Bildung

Gemeinde, Hörsaal – und zurück

Doron Kiesel und Esther Weitzel-Polzer (M.) diskutieren mit Teilnehmern des Studienprogramms. Foto: Philipp Rothe

Sie kommen aus Deutschland, Russland, der Ukraine, aus Israel oder Italien. Sie sind Juristen, Pharmazeuten, Ingenieure, Pädagogen, Soziologen oder ehrenamtliche Sozialarbeiter – viele sind bereits heute in den Sozialabteilungen jüdischer Gemeinden tätig: die 30 Studentinnen und Studenten, die sich in der vergangenen Woche zum Studienkurs »Jüdische Soziale Arbeit« an der Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) in Heidelberg versammelt haben. Vertreten ist ein breites Altersspektrum: Die jüngste Teilnehmerin hat gerade ihr Abitur gemacht, der älteste ist Mitte 50.

Am ersten Tag geben die beiden Leiter des Studienprogramms, Doron Kiesel, Wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden, und Esther Weitzel-Polzer, Professorin an der Fachhochschule Erfurt, den Studierenden einen Überblick über die Ziele und Inhalte. Vier Jahre habe es gedauert, bis die Finanzierung stand, erzählen die beiden. Es ist der Zentralrat, der die gesamten Kosten trägt. Für die Teilnehmer fallen lediglich die Reisekosten nach Heidelberg an.

bachelor of arts Der Studienkurs ist als berufsbegleitendes Programm angelegt und kann nach sieben Semestern mit einem Bachelor of Arts in Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Erfurt abgeschlossen werden. Die Teilnehmer wollen sich damit auf die Arbeit in Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens, in Jugendverbänden, in jüdischen Gemeinden oder Bildungsinstitutionen vorbereiten.

Das »jüdisch« im Namen bedeutet allerdings nicht, dass die Ausbildung nur für die Arbeit in jüdischen Einrichtungen qualifiziert: Die Teilnehmer lernen alles, was man im Fach Sozialarbeit an anderen (Fach-)Hochschulen auch lernt, nur dass zusätzlich ein Schwerpunkt auf jüdischen Werten und den speziellen Bedürfnissen der Klientel jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen liegt.

Wenn man am Ende der dreieinhalb Jahre seine Praktika absolviert und den Bachelor-Abschluss gemacht hat, ist man staatlich anerkannter Sozialarbeiter, dem das gesamte Berufsfeld offensteht.

EHRENAMT Viele wollen aber tatsächlich (weiter) in jüdischen Einrichtungen arbeiten. Alexandra Kukuschkin und Clarissa Busiol wohnen beide in Frankfurt und haben damit einen wesentlich kürzeren Anfahrtsweg als viele andere Teilnehmer, die unter anderem aus Hamburg, München, Köln oder Berlin kommen. Kukuschkin studiert derzeit BWL, ihre Schwester ist bereits Sozialarbeiterin.

»Sie ist jetzt bei der Caritas und arbeitet mit Flüchtlingskindern, ich helfe da manchmal ehrenamtlich mit«, erzählt Kukuschkin. »Nach diesem Studium will ich auch hauptberuflich Soziale Arbeit machen.« Ihr BWL-Studium, das noch ein Semester dauert, möchte sie trotzdem abschließen. »Ich glaube, dass man beides sehr gut miteinander kombinieren kann.«

Viele arbeiten schon heute in jüdischen Einrichtungen.

Wie Kukuschkin arbeitet auch Clarissa Busiol nebenher in der Gastronomie. Sie hat bereits in Italien studiert und als Kindergärtnerin gearbeitet. »Deswegen habe ich mich hier beworben, denn ich wollte auch in Deutschland etwas Ähnliches machen, was ich in Italien studiert habe.«

KINDER In vielen verschiedenen Berufen gearbeitet hat Shifra Weltzel, die ursprünglich aus Israel kommt. »Vor 22 Jahren habe ich meinen Mann hier kennengelernt und bin dann nach Deutschland gezogen. Ich habe bereits in Israel an der Open University das Studium der Sozialarbeit angefangen und leider nicht abgeschlossen.«

Zunächst hatte sie ihr Studium an der Open University in Deutschland noch fortgesetzt, »aber dann kamen die Kinder – ich habe mittlerweile drei –, und ich habe mich vom Studium entfernt«.

Nach Jobs im kaufmännischen Bereich, in einer Spedition, in einer Immobilienfirma, am Flughafen, hat sie in der letzten Zeit bei der Johanniter-Flüchtlingshilfe gearbeitet. »Da habe ich gemerkt, dass ich sehr gerne Leuten helfe.« Nach ihrem Abschluss kann sie sich gut vorstellen, bei der jüdischen Gemeinde zu arbeiten, »vielleicht mit Jugendlichen oder älteren Leuten«.

BACKGROUND Bereits bei der Kölner Gemeinde arbeitet Sonja Fercht, und zwar als Erzieherin in der jüdischen Kita. »Ich möchte mich weiterbilden und innovative Angebote und Anregungen mit an meinen Arbeitsplatz bringen, unsere Kita weiterentwickeln«, begründet sie ihre Entscheidung für den Studiengang.

Während des Studiums kann sie weiter in der Kita arbeiten, was ihr voraussichtlich als Praktikum anerkannt werden wird. »In der Ausbildung als Erzieherin lernt man nichts spezifisch Jüdisches. Und ich möchte natürlich lernen, wie man den Kindern jüdische Traditionen und Werte vermittelt.« Ihr erster Eindruck von dem Programm: »Es ist sehr vielversprechend. Auch die Gruppenkonstellation finde ich sehr interessant. Ich denke, man kann sehr viel von den Geschichten der Teilnehmer lernen. Jeder hat seinen eigenen Background, hat viel erlebt, und ich denke, es wird interessant, sich auszutauschen.«

Ein großer Teil der Studieninhalte wird per Fernstudium vermittelt, unter anderem in Chats mit den Dozenten. Alle zwei Monate finden sich die Teilnehmer dann zu einer Präsenzwoche in Heidelberg ein, wo in intensiven Seminaren neben den sozialen Aspekten des Berufsfeldes auch juristische und wirtschaftliche Fragestellungen sowie Grundwissen in den Bereichen Psychologie, Ethik, Pädagogik, Familien- und Sozialrecht oder Sozialwissenschaft vermittelt werden.

Wie wichtig dieser praxisbezogene Zugang ist, betonen Doron Kiesel und Esther Weitzel-Polzer: »Durch die enge Verzahnung von Theorie und Praxis erwerben die Studierenden eine umfassende und vor allem ganzheitliche Handlungskompetenz an den Schnittstellen von Ökonomie, öffentlicher Verwaltung sowie von sozialen oder individuellen Problemstellungen.«

www.juedische-sozialarbeit.de

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