Gesundheit

Generation Bamba

Frisches Gemüse oder Burger mit Pommes – wie wird er sich wohl entscheiden? Foto: Thinkstock

Viel Olivenöl, reichlich Salat und leckeres Hummus – Israels Küche gilt gemeinhin als eine der gesündesten weltweit. Und dennoch: Die Israelis neigen zunehmend zur Fettleibigkeit. Vor allem Kinder und Jugendliche bringen im Vergleich zu ihren Altersgenossen in Europa oder anderswo deutlich mehr Kilo auf die Waage.

Das jedenfalls belegen die aktuellen Zahlen der Commission on Ending Childhood Obesity der UN-Weltgesundheitskommission WHO, die jüngst der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Demnach haben 28,8 Prozent aller Israelis im Alter von unter 18 Jahren Übergewicht. Aber das ist nicht die einzige schlechte Nachricht: Wenn der Trend anhält und nichts unternommen wird, um ihre Essgewohnheiten zu ändern und für mehr Bewegung zu sorgen, werden es innerhalb der nächsten acht Jahre deutlich mehr sein, nämlich bis zu 50 Prozent, so die Herausgeber der Studie.

adipositas Demnach werden rund 780.000 junge Israelis einen Body-Mass-Index (BMI) von über 25 haben, der als nach oben abweichende Norm betrachtet wird. Diese liegt bei Werten zwischen 18,5 und 25. Ab einem BMI von 30 spricht man sogar von Adipositas, zu Deutsch: Fettleibigkeit. Davon sind derzeit rund 12,6 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Israel betroffen. Zum Vergleich: Nur in den Vereinigten Staaten liegt der Anteil mit 12,9 Prozent etwas höher; in Europa dagegen beträgt der Durchschnittswert 7,4 Prozent. Kein Wunder, dass angesichts solcher Zahlen viele Experten Alarm schlagen und mehr Initiativen im Kampf gegen die Pfunde fordern.

»Wir sprechen dabei von dem derzeit wohl größten Gesundheitsproblem der westlichen Welt«, lautet dazu die Einschätzung von Gal Dubnov-Raz. »Es handelt sich um eine tickende Zeitbombe, die bereits heute zahlreiche gesundheitliche Implikationen mit sich bringt«, so der Direktor der Klinik für Sport am Sheba Medical Center in Tel Haschomer bei Tel Aviv. »Offensichtlich unternehmen wir immer noch viel zu wenig dagegen.«

Dabei sind die Ergebnisse nicht wirklich überraschend. Schon im Jahr 2012 wies die israelische Krankenkasse Clalit darauf hin, dass einer von elf israelischen Jugendlichen an Adipositas leidet. Untersucht wurden dafür 230.000 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 17 Jahren. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass mit 10,7 Prozent eher männliche Teenager betroffen sind. Bei weiblichen Teenagern sind es dagegen lediglich 7,1 Prozent.

neigung Auch der sozioökonomische Hintergrund spielt eine Rolle: Wer aus wirtschaftlich schwächeren Verhältnissen stammt, weist signifikant häufig eine Neigung zu Übergewicht auf. »Eine der wesentlichen Schlussfolgerungen aus den Studienergebnissen sollte also lauten, dass wir genau auf diese Gruppe abgestimmte Programme entwickeln müssen«, erklärt Ran Balicer, Direktor des Clalit-eigenen Forschungsinstituts.

Gründe für die im internationalen Vergleich erschreckend hohen Zahlen in Israel gibt es zuhauf. So wurden die Bamba-Erdnussflips sehr erfolgreich als vermeintlich gesunder Snack speziell für Kinder vermarktet. Allein der Blick auf die Packung reicht, um zu wissen, dass sie einfach nur fett machen: 544 Kalorien auf 100 Gramm – auf diesen Wert müssen andere Nahrungsmittel erst einmal kommen. Zudem sind israelische Kinder Weltmeister im Konsum von Coca-Cola und anderen süßen Getränken. 41 Prozent aller Mädchen und 45 Prozent aller Jungs konsumieren mindestens einmal am Tag einen Softdrink. Selbst in den USA tun dies nur 30 Prozent der Mädchen und 32 Prozent der Jungen. Allenfalls arabisch-israelische Kinder kommen mit 51 Prozent auf einen noch höheren Verbrauch.

»Kinder nehmen heute deutlich mehr Kalorien zu sich, als sie verbrauchen«, erklärt Mediziner Dubnov-Raz. Auch dafür gibt es ganz spezifisch israelische Gründe: Zum einen fiel an vielen Schulen der Sportunterricht dem Rotstift zum Opfer. »In anderen Staaten ist dieser mehrmals die Woche üblich, in Israel dagegen oftmals nur einmal – wenn überhaupt.« Zum anderen lassen die meisten Eltern ihren Nachwuchs nicht einfach mehr draußen spielen, sondern fahren Tochter oder Sohn bis ins hohe Teenageralter jeden Meter mit dem Auto durch die Gegend. Auf diese Weise potenziert sich der Bewegungsmangel.

kosten Dubnov-Raz sieht auf die israelische Gesellschaft daher viele Herausforderungen zukommen. »Aus übergewichtigen Kindern werden zumeist auch übergewichtige Erwachsene.« Entsprechend anfällig für Erkrankungen sind sie schon in frühen Jahren. Langfristig bedeutet dies hohe Kosten für das Gesundheitssystem, aber letztendlich belastet die Entwicklung auch das Bruttosozialprodukt. »Und wenn sie mit 18 Jahren zum Militärdienst eingezogen werden, kann sich die Armee mit dem Problem herumschlagen, weil immer mehr schlichtweg nicht fit sind«, weiß Dubnov-Raz.

Lösungsansätze sieht der Mediziner vor allem in der Erziehung sowie in der Schule. Dabei empfiehlt er, auf jeden Fall das Wort »Diät« zu vermeiden und stattdessen auf gesunde Lebensmittel und mehr Bewegung zu achten. Normalerweise kehren nach einer Diät die Pfunde schnell wieder zurück. »Dann kommt auch noch die Frustration über den Misserfolg hinzu, was nicht selten sogar zu einer Depression führt.« Häufig sind kalorienhaltige Leckereien in solchen Fällen die einzigen kleinen Tröster.

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