Antisemitismus

Geleugnet, aber nicht zu übersehen

Gelebte antizionistische Freundschaft: Jassir Arafat trifft 1978 Erich Honecker (2.v.r.). Foto: dpa

In der Zeit der Wende entstand eine Attitüde bei DDR-Bürgern, westliche Gesprächspartner darauf aufmerksam zu machen, dass Juden in wichtigen Positionen das gesellschaftliche und politische Leben des Staates mitbestimmt hatten, eines Staates, der sich unter Berufung auf den kommunistischen Widerstand als antifaschistisch legitimierte und als moralische Alternative zur BRD das »andere Deutschland« verkörpere, während im Bonner Weststaat keine Lehren aus der Geschichte gezogen worden seien – mit dem beklagenswerten Befund der Fortdauer kapitalistisch-faschistischer Zustände.

elite Die Namen der angeblich jüdischen Eliten in der DDR als Mitglieder des ZK der SED und anderer Funktionen wurden bereitwillig genannt: die Schriftsteller Stefan Heym und Anna Seghers, Stephan Hermlin und Arnold Zweig, Wissenschaftler wie Ernst Bloch, Alfred Kantorowicz, Hans Mayer, Jürgen Kuczynski, Wolfgang Steinitz oder Künstler wie Paul Dessau und Wieland Herzfelde. Schließlich Angehörige der politischen Elite mit den klingenden Namen Alexander Abusch, Hermann Axen, Albert Norden, Markus Wolf, Friedrich Karl Kaul. Damit sollte bewiesen werden, dass entgegen der antizionistischen Staatsdoktrin in der DDR keine Ressentiments gegen Juden geherrscht hätten oder gar wirksam geworden seien.

Die Beweisführung, die mit den amtlichen Bekundungen, dass Antisemitismus in der DDR unbekannt gewesen sei, korrespondierte, war freilich auf fatale und entlarvende Weise falsch. Denn keiner der Funktionäre der DDR, dessen jüdische Herkunft in der Stunde des Untergangs als positives Charakteristikum hervorgehoben wurde, hat als Jude agiert. Das »Judentum« der Funktionäre war lediglich Abstammungsmerkmal, und das verweist auf die nationalsozialistische Praxis, die Juden ausschließlich aufgrund ihrer sogenannten »Rassezugehörigkeit« definierte.

Es hat Antisemitismus in der DDR gegeben, wie in der Bundesrepublik, aber seine Existenz war tabuisiert. Das Selbstverständnis des antifaschistischen Staates DDR schloss die Entfaltung von Antisemitismus per definitionem aus. Manifestationen von Judenfeindschaft wie im Spätstalinismus 1952 führten zum Exodus der Juden aus der DDR. Im Jahr 1989, wurden noch knapp 400 Mitglieder in fünf Gemeinden gezählt. Die meisten, etwa 250, gehörten der Ostberliner Gemeinde an.

Antizionismus Mit dem kategorischen Imperativ des Antifaschismus war die Existenz judenfeindlicher Ressentiments nicht zu vereinbaren, wohl aber die Frontstellung gegen den Staat Israel. Diesem wurden in der Parteinahme für die arabische Seite konstitutive Eigenschaften zugeschrieben wie Militarismus, Rassismus und Imperialismus. Das machte Israel zum Schurkenstaat und erübrigte Diskussionen über mögliche antisemitische Komponenten des Antizionismus.

Die Repräsentanten der wenigen Juden der DDR machten Konzessionen an die SED, wenn sie sich über Israel äußerten, wie der Vorsitzende der Erfurter Gemeinde, der Ende der 60er-Jahre erklärte: »Schließlich sind wir ein sozialistischer Staat, und Israel ist noch ein kapitalistischer Staat. Das erschwert eine harmonische Beziehung. Wir müssen realistisch sein und die Politik unserer Regierung unterstützen.« Dagegen positionierte sich allerdings der Vorsitzende der Ostberliner Jüdischen Gemeinde, Peter Kirchner, im Jahre 1982: »Wenn ein heranwachsender Jugendlicher fast täglich – aus politischen Gründen – mit negativen Daten über die israelischen Juden gefüttert wird, kann er kaum umhin, diese negative Zeichnung auch auf die Juden in seiner Umgebung zu übertragen.«

Der Umgang mit jüdischen Friedhöfen ist ein untrügliches Indiz für Judenfeindschaft in einer Gesellschaft. Verwahrlosung war in der DDR ein ebenso gewöhnlicher Zustand jüdischer Grabstätten wie die Entnahme von Material. Grabsteine wurden häufig gestohlen, abgeschliffen und neuen Verwendungen zugeführt. Planmäßiger Vandalismus, bei dem Grabsteine mit schwerem Werkzeug zertrümmert wurden, ereignete sich häufig, wurde aber lange Zeit bagatellisiert. Anzeigen jüdischer Gemeinden hatten wenig Wirkung. Im Gegensatz dazu wurden antisemitische und nazistische Parolen, die im Schutze der Nacht geschmiert wurden, rasch und diskret beseitigt.

Restitution Nach der Ideologie des Marxismus-Leninismus sollte es keine Sonderidentitäten für Minderheiten geben. In der klassenlosen Gesellschaft, in der Juden aufgehen sollten, war damit theoretisch auch für Antisemitismus kein Raum. Besondere Restitutionsleistungen für Juden als Opfer des Nationalsozialismus waren aus dem gleichen Grund nicht möglich.

Wenn man Antisemitismus nur als offene Diskriminierung, gar als brachiale Gewalt und Verfolgung definiert, dann hat es in der DDR keinen Antisemitismus gegeben. Judenfeindschaft als alltägliches Ressentiment und stillschweigender Vorbehalt auf der politischen und sozialen Ebene war als Begleiterscheinung des offiziell geübten Antizionismus, als ideologisches Verdikt von Sonderidentitäten aber Teil der Realität, die in der Marginalisierung des Jüdischen Ausdruck fand. Diese gesellschaftliche Realität dauerte bis 1989.

Der Autor leitete das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Der Text ist sein redaktionell gekürzter Beitrag zur Konferenz »Antisemitismus in der DDR«.

Antisemitismus in der DDR
Am 26. und 27. November 2015 findet in Berlin eine Konferenz zum Thema »Antisemitismus in der DDR und die Folgen« statt. Veranstalter ist die Deutsche Gesellschaft e.V. Veranstaltungsort ist die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Kronenstraße 5, 10117 Berlin.

www.deutsche-gesellschaft-ev.de

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