sich um einen antifaschistischen Staat, der Faschismus war mit seinen Wurzeln vermeintlich ausgerottet. Die kleinen und mittelschwer belasteten Nazis verschwanden aus der Wahrnehmung, weil man viele in den Aufbau mit einbezogen hat. Wenn sie bereit waren, sich beim Aufbau des Sozialismus zu engagieren, dann waren sie praktisch geläutert. In der BRD war das ein wenig anders, da sie sich als Nachfolgestaat des »Dritten Reiches« sah und die ehemaligen Täter in noch viel größerem Umfang in den Neuaufbau einbezog.
Kühling: Wer an die Opfer nicht erinnert, braucht die Frage nach den Tätern nicht zu stellen. Bis der Opfer gedacht wurde, dauerte es ja auch eine ganze Weile. Beispielsweise gibt es eine Broschüre über das Schullandheim Neukölln aus den 50er‐Jahren – das heutige Haus der Wannsee‐Konferenz. Die frühere Geschichte wird nicht einmal darin erwähnt.

Wer übernahm die Initiative dafür?
Leo: Hauptsächlich Überlebende der jüdischen Gemeinschaft. Die haben erst einmal ein Interesse, zu sagen: Wir gedenken unserer Angehörigen. Warum sollten sie auch der Täter gedenken? Das ist doch etwas, wofür die Gesellschaft verantwortlich ist.
Kühling: Der Auschwitz‐Überlebende Joseph Wulf und der Publizist Gerhard Schoenberner gehören zu den wenigen, die sich in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende um die Aufarbeitung und Sichtbarmachung der Verbrechen des »Dritten Reiches« bemühten. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft wollte nicht mit den NS‐Verbrechen und seinen Planungszentralen konfrontiert werden. Und genau dieser Geschichte widmet sich die Ausstellung »Ausgeblendet«. Sie präsentiert an ausgewählten Beispielen den schwierigen Prozess und das große Engagement Einzelner für die Erinnerungskultur in West‐Berlin.

Welche Beispiele meinen Sie genau?
Kühling: Das ehemalige »Eichmannreferat« in der Kurfürstenstraße 115/116, das Gelände des Reichssicherheitshauptamtes an der Wilhelmstraße oder eben auch das Haus der Wannsee‐Konferenz.

Was ist mit dem Gebäude, in dem sich das »Eichmann‐Referat« befand, passiert?
Kühling: Es gab das Gerücht, das es ausgebombt wurde, was aber falsch ist. Das Haus hatte den Krieg relativ unbeschadet überstanden und wurde erst 1964 abgerissen. Für unsere Ausstellung ist es uns gelungen, Fotomaterial von diesen Abrissarbeiten aus­findig zu machen. Der Fund ist deshalb so erfreulich, weil selbst in wissenschaftlichen Publikationen oft davon die Rede ist, dass das Gebäude während des Eichmann‐Prozesses in Jerusalem abgerissen wurde.

Ein Foto im Ausstellungskatalog zeigt Heinz Galinski, den damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, bei der Enthüllung einer Gedenktafel im Haus der Wannsee‐Konferenz.
Kühling: Das ist ein gutes Beispiel für die Haltung »Nicht genau wissen wollen«. Die Gedenktafel wurde ursprünglich neben dem Tor zur Straße angebracht, danach mit Nazi‐Parolen beschmiert und schließlich gestohlen. Ein Abguss wurde – von der Straße aus nicht mehr sichtbar – direkt am Haus befestigt. 1982 ließ das Bezirksamt wieder eine identische Tafel neben dem Tor anbringen. Übrigens: Wer an der Konferenz teilgenommen hat und was auf ihr besprochen wurde, darüber steht nichts auf der Tafel – auch nicht, dass »jüdische Mitmenschen« systematisch ermordet wurden.

