Literatur

Gedichte sind seine Sprache

Seit mir vor gut einem Jahrzehnt beim Bremer Festival »Poetry on the Road« Tuvia Rübners tiefe, ruhig-warme und auf merkwürdige Weise fremd-vertraute Stimme erstmals in die Ohren geriet, ist mir ihr Echo im Kopf geblieben. Auch jetzt, da ich den soeben im Aachener Rimbaud-Verlag rechtzeitig zum heutigen 90. Geburtstag des Dichters erschienenen Lyrikband Wunderbarer Wahn aufschlage, höre ich diese unverwechselbare Stimme gleich wieder, ihr ganz spezielles Timbre, in dem etwas Vergangenes bewahrt ist.

Etwas, das der 17-Jährige mitgenommen hat, als er 1941 seine Heimatstadt Pressburg verließ, um sich über Ungarn, Rumänien, die Türkei, Syrien und den Libanon durchzuschlagen nach Palästina, in den Kibbuz Merchavia, wo er seitdem lebt. Und wo ihn dann über das Rote Kreuz im Juli 1942 die letzten Nachrichten von seiner Familie erreichten, den Eltern und der geliebten, damals 13 Jahre alten Schwester Alice, die ermordet wurden in Auschwitz, wie die Großeltern und anderen Verwandten, wie die Schulfreunde und Nachbarn.

schafhirte Im Kibbuz, zu dessen Bewohnern vorübergehend auch Golda Meir zählte, hat der spätere Professor für hebräische und deutsche Literatur als Schafhirte gearbeitet und weiterhin, wie schon vor seiner Flucht, Gedichte geschrieben, in deutscher Sprache zunächst, auch dann noch, als der junge Chawer im Alltag kaum mehr Gelegenheit fand, sie zu benutzen. Dass er später einmal, in seiner zweiten, der erlernten Sprache, dem Iwrit, zu einem der bekanntesten Lyriker seines Landes, zu einem preisgekrönten Meister der hebräischen Moderne werden sollte – wer hätte das ahnen können?

Und wahrscheinlich nicht einmal er selbst hätte es für möglich gehalten, dass ihm, als immerhin schon 66-Jährigem, eine literarische Rückkehr in die Muttersprache vergönnt sein würde durch die tatkräftige Hilfe der israelischen Übersetzerin Efrat Gal-Ed und des deutschen Lyrikers Christoph Meckel, die 1990 im Piper Verlag unter dem Titel Wüstenginster einen Band ihrer gemeinsam erarbeiteten Übertragungen von Gedichten Tuvia Rübners vorlegten.

Seit dieser Pioniertat ist Rübner mit seinen im Rimbaud-Verlag publizierten Gedichten und autobiografischen Schriften präsent im deutschen Sprachraum, wenn auch längst nicht so bekannt, wie er es verdient hätte und wie man es dem kleinen rührigen Verlag wünschen möchte.

brücken Tuvia Rübner ist einer der ganz wenigen heute noch kreativen und tätigen Dichter des Exils. Einer, der auch als Übersetzer Brücken baute: Goethe, Celan und Kafka hat er seinen israelischen Landsleuten zugänglich gemacht, während die deutschsprachige Welt ihm ihre Begegnung unter anderen mit dem Nobelpreisträger Samuel Josef Agnon verdankt.

Vor zwei Jahren, in seiner Laudatio bei der Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung an Tuvia Rübner, nannte Adolf Muschg seinen Dichterfreund einen Befreier unserer Sprache, weil er gegen das Unheil und Unglück des 20. Jahrhunderts an ihr fortgeschrieben hat. In nahezu jedem Interview, das mit ihm geführt wird, muss Rübner Stellung beziehen zum Thema Sprache.

Und immer wieder ist dann zu lesen oder zu hören, wie schwierig, ja, wie unmöglich es ist, eine Rangfolge festzulegen zwischen der mitgebrachten, immer noch nahen alten und der vor über 70 Jahren neu erlernten Sprache. Beide, hat Rübner gesagt, empfinde er als Heimat. Doch in seiner Weimarer Dankesrede vor Gästen der Adenauer-Stiftung hat er verraten, welche von allen ihm die wichtigste, die entscheidende ist: »Ich schreibe Gedichte immer noch. Sie sind meine Sprache.«

widerspruch »Ohne das Schreiben von Gedichten«, teilt Tuvia Rübner im Nachwort zu seinem neuen Lyrikband mit, der ausschließlich Gedichte enthält, die er in seinem 88. und 89. Lebensjahr verfasst hat, »wäre ich wahrscheinlich in meinem Morast versunken.« Gedichte als Überlebensmittel, als Ort der Erinnerung, als Totentafeln, als Stätte der Trauer und des Jubels zugleich: »Wunderbar, dass du am Morgen lebend erwachst und wunderbar, dass dein Körper dieses Alter erreicht hat.«

Ja, es ist wunderbar, sagt der Gratulant und lässt sich keinesfalls abschrecken durch die Bemerkung des Dichters im Nachwort: »Es ist mein letztes Buch.« Denn an anderer Stelle, in einem Gedicht – wo denn sonst? – liefert der nun 90-jährige Dichter höchstpersönlich das Geggengift: »Finde selbst tausend Gründe mir zu widersprechen.« Das sei ihm gewünscht und uns.

Hollywood

Zwei große Favoriten für die Oscars - und jede Menge Außenseiter

Zwei Filme, die originell zwischen allen Genres hin- und herspringen, führen das Oscar-Rennen an - und das mit einer neuen Rekordzahl von Nominierungen. Doch in der Nacht zum Montag könnte es auch Überraschungen geben

von Marius Nobach  12.03.2026

Berlin

Wirbel um Weimer: Regierung weist Rücktrittsforderung zurück

Erst gab es Debatten über Antisemitismus auf der Berlinale, jetzt über den Buchhandlungspreis: Die Bundesregierung stellt sich hinter ihren Kulturstaatsminister Wolfram Weimer

von Julia Kilian, Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat, Silke Sullivan  12.03.2026

Aufgegabelt

Kräuter-Hühnersuppe mit Hawaij

Rezepte und Leckeres

von Katrin Richter  12.03.2026

Der Rest der Welt

Der Rest der Welt

Eine Überdosis an Chatgruppen oder Was das Jüdische daran ist

von Nicole Dreyfus  12.03.2026

Tischtennis

Wer waren Marty Reisman und Alojzy Ehrlich?

Der Oscar-nominierte Film »Marty Supreme« knüpft an wahre Biografien an

von Martin Krauss  12.03.2026

Hollywood

Curtis zu Chalamets Opernspruch: Vermächtnis beschädigt

Oper und Ballett interessierten niemanden mehr: Mit solchen Äußerungen sorgt der Oscar-nominierte Timothée Chalamet weiter für Wirbel. Nun meldete sich auch Oscarpreisträgerin Jamie Lee Curtis zu Wort

 12.03.2026

Kolumne

Die Schließung des HIAS Wien ist das Ende einer Ära

Aus für einen Leuchtturm: Die Hebrew Immigrant Aid Society war die erste Anlaufstelle für sowjetische Juden, die in den Westen oder nach Israel auswandern wollten

von Eugen El  12.03.2026

Kinderfilm

Mit dem Aufzug ins Jahr 1938

»Das geheime Stockwerk« zeigt die Zeitreise eines Jungen als Detektivgeschichte. Ein gelungener und mehrfach ausgezeichneter Kinderfilm

von Gabriele Hermani  12.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026