Kunstgeschichte

Geschmäht, gesammelt, hoch bezahlt

Mit dem Impressionismus beginnt eine neue Kunstepoche. Seit damals gehen der Zeitgeschmack und die neue Malerei getrennte Wege. Daran erinnert gegenwärtig in Amsterdam die Hermitage mit der Ausstellung »Impressionismus – Sensation & Inspiration«. Zugleich wird deutlich, wie wichtig Künstler wie Max Liebermann, Kunsthändler wie Paul Cassirer, Alfred Flechtheim oder Heinrich Thannhauser und Sammler wie Carl und Felice Bernstein, Eduard Arnhold, Jakob Goldschmidt, die Mendelssohns oder die Mosses, aber auch Frauen wie Margarete Oppenheim oder Margarete Mauthner waren, die die Kunst des Impressionismus nach Berlin brachten.

Ihr Leben und ihre Bilderschätze beschreibt der Band Aufbruch in die Moderne, herausgegeben von Anna-Dorothea Ludewig, Julius H. Schoeps und Ines Sonder. Er ist ein Vademecum der »Sammler, Mäzene und Kunsthändler in Berlin 1880–1933« (so der Untertitel) – allerdings nur der jüdischen oder aus einst jüdischen Familien stammenden.

Die Zeitspanne deutet bereits an, dass die Musen stets von der Politik bedrängt wurden. Denn die »Moderne« ist die französische Kunst, die – besonders nach dem preußisch-französischen Krieg von 1870/ 71 – vielen als »welsch« und »undeutsch«, auch als dekadent galt. Und selbstverständlich lässt sich nicht ausblenden, was aus den Sammlern (oder ihren Erben) wurde – und aus ihren Sammlungen, die seit 1933 über die Welt verstreut und oft verschollen sind.

Berlin Doch das Hauptthema des Bandes bleibt, wie die neue Kunst dank dieser recht unterschiedlichen Akteure offizielle Anerkennung und einen Platz in den Museen gewann. Damit wird an Männer und Frauen erinnert, die die Kunstgeschichtsschreibung fast immer vernachlässigt, obwohl dank ihrer Begeisterung das noch Neue, Ungewohnte, Ungewöhnliche seinerzeit in Berlin heimisch wurde.

Das wird von 14 Autoren in 14 Kapiteln berichtet, selten erzählt. Der Band, was unerwähnt bleibt, vereint nämlich Vorträge einer Tagung des Moses-Mendelssohn-Zentrums (MMZ), die 2010 im Liebermann-Haus in Berlin stattfand. Deshalb ist manches, wiewohl lesenswert, recht mühsam zu lesen. Denn fast jedes Mal wird erneut mitgeteilt, dass Kaiser Wilhelm II. – durchaus im Einklang mit den meisten seiner Zeitgenossen – nichts von dieser Kunst hielt und es deshalb etwas Besonderes gewesen sei, sich ihr zuzuwenden.

Auch wie die Museumsleiter Hugo von Tschudi und Ludwig Justi zugunsten der Nationalgalerie die Sammler für die Impressionisten zu interessieren verstanden, wiederholt sich oft. Und da von Tschudi 1896 Eduard Arnhold, Robert von Mendelssohn, Ernst von Mendelssohn-Bartholdy und Hugo Oppenheim gewinnen konnte, gemeinsam die 22.000 Francs für Manets Im Wintergarten zu spenden, wird auch das mehr als einmal referiert.

Dagegen erfährt man nur wenig über die sozialen Komponenten dieses Sammeleifers: inwieweit er prestigegeleitet war, weil der Reichtum sichtbar sein sollte, ob das Mäzenatentum der Förderung der Kunst oder der Festigung des gesellschaftlichen Ansehens galt, wie weit und wie schnell die Impressionisten – Liebermanns Ansehen in Berlin spielte dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle – in den Kanon des Sammlungswürdigen hineinwuchsen.

renoir Denn oft teilten sich die neueren Bilder Räume mit alten Meistern, Holländern oder der Schule von Barbizon. So geht in dem Lob des avantgardistischen Sammelns, dem Tenor dieser Vorträge, unter, dass die Impressionisten keineswegs frisch von der Staffelei nach Berlin kamen. Meist waren sie bereits Jahrzehnte alt. Den Knaben mit der Katze, den Arnhold 1902 für 11.000 Mark erwarb, hatte Renoir 1868 gemalt. Ihre Van-Gogh-Gemälde kauften Lotte und Paul von Mendelssohn-Bartholdy um 1914, ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Malers. Und noch später, erst 1929, kam durch Justi sein Garten Daubignys für 240.000 Reichsmark in die Nationalgalerie – zur Hälfte die Spende des Deutsch-Amerikaners Hans Reisinger, zur anderen Hälfte ein Kredit von Goldschmidt.

Die Beispiele machen deutlich, dass die Impressionisten nicht wie Außenseiterware gehandelt wurden, sondern längst ihre Preise, die in den Beiträgen allerdings kaum erwähnt werden, und ihre Provenienzen hatten. Das mag bei den Bernsteins, die 1882 ihre ersten impressionistischen Gemälde in Paris kauften, noch anders gewesen sein. Aber zu Zeiten der Münchner (1892), Wiener (1897) und Berliner Secession (1900), in denen die Berliner Sammlungen entstanden, war es eine zwar angefeindete, doch inzwischen etablierte Avantgarde – die sich bald gegen Expressionisten wie Abstrakte behaupten musste, die dieser Sammlergeneration genauso fremd blieben wie ihren Widersachern der Impressionismus.

Der Aufbruch in die Moderne liefert somit einige Bausteine für das labyrinthische Gebäude, in dem diese wie andere wichtige und einflussreiche »Sammler, Mäzene und Kunsthändler« in Berlin und anderswo vor und nach 1900 ihren historischen Platz finden könnten – vorausgesetzt, jemand lässt sich auf diese Herkulesarbeit ein.

»Aufbruch in die Moderne. Sammler, Mäzene und Kunsthändler in Berlin 1880–1933«. Hrsg. von Julius H. Schoeps, Anna-Dorothea Ludewig, Ines Sonder. Dumont, Köln 2012, 304 S., 60 Abb., 29,95 €

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