Ein »Ort der Täter« schaffte es jüngst immer wieder in die Medien, und zwar das ehemalige jüdische Arbeitsamt Fontanepromenade, wo eine Gedenkstätte entstehen soll.
Leo: Ich weiß gar nicht, ob jeder Ort bespielt werden muss. Mir würde ein Hinweis auf die Geschichte reichen. Man kann sein Smartphone daran halten und so alles erfahren. Die Räume müssen nicht immer begehbar sein. Das droht in dieser Stadt schon etwas überhandzunehmen.
Kühling: Wobei Zwangsarbeit überall in Berlin präsent war, was aber gar nicht so bekannt ist. Wenn man dort zusätzlich zu dem Ort Schöneweide im Kiez zeigt, wo Zwangsarbeit geleistet werden musste, wä­re es spannend.

Wie könnten Gedenkstätten von morgen aussehen?
Kühling: Wir sollten es uns nicht in der etablierten Erinnerungskultur gemütlich machen. Inklusion und Partizipation werden immer wichtiger. Die Besucher der Ausstellung »Ausgeblendet« werden von uns eingebunden. Folgende Fragen richten wir an sie: »Was wird heute weiterhin ausgeblendet?«, »Was fehlt in der etablierten Erinnerungsarbeit?«, »Welchen weiteren The­men sollten sich NS‐Gedenkstätten stellen?« und »Welche neuen Zugänge zur NS‐Vergangenheit brauchen wir?«.

Die Ausstellung wurde im Haus der Wannsee‐Konferenz gezeigt und bis Ende Dezember in der Topographie des Terrors. Was haben Besucher Ihnen geschrieben?
Kühling: Das war ganz unterschiedlich. Gewünscht wurde zum Beispiel eine stärkere Auseinandersetzung mit weniger beachteten Opfergruppen, wie die Opfer der sogenannten NS‐Lebensraumpolitik, die als »asozial« Verfolgten oder die Homosexuellen. Auffallend war zudem der starke Bezug zum gegenwärtigen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Unter anderem wurde die Aufdeckung der Parallelen zwischen Nazi‐Propaganda und dem Vokabular in heutigen rechten Bewegungen gefordert.

Das Haus der Wannsee‐Konferenz wurde vor 26 Jahren, am 19. Januar 1992, als Gedenkstätte eröffnet. Muss die Dauerausstellung jetzt schon überarbeitet werden?
Kühling: Ja. Es gibt mittlerweile den Trend, weniger Text zu verwenden. Im Haus der Wannsee‐Konferenz ist das gerade eine Debatte. So wie sie jetzt dort ist, ist sie für viele zu umfangreich und schwer verständlich. Und dann müssen wir uns fragen, mit welchen Tätern wir uns heute auseinandersetzen. Da sind die Deutschen – die Großväter, die Urgroßväter –, aber die Schüler aus Berlin haben heute verschiedenste Hintergründe. Deshalb brauchen wir mehr Bezüge zu den Ländern, aus denen die Familien der Berliner Jugendlichen stammen.

Welche Projekte planen Sie?
Kühling: Das »Aktive Museum« möchte im Juni im Centrum Judaicum eine Ausstellung über die sogenannte Polenaktion der Nazis präsentieren, die wir zusammen mit der Abteilung Geschichte am Osteuropa‐Institut der Freien Universität Berlin erarbeiten.
Leo: Ich beschäftige mich gerade mit der Geschichte einer Sinti‐Familie.

Mit der Historikerin und Publizistin Annette Leo und dem Historiker der Gedenk‐ und Bildungsstätte »Haus der Wannsee‐Konferenz« und des »Aktiven Museums« Gerd Kühling sprach Christine Schmitt.

Die Schau »Ausgeblendet. Der Umgang mit NS‐Täterorten in West‐Berlin« wurde von Mitarbeitern des Aktiven Museums und vom Haus der Wannsee‐Konferenz erarbeitet und kann ausgeliehen werden.

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