Ausstellung

»Genozid ist gegenwärtig«

Syrische Soldaten verpacken Leichen getöteter Regimegegner. Foto: Coalition for Democratic Syria

Herr Hudson, das United States Holocaust Memorial Museum in Washington zeigt zurzeit eine Ausstellung mit dramatischen Fotos der Opfer des Assad-Regimes in Syrien. Wie kamen Sie zu den Bildern?
Im Sommer hatten uns Vertreter der syrischen demokratischen Opposition angesprochen und uns von einem Mann mit dem Decknamen »Caesar« erzählt, einem Fotografen beim militärischen Geheimdienst des Regimes, der von seiner Arbeit dort desillusioniert und mit seinen Fotos auf der Flucht war. Als wir »Caesar« kennenlernten, hat uns seine Geschichte sehr beeindruckt, weil es in unserem Museum so viele Berichte über Menschen gibt, die Zeugen der Verbrechen wurden, die in Europa während des Zweiten Weltkrieges stattfanden, und dann nach Washington kamen, um vor den US-Behörden Zeugnis abzulegen. »Caesars« Geschichte war in dieser Hinsicht so ähnlich, dass uns nicht nur die Bilder selbst sehr bewegt haben, sondern auch, wie sie entstanden sind.

55.000 Bilder haben ihren Weg aus Syrien gefunden. Sie präsentieren eine Auswahl. Alle Fotos zeigen schreckliche Szenen, gefolterte, ausgemergelte tote Körper. War es eine schwierige Entscheidung, solch drastische Fotos öffentlich auszustellen?
Der Teil des Museums, den ich leite, das Zentrum für Genozidprävention, hat eine programmatische Arbeitsgrundlage. Wir wollen, dass die Menschen verstehen, dass Genozid nicht mit dem Holocaust geendet hat, dass diese Art Verbrechen auch heute stattfinden. Diese Fotos auszustellen, war für uns daher eine sehr einfache Entscheidung, denn sie zeigen, dass die Gewalt, die wir aus einer anderen Zeit kennen, in Syrien gegenwärtig ist. Die wahre Kraft dieser Fotos ist die Geschichte, die sie über das Assad-Regime erzählen, auf eine Art, wie sie uns bisher nicht erfahrbar war. Wir haben zwar von Kriegsverbrechen gehört und von Folter, aber diese Fotos konfrontieren uns so mit der Realität dieser Grausamkeiten, dass man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann.

Die Vereinten Nationen haben in Bezug auf Syrien das Wort Genozid noch nicht verwendet. Würden Sie es tun?
Wir sagen nicht, dass es bereits zu einem Genozid gekommen ist oder kommen wird. Wir sprechen von einem drohenden Genozid. Wir glauben, dass es sehr starke Hinweise darauf gibt, dass sich in Syrien die Gewalt ausweitet und in einigen Fällen bestimmte Bevölkerungsgruppen vorsätzlich zum Ziel von Aktionen des Regimes werden. Abgesehen davon ist die Tatsache, dass es in Syrien im Verlaufe dieses Konflikts bereits in vielen, vielen Fällen zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit gekommen ist, an sich wichtig genug, dass wir die Menschen, die in unser Museum kommen, daran erinnern wollen. Was uns besorgt, ist, dass vier Jahre in diesem Konflikt vergangen sind, ohne absehbares Ende. Die Richtung. in die er sich jetzt entwickelt, auch aufgrund der Gefahr, die von ISIS ausgeht, könnte die Situation noch dramatischer werden lassen. Assads eigene »Endlösung« könnte noch ausstehen. Ziel dieser Ausstellung ist es, der Öffentlichkeit bewusst zu machen, dass der Konflikt nicht vorbei ist und die Gefahr eines Genozids noch immer droht.

In amerikanischen Medien wurden die Fotos mit Aufnahmen der Befreiung von Auschwitz verglichen. Eine kontroverse Parallele. Wie sehen Sie das?
Zunächst möchte ich klarstellen, dass unser Museum solche Vergleiche nicht zieht. Wir vergleichen nichts mit dem Holocaust. Ein Grund, warum die Menschen sich zu solchen Vergleichen hinreißen lassen, ist wohl, dass sie Mord in industriellem Ausmaß sehen, Massen ausgemergelter Leichen. Ich glaube, dass sich viele beim Anblick dieser ausgehungerten, zu Haufen aufgetürmten Körper sofort an ein Bild erinnern, dass wir alle im Gedächtnis tragen.

Dieses historische Bild wird auch im Museum nachdrücklich in Erinnerung gerufen.
Ja. Um die »Caesar«-Fotos zu sehen, muss man zuvor durch unsere Dauerausstellung zum Holocaust gehen. Also steht man erst vor den aktuellen Bildern, nachdem man eine Reise durch die Geschichte der Jahre 1933 bis 1947 gemacht hat. So bekommt die Syrien-Ausstellung meiner Meinung nach noch mehr Aussagekraft und Relevanz.

Inwiefern?
Die Dauerausstellung versucht zu erklären, wie und warum der Holocaust geschehen konnte. In der Syrien-Ausstellung erklären wir nicht, warum etwas passiert, sondern wollen zeigen, dass die Bedrohung durch das schlimmste aller Verbrechen, das vor 70 Jahren stattgefunden hat, andauert. Diese Aussage wird nur verständlich, wenn man zuvor durch die Ausstellung über die Schoa gegangen ist. Wären »Caesars« Fotos einfach in einer Galerie ausgestellt, hätten sie nicht die gleiche Wirkung, sie wären ihrer historischen Bedeutung beraubt. Die meisten unserer Besucher sind Schüler. Der Holocaust und sogar der Genozid in Ruanda geschahen, bevor sie geboren wurden. Aber die Tatsache, dass die Bilder aus Syrien 2013 und 2014 aufgenommen wurden, dass diese Verbrechen heute stattfinden, schafft ein Gefühl von Verantwortung. Man kann durch die Holocaust-Ausstellung gehen und sagen: »Dafür bin ich nicht verantwortlich, das ist Geschichte.« Bei Syrien aber denken die Besucher: »Jetzt ist es an mir. Ich kann darüber nachdenken, was ich 1942 getan hätte, jetzt muss ich mich fragen, was ich heute, 2014, tun kann.« Ich denke, das sind starke Fragen, mit denen wir vor allem junge Besucher konfrontieren. Alles, was wir hier im Museum tun, steht unter der Prämisse, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Die Ausstellung über Syrien trägt dazu bei.

Mit dem Direktor des Zentrums für Genozidprävention beim US Holocaust Memorial Museum sprach Pascale Müller.

www.ushmm.org

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