Frankreich

Für die Werte des Kontinents

Simone Veil (1927–2017) Foto: dpa

Die französische Politikerin, Publizistin und Schoa-Überlebende Simone Veil ist heute im Alter von 89 Jahren gestorben. Als Überlebende des Holocaust und eine der bekanntesten Politikerinnen Europas repräsentierte sie auf besondere Weise die der offiziellen Version abgewandte Seite der französischen Nachkriegsgeschichte. Als erste Frau in wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Ämtern, als Feministin, streitbare Intellektuelle und als große Demokratin verteidigte sie ihr Leben lang Gerechtigkeit, Kultur und die Werte eines Kontinents, der die Barbarei überlebt hat.

Simone Jacob, am 13. Juli 1927 in Nizza als jüngste Tochter des Architekten André Jacob und seiner Frau Yvonne geboren, wuchs republikanisch-laizistisch und strikt antireligiös auf. Anfang 1944 wurde Simone vom Lyzeum vertrieben. Im März wurde erst sie, dann die ganze Familie von der Gestapo verhaftet. Gemeinsam mit ihrer Mutter und der ältesten Schwester wurde Simone nach Auschwitz deportiert. Auf den Hinweis eines Häftlings gab sie als Alter 18 statt ihrer 16 Jahre an. Die Kinder in ihrem Transport wurden sofort vergast.

Leben Im Januar 1945 wurden die drei Frauen mit Tausenden anderer Häftlinge auf den Todesmarsch nach Westen geschickt. In Bergen-Belsen angekommen, starb drei Wochen vor der Befreiung des Lagers, vom Typhus geschwächt, die Mutter. Immer wieder gefragt, was von Auschwitz geblieben sei, antwortete Simone Veil: »Die Lust am Leben und das Wissen darum, was wirklich wichtig ist.«

Ihr Vater und ihr Bruder Jean blieben in den Lagern verschollen. Von den Erlebnissen und Schwierigkeiten der zurückgekehrten Juden wollte 1945 niemand etwas wissen. Die 18-jährige Simone stürzte sich in ein ehrgeiziges Jurastudium, gleichzeitig besuchte sie die berühmte Pariser Sciences Po, wo sie Antoine Veil kennenlernte. Bereits 1950 kehrte Veil nach Deutschland zurück, wo ihr Mann in Wiesbaden eine Diplomatenlaufbahn begann. Sie führten das behütete, vom Alltag der Deutschen abgeschottete Leben des diplomatischen Dienstes. Nur einmal fand Antoine Veil seine Frau bei einem Empfang im Konsulat weinend in einer Ecke vor. Ein Funktionär des französischen Außenministeriums hatte, als er ihr aus dem Mantel half, die tätowierte Häftlingsnummer an ihrem Unterarm entdeckt und gewitzelt, das sei wohl ihre Garderobennummer.

Initiative Erst ab den späten 70er-Jahren wurde die Verfolgung der Juden in Frankreich mit der Arbeit Serge Klarsfelds überhaupt thematisiert. Die Rolle Frankreichs in der Schoa erkannte offiziell erst Jacques Chirac in seiner Rede im Juli 1995 zum Jahrestag der Rafle du Vélodrome d’Hiver, der Massenverhaftungen der Pariser Juden, an – für Simone Veil eine der wichtigsten Staatshandlungen des Präsidenten. Auf ihre Initiative hin wurde im Januar 2007 im Nationaldenkmal Panthéon eine Gedenktafel angebracht – für die von der Gedenkstätte Yad Vashem zu »Gerechten« erklärten Franzosen, die verfolgten Juden geholfen hatten.

Veil selbst hat sich nie gescheut, offen über ihre Erlebnisse in den Lagern zu sprechen. Ihr Leben lang fühlte sie sich dem Judentum in erster Linie durch die Erinnerung verbunden. Sie war die erste Präsidentin der Stiftung Mémorial de la Shoah, schrieb unermüdlich Vorworte, hielt Reden und unterstützte Projekte zum Thema. »Die Erinnerung«, sagte sie, »ist die Voraussetzung für eine Versöhnung.«

Mehrfach gab es Gerüchte, Veil könnte Frankreichs erste Präsidentin werden. Doch nachdem sie 1976 von der Kandidatur um das prestigereiche Bürgermeisteramt von Paris abgehalten wurde, sprach der damalige Innenminister aus, was trotz ihrer großen Beliebtheit sicher viele dachten: »Simone als Bürgermeisterin? Unmöglich ... Paris gibt sich keiner Frau hin und noch weniger einer Israelitin.«

Widerstände Während ihrer ehrgeizigen Laufbahn im Justizministerium, aber vor allem in der konservativen französischen Magistratur, musste Simone Veil sich bereits zu Anfang ihrer Karriere gegen große Widerstände durchsetzen. Schließlich berief Giscard d’Estaing sie 1974 zur Gesundheitsministerin, um die Situation der Frauen zu verbessern. Schon zu Beginn ihrer Amtszeit als Gesundheitsministerin bestand sie darauf, dass selbst ihre Leibgarde weiblich war.

Als sie mit 29 Jahren 1956 ihre Rechtsanwaltszulassung bekam, war Simone Veil bereits Mutter von drei Söhnen. Ihr Mann, inzwischen ein wohlsituierter Finanzinspektor, wollte nicht, dass seine Frau arbeitet, schon gar nicht als Rechtsanwältin. In einem hart umkämpften Kompromiss schlug sie die höhere Beamtenlaufbahn ein. Als sie schließlich in die Politik ging, verlangte er nur noch, sie müsse ihn auf dem Laufenden halten.

Die Europapolitik begriff Simone Veil als Höhepunkt ihrer Karriere. Dass ausgerechnet eine ehemalige Insassin der Vernichtungslager 1979 zur Präsidentin des Europaparlaments werden konnte, der ersten, von den Menschen in ihren Ländern frei und direkt gewählten Volksvertretung eines einigen Europas, war für sie ein starkes Symbol.

Unabhängigkeit Ihre parteipolitische Unabhängigkeit war Veil immer sehr wichtig. Obwohl sie im Europaparlament 1979 für die Zentrumspartei der Giscardisten antrat, hat sie es doch immer wieder verstanden, gerade in der Frauenpolitik, bei Umwelt- oder Integrationsthemen mit Allianzen nach Links zu verblüffen. Bereits in den 70er-Jahren erstaunte sie die Öffentlichkeit mit der Aussage, wenn einer ihrer Söhne ihr gestehen würde, mit einem Mann zusammenzuleben, würde sie seinen Freund zum Essen einladen.

Im November 2008 wurde Veil zum Mitglied der Académie française gewählt, die sich der Pflege der französischen Sprache widmet. Ihr Sitz dort war Fauteuil 13, auf dem auch schon der Dichter Racine saß und den sie am 18. März 2010 übernahm. 2010 wurden ihr der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf sowie der Europäische Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma verliehen, 2011 der Schillerpreis der Stadt Marbach am Neckar.

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