Ukraine

Für den Frieden

Foto: Reuters

»Kurt Tucholsky hatte vergeblich versucht, mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufzuhalten. Wie sollten wir das also schaffen? Aber nur gegen Wölfe flüstern wollen wir auch nicht. Also dachte ich: Schillern wir für die Ukraine!«

Das war das Motto der Benefiz-Gala am Montag im Berliner Schiller-Theater für die Opfer des Ukraine-Krieges, organisiert von Ilja Richter. Ich habe mitgemacht, Ilja wünschte sich den Text über Golda Meir, den ich einmal für diese Zeitung geschrieben habe, in dem ich für die Freiheit in der Kunst, im Denken und im Leben sowieso plädiere.

freiheit Putin ist nicht in die Vorstellung gekommen. Er wird nie erfahren, was ich über Freiheit und Demokratie denke und was ich von ihm halte. Ich vermute, es wäre ihm ohnehin egal. Aber irgendetwas möchte ich tun. Auch wenn ich nichts kann. Nicht operieren, nicht Russisch, nicht schießen. Und singen kann ich auch nicht.

Ich habe meinen Text vorgelesen, vor und zu Gleichgesinnten gesprochen. Macht das überhaupt Sinn? Schon Tucholsky ist gescheitert, er konnte die Nazis mit seinen brillanten Texten nicht aufhalten.

Zwei Jahre Pandemie, und der Globus ist aus den Fugen. Jetzt also auch noch Krieg.

Zwei Jahre Pandemie, und der Globus ist aus den Fugen. Jetzt also auch noch Krieg. Ohnmacht macht sich breit. Fernsehschauen. Spenden. Diskutieren. Wieder Nachrichten verfolgen. Noch mehr spenden. Alles mit Mundschutz.

biografie Ich lese Wladimir Wladimirowitsch Putins Biografie. Dann die von Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj. »Mir« heißt übrigens Frieden. Ich denke an eine Vorlesung über Dostojewski, die an einer Universität vom Lehrplan genommen werden soll. Ich denke an den Ukrainer Iwan Iwanowitsch Martschenko, den Aufseher im Vernichtungslager Treblinka. Wegen seiner besonderen Grausamkeit und Brutalität wurde er »Iwan der Schreckliche« genannt.

Und ich denke darüber nach, warum es 2015 so anders war, als die syrischen Flüchtlinge kamen. Ich versuche zu verstehen, und ich schlafe wenig und schlecht. Manchmal telefoniere ich mit meiner Kostümbildnerin Nina, sie ist Russin, lebt in Berlin und ist verzweifelt. »Kann ich etwas für dich tun?«, frage ich sie. »Ein Albtraum, ein Albtraum«, stammelt sie immerzu. »Und stell dir vor, wenn ich in Moskau anrufe, glauben sie mir dort nicht!«

Kunst ist der Spiegel einer Gesellschaft. Wenn wir verstummen, verstummt auch sie.

Dann fällt mir die jüdische Oberschule in Berlin ein. In der Schulkasse meines Sohnes waren damals 80 Prozent russische Kinder. Oder ukrainische? Ich weiß es bis heute nicht. Ich schimpfte sie auf dem Hof aus, sie sollten Deutsch sprechen, schließlich sei ihre Schule in Berlin. Ich höre, manche sind nach Russland, andere in die Ukraine gefahren, um zu kämpfen. Es ist zum Schreien. Sie sind doch noch fast Kinder …

front Schulkameraden, die sich an der Front gegenüberstehen. Frauen und Kinder auf der Flucht. Tote und nochmals Tote. Kiew ist keine 1348 Kilometer von hier entfernt, und das ist keine Dystopie von George Orwell. Inzwischen singen Kollegen am Brandenburger Tor für den Frieden, andere decken sich mit Jod und Wasser ein, und wieder andere kaufen sich in Panik ein Haus in Portugal. Möglichst weit weg vom Tyrannen, erklären sie mir.

Und ich? Schreibe gegen den Wahnsinn an, wie mein verehrter Kurt Tucholsky, der sich im Exil das Leben genommen hat. Das aber werde ich erst einmal nicht tun. Ich nehme eine Familie bei mir auf. Eine Familie aus Afghanistan, denn auch sie sind Flüchtlinge und wissen nicht, wohin. Ich erkläre ihnen, dass ich Jüdin bin und wir bald Seder feiern. Sie sagen, das sei in Ordnung, sie seien Muslime und würden sich freuen mitzufeiern, aber am liebsten würden sie erst einmal schlafen.

Ich informiere meine Nachbarn, dass fremde Menschen bei uns im Haus wohnen werden. Doro im Erdgeschoss hat in ihrem Gästezimmer eine ukrainische Mutter mit zwei Kindern untergebracht, und der Psychotherapeut Chris aus dem Erdgeschoss behandelt umsonst und außerhalb der Sprechzeiten Geflüchtete aus allen möglichen Kriegsgebieten. Im Flur hört man sie flüstern und weinen.

nachbarhaus Angesichts der Wucht des Krieges ist es nicht viel, was ich tue, was wir tun, aber wir sind nicht mehr stumm und ohnmächtig. Mein Mantel passt Dascha, die im Nachbarhaus untergekommen ist, und Andreas vom Haus gegenüber geht mit Alina zu den Ämtern, er spricht Russisch, was Alina sehr entspannt.

Angesichts der Wucht des Krieges ist es nicht viel, was ich tue, was wir tun, aber wir sind nicht mehr stumm.

Während der ersten Pandemie-Welle gab es diese Initiative »Bei Anruf Kunst«. Man konnte Schauspieler »buchen«, die am Telefon vorlasen. Ich habe in den Hörer aus meinen Büchern vorgelesen, am anderen Ende saßen Familien, Geburtstagskinder, eine Blindenwohngemeinschaft, das Geld ging an Schauspieler mit Kindern, die ihre Miete nicht mehr zahlen konnten.

Jetzt stehe ich mit meinen Kollegen auf der Bühne. Berühmte Kollegen, die für den Frieden singen, tanzen oder vorlesen. Jeder, was er kann, der Erlös geht an Bedürftige in der Ukraine.

Ja, weder die geistreichen Texte von Kurt Tucholsky noch die spritzigen Gedichte von Mascha Kaléko konnten den Zweiten Weltkrieg aufhalten. Wahrscheinlich kann ein Gedicht keinen Krieg verhindern. Aber Kunst ist der Spiegel einer Gesellschaft. Wenn wir verstummen, verstummt auch sie.

Die Autorin ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin.

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