Internet

Gefangen im Netz

Dämonisch? Die Fans des Online-Rollenspiels »World of Warcraft« sehen’s anders. Foto: dpa

Verspüren Sie den Drang, gleich nach dem Aufstehen als Erstes Ihren Computer einzuschalten? Checken Sie zwanghaft Ihre E-Mails, auch mitten in der Nacht? Falls ja, dann gehören Sie möglicherweise zu den zehn Prozent aller Internet-Nutzer, die laut Pinhas Dannon online-süchtig sind. Der Psychiater, der an der medizinischen Fakultät der Universität Tel Aviv lehrt, forscht seit Mitte der 90er-Jahre zum Thema Sucht, insbesondere Spielsucht.

DOPAMIN Vor zwei Jahren sorgte Dannon mit einem Artikel – »Internetsucht« betitelt – für Aufsehen, den er gemeinsam mit seinem Kollegen Iulian Iancu in der renommierten Fachzeitschrift Harefuah veröffentlicht hatte. Laut Dannon und Iancu lässt sich exzessives Surfen mit anderen nicht stoffgebundenen Süchten wie Spielsucht, Kleptomanie oder Sexsucht vergleichen. Das Gehirn eines Betroffenen, so die Forscher, schüttet vor dem Computerbildschirm den Botenstoff Dopamin aus, der ein Hochgefühl erzeugt – einen Kick. Dadurch gerät der Neurotransmitter-Haushalt allmählich aus dem Gleichgewicht. Entsprechend kommt es bei längerer Rechner-Pause zu Entzugserscheinungen. Weitere Folgen seien Kontrollverlust, Reizbarkeit, Aggressivität, soziale Isolation, Schlafstörungen, Ängste und Depressionen.

Die Internetsucht, so das Fazit, kann und muss wie andere Süchte und Zwangsstörungen psychotherapeutisch behandelt werden. Und auch Medikamente sollen helfen, Antidepressiva etwa könnten den gestörten Botenstoffwechsel wieder ausgleichen.

netzgesellschaft In seiner unmittelbaren Umgebung dürfte Dannon reichlich Anschauungsmaterial vorfinden. 77 Prozent aller jüdischen Haushalte in Israel verfügten im vergangenen Jahr über einen Internet-Anschluss, Teenager unter 18 nutzten sogar zu 90 Prozent das Netz. Suchtanfällig sind laut Dannon aber nicht nur Jugendliche, sondern vor allem auch Männer und Frauen über 50, die die Einsamkeit nach dem Auszug der Kinder vor den Computerbildschirm treibt. Das Internet ist aus der israelischen Gesellschaft jedoch genauso wenig mehr wegzudenken wie das Handy. In fast allen Bars und Cafés gibt es kostenlosen Netz-Zugang per W-Lan, das öffentliche Arbeiten am Laptop ist dort noch weiter verbreitet als am notorischen Prenzlauer Berg, der Heimat der »Digitalen Boheme«.

Auch die offiziellen Stellen nutzen den Trend: Die Armee twittert, und die Regierung hat ein Profil bei Facebook. Doch auch die Gefahren hat die israelische Regierung erkannt. Auf ihrem offiziellen Internetportal – also dort, wo die Zielgruppe es am ehesten findet – warnt sie Jugendliche vor den Gefahren der Online-Abhängigkeit. Manche der Ratschläge wirken etwas altväterlich, etwa der, sich zu zwingen, mindestens einmal in der Woche reale Freunde zu treffen, oder der, sich ein gutes Buch auszusuchen und sich für jeden Tag ein festes Lesepensum vorzunehmen. Doch es gibt auch Links zu Organisationen, an die Jugendliche mit psychischen Problemen – ob durch das Internet verursacht oder nicht – sich wenden können, wie etwa »Elem – Youth in Distress in Israel« oder »ERAN – Emotional First Aid by Telephone«.

