Kleist-Jahr

Franzosenfresser ja, Antisemit nein

Poetischer Gewalttäter: Kleist-Denkmal in Frankfurt a. d. Oder Foto: dpa

Kleist-Jahr

Franzosenfresser ja, Antisemit nein

Den preußischen Dichter interessierte die »Judenfrage« nicht

von Ingo Way  01.03.2011 10:33 Uhr

Zu Juden fiel ihm nichts ein. Oder doch? Am 4. März wird staatsoffiziell und bundespräsidial das Kleist-Jahr eröffnet. 200 Jahre ist es her, dass Heinrich von Kleist und seine Geliebte Henriette Vogel am Kleinen Wannsee in Berlin Selbstmord begingen. Ein passendes Ende, war der Dichter doch von Tod, Gewalt und Grausamkeit geradezu besessen. Mord, Vergewaltigung, Kannibalismus, Krieg sind die Motive, die sich durch Kleists gesamtes dramatisches Werk ziehen. Diese Faszination durch Gewalt wurde zum politischen Sprengstoff, als sie sich mit Nationalismus verband.

Nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon dichtete Kleist vaterländische Verse, in denen er lustvoll zur Vernichtung der »Franzmänner« aufruft: »Dämmt den Rhein mit ihren Leichen«, heißt es in der Ode »Germania an ihre Kinder«. Und in dem Drama »Die Hermannsschlacht« von 1808 sollte der Kampf des Germanenführers Arminius gegen die römische Besatzung als Vorbild dienen, wie mit Napoleons Franzosen zu verfahren sei. »Einen Krieg ... will ich / Entflammen, der in Deutschland rasselnd, / Gleich einem dürren Walde, um sich greifen, / Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll.«

Uraufgeführt wurde das Stück erst 50 Jahre nach Kleists Tod. Der Historiker Heinrich von Treitschke (»Die Juden sind unser Unglück«) hatte sich für eine Aufführung starkgemacht. Die Inszenierung in Dresden wurde ein Erfolg dank des Hauptdarstellers Bogumil Dawison – ein polnischer Jude. In der Nazizeit war die »Hermannsschlacht« das meistgespielte Stück von Kleist.

nationalismus Bei allem Hass, ja Vernichtungswahn gegen die Franzosen, findet sich bei Kleist kein Wort über die Juden. Man könnte mit Grund einwenden, der Antisemitismus sei im deutschen Frühnationalismus ohnehin immer mitgemeint gewesen. Doch andere Nationalromantiker wie Fichte, Arndt oder von Arnim versäumten es nie, speziell die Juden mit Hass zu bedenken.

Eben jener Achim von Arnim gründete 1811 in Berlin die »Christlich-teutsche Tischgesellschaft«, die Juden explizit ausschloss. Kleists Mitgliedschaft dort galt lange Zeit als Beleg für seinen Antisemitismus. Doch es ist umstritten, ob er der Gruppe wirklich je angehörte. Die Behauptung, Kleists kurzlebige »Berliner Abendblätter« seien das Organ der Tischgesellschaft gewesen, stammt aus einem Buch des antisemitischen Literaturhistorikers Reinhold Steig von 1901. Steig versuchte darin, Kleist gegen Angriffe seines Zeitgenossen, des jüdischen Aufklärers Saul Ascher, in Schutz zu nehmen. Der hatte die »Abendblätter« wiederholt wegen deren reaktionärer Tendenz kritisiert.

1936, auf dem Höhepunkt der nationalsozialistischen Kleist-Begeisterung, machte der frühere »Weltbühne«-Autor Kurt Kersten in der damals noch erscheinenden »Jüdischen Revue« Kleist gegen den Zeitgeist zum Fürsprecher der Juden. Der Schriftsteller sei 1809 in Prag, wohin er vor Napoleon geflohen war, vom Anblick des Ghettos tief beeindruckt gewesen, schrieb Kersten. Kleist habe sogar eine gedankliche Parallele zwischen der Zerstörung Jerusalems durch die Römer und der Niederlage Preußens gegen die Franzosen gezogen: »Was! Dieser mächtige Staat der Juden soll untergehen? Jerusalem, die Stadt Gottes, von seinem leibhaftigen Cherubime beschützt, sie sollte, Zion, zu Asche versinken?« Germania und Zion als Schwestern – das wäre einem Mitglied der teutschen Tischgesellschaft sicher nicht eingefallen.

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  28.08.2026

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert