Get

Gefesselt an den Ehemann

Rabbi Murad (Aviv Alush, l.) und eine seiner »Klientinnen« – Szenenfoto aus »Matir Agunot« Foto: pr

Ein Rabbi und sein Assistent, beide mit schwarzen Bärten und in weißem Hemd, schleichen einen schummerigen Hotelkorridor entlang. Beide sind mit Abhörgeräten ausgerüstet. Sie nähern sich Hotelzimmer 124. Hinter dieser Tür wird gerade ein schmutziger Deal abgewickelt: Ein hochkarätiger Diamant soll den Besitzer wechseln.

Handschlag Gerade will der Käufer den Handel mit einem Handschlag besiegeln – da bricht der Rabbi die Zimmertür auf, stürzt auf den verdutzten Mann zu und hält ihm eine Scheidungsurkunde unter die Nase. »Ohne Unterschrift kein Diamant«, erklärt der Rabbi seelenruhig – und der Mann merkt, dass er in eine Falle getappt ist.

Es kommt fast zur Prügelei – doch kurze Zeit später hat Rabbi Joseph Murad vom Rabbinat Bnei Brak, Abteilung »Agunot«, wieder einmal einen scheidungsunwilligen Ehemann dazu gebracht, seine Meinung zu ändern und die Scheidungsurkunde, den »Get«, zu unterzeichnen. Und wieder einmal ist eine Aguna, eine Ehefrau, der die Scheidung verweigert wurde, endlich von ihrem Ehemann befreit.

Denn das ist sein Job – Rabbi Murad ist der »Matir Agunot«, der Befreier der Gefesselten, und er macht seinen Job mit Leidenschaft.

Zum ersten Mal macht eine israelische Serie die Problematik der Agunot zum Thema.

Zum ersten Mal hat eine israelische Fernsehserie die Problematik der Agunot zum Thema, der Frauen also, die per Gesetz an ihre scheidungsunwilligen Ehemänner gebunden sind. In Israel gibt es keine standesamtliche Eheschließung und keine zivile Scheidung – dieses Konstrukt lässt den Ehemännern jede Menge Raum für Willkür und Schikane.

Drehbuchautor Yossi Madmoni fand das Thema der Agunot immer schon faszinierend, wie er in einem Interview sagt. Dieses Thema beleuchte wie kein anderes den Kernpunkt eines brennenden Problems unter Ultraorthodoxen, nämlich das Problem der Gleichberechtigung.

ACTIONHELD Und so schuf Madmoni Rabbi Yosef Murad, eine Art Super-Rabbi, der gleichzeitig auch Detektiv ist, Psychologe, Actionheld und Frauenversteher. In jeder der zwölf Folgen der Serie wird Rabbi Murad mit einem neuen kniffligen Fall konfrontiert – und wenn seine Überredungskünste und Druckmittel bei den Ehemännern nicht ziehen, greift er gern auch mal zu anderen Methoden: So lässt er etwa eine Aguna mit einem gefakten Schwangerschafts-Ultraschallbild vor dem schockierten Rabbinertribunal auftreten, er verwickelt widerborstige Ehemänner in Prügeleien und schlägt sich mit Hochzeitscaterern herum – denn wenn der Rabbi beweisen kann, dass das Hochzeitsbuffet nicht koscher war, kann er die Ehe einfach annullieren.

Nebenher läuft als separater Handlungsstrang zu den Scheidungsdramen das nicht weniger dramatische Privatleben des Rabbis. Als einzige Sefarde in der aschkenasischen Hochburg des Rabbinats und verheiratet mit der Tochter des – natürlich aschkenasichen – Oberrabbiners wird er zur Zielscheibe von Häme und Verachtung seiner Kollegen, vor allem, da seine Ehe kinderlos bleibt. Rabbi Murad, der Rebell und Underdog, wird so im Verlauf der Serie immer frustrierter und unglücklicher. Und er wird zunehmend zum Detektiv im eigenen Haus, denn er stellt fest, dass seine Frau Chana, die Rabbinertochter, ein dunkles Geheimnis vor ihm verbirgt.

»So eine Figur gab es in der israelischen Fernsehlandschaft noch nie«, schreibt Ariana Melamed, Medienkritikerin der Zeitung »Haaretz«: »Wir haben die Serie Shtisel gesehen und Srugim, und alle nichtreligiösen Israelis lieben ja bekannterweise die exotischen Einblicke in das Leben der Charedim, besonders in ihr Eheleben. Aber diese Serie hebt sich von allen anderen dieser Art ab und bringt ein ganz neues Genre hervor.«

FREIRÄUME Als Darsteller von Rabbi Murad wählte das Team um Yossi Madmoni den Shootingstar Aviv Alush – Schauspieler, Sänger und Model. Alush ist irakischer Herkunft, groß, gut gebaut, mit wilder schwarzer Lockenpracht und einem verschmitzten Lächeln. Für die Figur des Rabbis musste er seine Jeans und Designerklamotten gegen die ausgebeulte Rabbinerkluft tauschen, samt spießigem weißen Hemd und Strickpullis, und seine Locken zu einem braven Seitenscheitel frisieren. »Mir war Rabbi Murad von Anfang an sympathisch«, erzählt Alush in einem Interview. »Er ist kein gewöhnlicher Rabbi: Er will die Dinge verändern.«

Mit Rabbi Murad hat Autor Yossi Madmoni eine vielschichtige Figur erschaffen, er ist der Befreier der Gefesselten und gleichzeitig ein Kontrollfreak, der zu Hause seiner eigenen Frau hinterherspioniert.

Mit Rabbi Murad hat Autor Yossi Madmoni eine vielschichtige Figur erschaffen, er ist der Befreier der Gefesselten und gleichzeitig ein Kontrollfreak, der zu Hause seiner eigenen Frau hinterherspioniert und es nicht schafft, ihr die Freiräume einzuräumen, nach denen sie sich sehnt. Denn im Geheimen hat Murads Frau Chana den Weg als brave, folgsame Rabbinertochter längst verlassen und führt ein Doppelleben, denn auch sie will frei sein.

Im Verlauf der Serie verzweifelt der Rabbi nicht nur an dieser schwierigen Beziehung, auch die Scheidungsfälle werden immer verwickelter, die widerspenstigen Ehemänner werden immer aggressiver und treten eine Kaskade von Angst und Gewalt los, der sich der sanftmütige Rabbi bald nicht mehr entziehen kann.

Wird Rabbi Murad an all diesen Herausforderungen zerbrechen, oder wird sich alles zum Guten wenden? Es bleibt bis zur letzten Folge spannend; und das Produzententeam denkt bereits über eine zweite Staffel der Erfolgsserie nach.

»Matir Agunot« war 2019 die meistgesehene Serie auf Kan 11 TV, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Israels. Die gesamte zwölfteilige Serie kann man auf der Website von Kan 11 verfolgen.

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