Auch auf den Fall Ofir Rahum macht das Regierungsportal aufmerksam. Der 16-Jährige aus Aschkelon hatte im Jahr 2001 in einem Chatportal eine Frau kennengelernt, die sich als amerikanische Touristin ausgab und ihn überredete, sich mit ihr in Ramallah im Westjordanland zu treffen. Dort warteten drei palästinensische Terroristen auf den Schüler und ermordeten ihn am vereinbarten Treffpunkt. Die vermeintliche Touristin war ein Lockvogel gewesen. Dies ist nun freilich kein medizinisches Problem mehr, zeigt aber, wie wichtig die pädagogische Vermittlung von Online-Kompetenz ist.

suchtgesellschaft Die Diagnose »Internetsucht« ist unter Psychiatern jedoch umstritten, manche Fachleute vertreten die Ansicht, es handle sich um eine inflationäre Anwendung des Suchtbegriffes. Der amerikanische Psychiater Ivan Goldberg hat das Wort Internetsucht in den 90er-Jahren geprägt, er wollte es aber scherzhaft verstanden wissen – als Spott darüber, alles Mögliche, das Menschen gern und oft tun, als Sucht zu bezeichnen: Spielen, Kaufen, Sex oder eben das Surfen im Internet. Manche Kollegen nahmen ihn jedoch beim Wort, wenngleich die offiziellen psychiatrischen Diagnosehandbücher das Phänomen noch nicht als eigenständige Krankheit anerkennen.

Pinhas Dannon selbst rät übrigens zur Gelassenheit. Internetsucht, sagt er, sei eine unvermeidbare Begleiterscheinung der Modernisierung. »Ein Internetsüchtiger ist nicht anders als jemand, der nach Kaffee, Sport oder Handy-Telefonaten süchtig ist. Die Zeiten ändern sich und mit ihnen unsere Süchte.«

Sachsen

Rund 1000 Veranstaltungen zum »Jahr der jüdischen Kultur«

Unter dem Titel »Tacheles« steht in Sachsen 2026 das jüdische Leben im Mittelpunkt. Zahlreiche Akteure beteiligten sich. Das Programm wächst noch immer

von Katharina Rögner  24.03.2026

Lebende Legende

Barry Manilow kündigt erstes Studioalbum seit fast 15 Jahren an

Stilistisch soll das Werk verschiedene Richtungen verbinden – von klassischen Balladen bis hin zu Elementen aus R&B, Rock und Gospel

 24.03.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« reagiert auf Rüge des Deutschen Presserats

19 Rügen verteilt der Presserat an die deutsche Medienlandschaft. Eine davon geht an die »Jüdische Allgemeine« - wegen angeblicher gravierender Ehrverletzung eines in Gaza getöteten Journalisten

 23.03.2026

Hollywood

»Enigma Variations«: Aaron Taylor-Johnson übernimmt Hauptrolle in neuer Serie

Im Zentrum der Handlung steht eine Figur namens Paul, deren Leben durch verschiedene Beziehungen geprägt wird. Die Geschichte beleuchtet Fragen von Identität, Begehren und Liebe

 23.03.2026

Filmklassiker auf der Bühne

Premiere in Hamburg: »Zurück in die Zukunft« als Musical

In den 1980er-Jahren war der Film ein Riesenerfolg. Als Musical feierte die Komödie am Wochenende in Hamburg Premiere. Bob Gale, der jüdische Co-Autor der Filmtriologie, schrieb das Musical

 23.03.2026

Jubilar

»Mikrofon für die Seele«: Klezmer-Musiker Giora Feidman wird 90

Giora Feidman hat die jüdische Klezmer-Tradition in den Konzertsaal gebracht. In einfachen Liedern findet er große spirituelle Tiefe. Mit seiner Musik will der Klarinettist Menschen verbinden – und pflegt bei seinen Konzerten ein bestimmtes Ritual

von Katharina Rögner  23.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Mit Fran Lebowitz und Larry David in der Ringbahn – ein Traum

von Katrin Richter  22.03.2026

Geburtstag

Für immer Captain Kirk: William Shatner wird 95

Mit der »Enterprise« brach er in den 60er Jahren in die »unendlichen Weiten« des Weltalls auf. »Star Trek« machte den jüdischen Schauspieler weltberühmt

von Holger Spierig  22.03.2026

Aufgegabelt

Tahini-Gugelhupf mit Kardamom und Orange

Rezept der Woche

von Katrin Richter  21.03.2026