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»Gebt ihnen Hamburg« - »Aber erst nach deinem Auftritt«

Kaya Yanar (r) im Gespräch mit Bassem Youssef Foto: Screenshot YouTube Video

Im Jahr 2011 wurde ein ägyptischer Herzchirurg plötzlich fast über Nacht ein Star auf YouTube. In satirischer Form spießte Bassem Youssef, geboren 1974 in Kairo, die Berichterstattung des staatlichen ägyptischen Fernsehens über den Arabischen Frühling und die Protestbewegung gegen das Mubarak-Regime (und was davon noch übrig war) auf.

Schnell wurde er von einem TV-Sender unter Vertrag genommen, bekam seine Sendung, »Al-Bernameg«, und wurde, in Anlehnung an den amerikanischen Komödianten, als »Jon Stewart der arabischen Welt« bezeichnet.

Sein Konzept: Youssef macht sich über alles und jeden lustig. Während der Herrschaft des Präsidenten Mohammed Mursi von der Muslimbruderschaft wurde ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt; der Vorwurf lautete unter anderem »auf »islamfeindliche Blasphemie«.

2014 verließ Youssef Ägypten Richtung USA. Mittlerweile ist er mit Bühnenshows weltweit auf Tournee. Ende April wird er auch nach Berlin, Hamburg und München kommen. Das wiederum war Anlass für den deutschen Komödianten Kaya Yanar, Youssef auf seinem YouTube-Kanal zu interviewen.

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Beide Komödianten hatten jüngst mit kontroversen Aussagen zum Nahostkonflikt und zu Israels Krieg gegen die Terrororganisation Hamas im Gazastreifen für Aufsehen erregt. In seiner Paraderolle hatte Yanar ein Video mit dem Titel »Yildirim hat die Schnauze voll!« veröffentlicht. Darin bezichtigte er Israel und die USA unter anderem, vorsätzlich Lügen zu verbreitet zu haben über den 7. Oktober. Nachdem von dieser Zeitung und vielen anderen Medien Kritik an ihm geäußert wurde, legte Yanar (diesmal in seiner realen Identität) nach.

Und auch Bassem Youssef hatte vor einigen Monaten mit einem Interview in der Sendung des britischen Talkshow-Hosts Piers Morgan großen Wirbel ausgelöst. Zwar in satirischem Tonfall, aber zwischen den Zeilen sehr deutlich stellte er darin Israels Vorgehen in Gaza mit dem der Terrororganisation Islamischer Staat auf eine Stufe. Den US-Präsidenten Joe Biden nannte er wegen dessen Unterstützung für Israel »Genocide Joe«.

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Das Interview kam auf rund 20 Millionen Aufrufe. Und ein Ausschnitt daraus war auch im Yildirim-Video von Kaya Yanar zu sehen. Es war daher kaum verwunderlich, dass Yanar und Youssef irgendwann – in diesem Fall nach 18 Minuten – auch auf dieses Thema zu sprechen kommen würden. Wie sie es taten, war dann aber doch mehr als grenzwertig.

Youssefs Interview mit Morgan habe ihn »persönlich sehr berührt« und etwas in mir ausgelöst, erklärte Yanar.  Er habe sich schon lange überlegt, ob er das Interview überhaupt machen solle, erwiderte Youssef. Denn man wisse schließlich, raunte Youssef, dass man in den USA mit Folgen für die eigene Karriere zu rechnen habe, wenn man bestimmte Themen anspreche. »Auch in Deutschland, auch in Deutschland …!«, fügte er unter schallendem Gelächter von Kaya Yanar an.

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Er habe sich dann aber gesagt, so Youssef weiter, dass er seinem Publikum nicht länger in die Augen sehen könne, falls er das Thema (gemeint war der Krieg in Gaza) nicht anspräche. Auf Nachfrage Yanars, ob er damit seiner inneren Stimme gefolgt sei, antwortete Youssef: »Ja. Ein Teil davon war der Ärger, der in mir aufkam, als ich die proisraelischen Leute reden hörte. Wenn du in der politischen Satire tätig bist, hast du viel mit Schwachsinn zu tun. Und wenn du dann siehst, dass diesem Schwachsinn nicht Einhalt geboten wird …« Das sei seine Motivation gewesen, Piers Morgan zuzusagen – auch wenn er sich damit ins Risiko begeben habe, so Youssef.

Anschließend habe es enormen Druck auf ihn gegeben, und er habe wochenlang gar keine Interviews mehr gegeben, so der Ägypter. »Ich habe meinen Teil gesagt und bin dann gegangen. Irgendwann wollte ich aber zurückkehren, weil da war diese Ungerechtigkeit, die Überheblichkeit und Arroganz der israelischen Behörden, die denken, dass sie mit allem durchkommen. Es ist diese Überheblichkeit, die sie glauben macht, sie seien das von Gott auserwählte Volk und könnten tun und lassen, was sie wollen.«

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Dann ging Youssef die christlichen Zionisten an und rief ihnen zu: »Wenn ihr glaubt, dass die von Gott auserwählt sind, warum tretet ihr dann nicht zum Judentum über? Wenn ich dich als auserwählt ansehe, mich dann aber nicht zu dir geselle, dann stimmt doch was nicht in meinem Kopf, oder? Die sind das auserwählte Volk. Ich will doch auch auserwählt sein!« Für ihn als Outsider sei dieses Verhalten des Westens Israel gegenüber »Heuchelei«, so Youssef.

Er frage sich immer wieder: »Was zum Teufel ist los mit diesen Leuten?« Dann mokierte er sich über die Aussage, Israel habe »die moralischste Armee der Welt« und warne die Menschen in Gaza, bevor es die Hamas attackiere. »Oh mein Gott, wie süß, wie nett von dir.« Die Leute hörten solche Aussagen tagtäglich, würden aber nichts entgegnen. Er frage sich hingegen: »Was stimmt nicht mit dir? Warum frisst du Scheiße?« An dieser Stelle kriegte sich Yanar vor Lachen schon kaum mehr ein.

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Dann suggerierte er, dass »sie« (»they«) versuchen würden, die Definitionsmacht über Begriffe wie »Genozid« zu bekommen. »Eine der dümmsten Fragen, die ich immer wieder gestellt bekomme, ist ›Glauben Sie, dass das, was in Israel passiert, ein Völkermord ist?‹ Warum ist das wichtig? Ist es der Begriff, der sie triggert? Hätten sie lieber, wenn ich sage ›zu viel Töten’? Wäre das okay? Oder wie wäre es mit ›zu viel Morden‹? Oder ›plötzliche Beendigung von Leben‹? Welche Begriffe darf man denn nun verwenden? Wie wäre es mit ›Ihr tötet zu viele verdammte Menschen und müsst damit aufhören‹? Denen macht es Spaß, ihre Zeit mit Definitionen zu verschwenden. Das ist ihre Art. Die können dir alles reindrücken. Und natürlich, du weißt, Antisemitismus, der Holocaust … Das habt ihr gemacht, das ist nicht meine Schuld!«

Damit meinte Youssef die Deutschen: »Leute, nehmt ihr sie auf. Ich weiß nicht: Gebt ihnen Hamburg!” Damit meinte Youssef Juden, auch wenn er es nicht aussprach.

Kanya Yanar, der sich zuvor vor Lachen nicht mehr einkriegen konnte, setzte dem »spaßigen« Austausch noch das Sahnehäubchen auf und rief Youssef zu: »Aber bitte erst, wenn dein Auftritt dort vorbei ist.«

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