Gruppe 47

Forum für literarischen Wiederaufbau

Heinrich Böll, Ilse Aichinger und Günther Eich (v.l.) 1952 während der Tagung der Gruppe 47 Foto: dpa

Manche nennen sie »legendär«. Die »Gruppe 47« war die einflussreichste Vereinigung von Literaten in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Wobei »Gruppe« eigentlich gar nicht das passende Wort war – Initiator Hans Werner Richter (1908–1993) lud Autoren zu Treffen an wechselnden Orten ein, wo unveröffentlichte Texte gelesen und diskutiert wurden. Darunter waren Schriftsteller wie Ilse Aichinger, Paul Celan, Heinrich Böll, Günter Grass, Martin Walser, Ingeborg Bachmann oder Hans Magnus Enzensberger. Begonnen hat alles vor 70 Jahren, im Jahr 1947.

Deutschland lag in Trümmern. Alfred Andersch und Hans Werner Richter, die in den USA für die Kriegsgefangenen-Zeitschrift »Der Ruf« gearbeitet hatten, wollten in Deutschland mit der Nachfolge-Zeitschrift »Der Ruf – unabhängige Blätter der jungen Generation« eine Brücke zwischen Ost und West bauen. Vergebens. Ihr Eintreten für ein Deutschland mit sozialistischer Gesellschaftsform erregte den Argwohn der amerikanischen Besatzer. Im April 1947 wurde »Der Ruf« verboten.

NS-Propaganda Doch Richter gab nicht auf, plante eine neue Zeitschrift: »Der Skorpion«. Für den 6. und 7. September 1947 lud er potenzielle Mitarbeiter zu einer ersten Redaktionssitzung nahe Füssen ein. 16 Autoren, unter ihnen Wolfdietrich Schnurre, trugen ihre Texte vor und diskutierten darüber. Aus der Zeitschrift wurde nichts. Aber man traf sich weiter, um die Sprache von der NS-Propaganda zu reinigen und neue Werte zu finden.

Etwa zweimal jährlich lud Richter fortan von ihm erwählte Autoren zu Lesungen und Spontankritik an verschiedene Orte. Einer nach dem anderen nahm mit seinem Manuskript Platz auf dem »elektrischen Stuhl«, wie der freie Sitz neben dem Gastgeber ironisch genannt wurde, und ließ sich von den anderen feiern oder fertigmachen. Eine »Sadistenvereinigung, an der ich nicht mal unter Todesdrohung teilgenommen hätte«, nannte Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek später dieses Ritual der »Gruppe 47«.

Zunächst widmeten sich Richter und die Seinen der sogenannten Kahlschlag- und Trümmerliteratur, die der tonangebende Gastgeber besonders schätzte. Dazu gehörte etwa das Gedicht »Inventur« von Günter Eich. Auf der Frühjahrstagung 1952 in Niendorf fiel Paul Celan mit seiner »Todesfuge« bei den Kollegen durch, weil er seine mittlerweile weltberühmten Verse für deren Geschmack zu pathetisch vortrug. »Der spricht ja wie Goebbels«, befand Richter. Die Gruppe war fehlbar.

kritiker »Mit Paul Celan, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann begann etwas Neues«, urteilte der Literaturkritiker Helmut Böttiger dennoch über diese Zeit. Tatsächlich begann mit Aichingers »Spiegelgeschichte« auf derselben Tagung 1952 die zweite Phase, in der sich die Autoren surrealistischer Literatur widmeten. Die Wiener Autorin erhielt dafür den seit 1950 ausgeschriebenen Förderpreis der »Gruppe 47«. Heinrich Böll wurde 1951 ausgezeichnet, Ingeborg Bachmann 1953 und Martin Walser 1955.

Als Günter Grass 1958 für das erste Kapitel aus seiner Blechtrommel den Preis erhielt, war mit ihm, nach Böll, der zweite deutsche Nachkriegsautor auf dem Weg zum Nobelpreis. Kritiker Marcel Reich-Ranicki war im selben Jahr zur »Gruppe 47« gestoßen, die er später als »ambulantes Romanisches Café« bezeichnete. Das Forum öffnete sich jetzt auch Kritikern wie Joachim Kaiser und Verlegern wie Siegfried Unseld.

Ende der 50er-Jahre ging die Gruppe, die sich allmählich zu einer Institution entwickelte, in ihre dritte Phase. Die Politisierung der Gesellschaft griff auf sie über. Die NS-Vergangenheit war zu bewältigen. Das dokumentarische Theater kam auf. 1963 las Peter Weiss aus seinem Marat/deSade-Stück. Der Vietnamkrieg forderte nach Stellungnahme. Die CDU sprach von einer »geheimen Reichsschrifttumskammer«, Martin Walser von einer »herrschsüchtigen Clique«.

»Papiertiger« Dann kam Peter Handke. Mit 80 weiteren Teilnehmern reist er 1966 zu einer Gruppen-Tagung nach Princeton. Nachdem er durchgefallen war, warf er seinen Kritikern »Beschreibungsimpotenz« und ein »überkommenes Instrumentarium« vor. Das war der Todesstoß. 1967 traf man sich zum letzten Mal im oberfränkischen Waischenfeld. Draußen skandierten die Studenten Parolen, kritisierten die Autoren als »Papiertiger«.

Insgesamt hatten 200 Autoren bei den Treffen der »Gruppe 47« gelesen. 1977 nahm der Autorenwettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt den Stil der »Gruppe 47« wieder auf. »Die Gruppe 47 war und bleibt singulär in der Geschichte der deutschen Literatur«, urteilt der Germanist und Literaturkritiker Jochen Hieber. »Nie zuvor und seither nie wieder hat es in unserer Sprache eine Vereinigung von Schriftstellern gegeben, die auf eine derart emphatische Weise den gesellschaftlichen Diskurs bestimmt und mitgeprägt hat.«

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