Literatur

Gegen den Strom

Israel: Aktion gegen Geschlechtertrennung in Bussen Foto: Flash 90

Wie es um das Verhältnis von Juden zum Protest bestellt ist, davon handelt der im Jüdischen Verlag erschienene Almanach für das Jahr 2012. Die Hebräische Bibel zeugt mit ihren prophetischen Büchern bis hin zu Hiob von einer starken Gegenwart des Protests im jüdischen Glauben. Aber historisch? Und politisch? Gibt es eine besondere Nähe von Juden und Judentum zum Protest?

Dieser Frage ist die Herausgeberin Gisela Dachs nachgegangen, indem sie 19 Autoren und Autorinnen um Mitwirkung gebeten hat; entstanden ist ein bunter Strauß von Beiträgen, man möchte fast – jahreszeitlich angemessen – von einem Lulaw sprechen, jenem Gebinde, das ganz unterschiedliche Frucht- und Pflanzenarten enthält. Die Sammlung umfasst systematisch-historische Beiträge, (auto-)biografisch getönte Texte sowie etliche Reportagen.

Gleich im ersten Beitrag stellt der Jerusalemer Historiker Moshe Zimmermann fest, dass eine Verengung des Blicks auf Gestalten wie Karl Marx, Rosa Luxemburg oder Leo Trotzki in die Irre führt. Juden mit Revolutionären gleichzusetzen, war eine Obsession von Antisemiten, tatsächlich waren Juden oft genug Gegenstand häufig judenfeindlich gestimmten sozialen Protests. Andererseits, es ist nicht zu bestreiten, waren Jüdinnen und Juden zumal auf der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert in Ostmitteleuropa sowohl in sozialistischen als auch in kommunistischen Organisationen führend.

Tragik Wie der Zionismus in dieses Bild passt, erörtert die Tel Aviver Historikerin Anita Shapira in einem hier erweiterten, vor Jahren schon auf Deutsch erschienenen, damals nicht genügend gewürdigten Beitrag. Shapira weist nach, dass der Zionismus überhaupt nur in dem schmalen Zeitfenster zwischen 1880 und 1948 entstehen konnte, das durch eine »Fehlkonstruktion der Briten«, die 1917 ergangene Balfour-Deklaration, weiter geöffnet wurde. Vor allem aber, so Shapiras Urteil, musste der Zionismus als eine der letzten europäischen Nationalbewegungen, gemessen an seinen Ansprüchen, scheitern. »Denn«, so Shapira, »zu spät schuf er den sicheren Hafen, den Herzl in seiner Vision vor sich sah: Der Holocaust kam der Gründung des jüdischen Staates zuvor.«

Das war kein vermeidbarer Fehler, sondern Tragik: Hätte doch der Zionismus vor dem Zweiten Weltkrieg überhaupt nicht zum Zuge kommen können. In der Schlussbilanz immerhin sei diese Bewegung im Unterschied zu anderen politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts wenigstens in der Lage gewesen, »ihr menschliches Gesicht zu bewahren«. Merkwürdig nur, dass Shapira bei alldem ohne die geringste Erwähnung der Palästinenser auskommt.

Andere engagierten sich nicht für das jüdische Volk im Allgemeinen, sondern für spezifische Ziele, etwa für jüdische Frauen, die, auch von jüdischen Männern, zur Prostitution gezwungen wurden: so die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim, die als Sigmund Freuds erste Patientin Anna O. bekannt wurde und der Viola Roggenkamp eine eindringliche Studie widmet. Viele der Beiträge verarbeiten eigene Erfahrungen, bei denen sich Wut, Bitterkeit und Gelassenheit die Waage halten: Der Frankfurter Rabbiner Andrew Steiman konstruiert sein Leben zwischen diesen Polen dialektisch, Anetta Kahane skizziert die Lebensgeschichte eines Juden in der DDR zwischen Anpassung und Widerstand, Steven Aschheim reflektiert das bildungsbürgerliche Aufwachsen eines im Südafrika der Apartheid geborenen Sohns deutscher Juden.

Selbstbild Durch seine außerordentliche literarische Qualität sowie eine hierzulande unbekannte Perspektive sticht der autobiografische Beitrag von Almog Behar hervor: Der israelische Philosoph konfrontiert uns mit dem Umstand, dass orientalische Juden in Israel nicht nur rassistischen Reaktionen ausgesetzt sind, sondern zudem vor der schwierigen Aufgabe stehen, ihr arabisches Erbe in ihr jüdisches Selbstbild zu integrieren.

Reportagen und Vignetten runden das Bild ab: von jüdischen Occupy-Aktivisten, die in einem Park in New York für soziale Gerechtigkeit beten, über den eitlen, gleichwohl nicht ganz substanzlosen französischen Publizisten Bernard-Henri Lévy bis hin zu Juden, die versuchen, das in den Medien verbreitete, ihrer Meinung nach zu einseitige Bild Israels zu korrigieren.

Zumutung Bemerkenswert ein Beitrag über (ultra-)orthodoxe Frauen in Jerusalem, die dagegen protestierten, ins hintere Ende von städtischen Autobussen platziert zu werden. Tamar Rotem, Journalistin der Tageszeitung Haaretz, berichtet von Yocheved Horowitz, die im Namen der Tora gegen diese Form des Frauenhasses aufbegehrt. Dazu passt der Beitrag von Cheryl Greenberg, der sich mit der später brüchigen Allianz von Schwarzen und Juden in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung befasst.

Wer sich den bestens lesbaren Zumutungen dieses Almanachs aussetzt, wird zunächst irritiert, dann aber klüger sein: Erkenntnis entsteht im Widerspruch – beim Thema Juden und Protest nicht anders zu erwarten.

Gisela Dachs (Hrsg.):
»Proteste. Jüdische Rebellion in Jerusalem, New York und andernorts«, Jüdischer Almanach 2012. Suhrkamp, Berlin 2012, 238 S., 16,95 €

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