YIVO

Forschung ohne Wegweiser

Bibliotheksleiterin Lyudmila Sholokhova bei der Präsentation verloren geglaubter Dokumente in New York, Oktober 2017 Foto: Getty Images

Es war ein Paukenschlag: Das legendäre YIVO, das Jiddische Wissenschaftliche Institut in New York, das die wohl größte Sammlung an jiddischem Schriftgut enthält und für Forscher weltweit eine unschätzbare Quelle ist, entlässt all seine Bibliothekare.

Das war am 20. Januar, und seitdem laufen Künstler und Wissenschaftler Sturm. Denn sie fürchten, dass damit der Zugang zu diesem einmaligen Material enorm erschwert und manches sogar unmöglich gemacht wird.

Team Für Alan Bern, den Begründer des Yiddish Summer Weimar, ist dies schlicht eine Katastrophe. Mit dem Bibliotheksteam unter der Leitung von Lyudmila Sholokhova fehle der Wegweiser durch diese einzigartige Sammlung. »Die Bibliothekarinnen in der YIVO-Bibliothek waren Legende«, erzählt Bern. »Immer, wenn ich von der Sammlung Gebrauch gemacht habe, bin ich da hineingegangen, hatte eine Frage und bin mit einer Weiterbildung wieder weggegangen.«

Das in Wilna gegründete YIVO zog gerade noch rechtzeitig 1940 nach New York.

In den Tagen der größten Katastrophe für das alte »Jiddischland« haben die Dichter Avrom Sutzkever und Shmerke Kaczerginski mit einigen Mitstreitern der sogenannten »Papierbrigade« aus dem Ghetto von Wilna zahlreiche Schriften und Kultgegenstände vor den Nazis versteckt, zum Teil im Wald vergraben. Nach dem Krieg gelangten die auf diese Weise geretteten Schriften ins New Yorker YIVO. Das 1925 im litauischen Wilna von Max Weinreich gegründete »Yidisher visnshaftlekher institut« hatte gerade noch rechtzeitig, im Kriegsjahr 1940, seinen Hauptsitz ins amerikanische Exil verlegt.

KONTINUITÄT All jene, denen die jiddische Kultur so sehr am Herzen lag und die mitansehen mussten, wie diese Kultur vor ihren Augen verschwand, haben etwas Unschätzbares geleistet. Sie haben die Erinnerung an diese Welt bewahrt. Es sei daher wirklich beschämend, dass das YIVO nun seine Bibliothekare entlassen habe, sagt Roberta Newman. Sie hat lange Jahre an Digitalisierungsprojekten im YIVO gearbeitet. Newman bedauert zutiefst, dass eine 80 Jahre währende Kontinuität gebrochen werde. Mit dem Weggang der Bibliothekare gehe auch ein nicht ersetzbares Wissen verloren.

Die Bibliothek des YIVO beherbergt 385.000 Bücher, darunter gut 40.000 auf Jiddisch. Das YIVO ist nicht die einzige, aber die mit Abstand bedeutendste und wichtigste Einrichtung dieser Art. Unterteilt in verschiedene Abteilungen umfasst es insgesamt 23 Millionen Archivalien. Darunter sind Bücher, Zeitungen, Plakate, aber auch viele Nachlässe und unzählige Tonaufnahmen. Wer Zugang zu diesem reichen Quellenbestand haben will, braucht das Wissen und die Erfahrung ausgewiesener Jiddisch-Spezialisten. Unter ihnen gibt es weltweit gerade einmal ein Dutzend Bibliothekare. Deshalb wiege der Verlust des kompletten Bibliotheksteams nun auch so schwer, sagt Alan Bern.

BUDGET Die an der Columbia University in Vancouver selbst eine Bibliothek leitende Faith Jones macht an einem Beispiel deutlich, welche Schwierigkeiten sich jetzt für die Forschergemeinde auftun: Sie sei einmal auf einen Text gestoßen, der in einem Subdialekt des litauischen Jiddisch verfasst war. Sie kam nicht weiter, schrieb Lyudmila Sholokhova eine Mail, und die konnte jene Quellen benennen, die ihr weiterhalfen. Sholokhova habe genau gewusst, welches Buch im Regal eine Liste mit ebendiesen seltenen Jiddisch-Vokabeln enthielt.

Auf den ersten Blick mögen das Details sein. Doch dahinter steht die Frage im Raum, wie künftig mit der Bibliothek überhaupt noch gearbeitet werden kann. Derzeit beschwichtigt das YIVO. Die Arbeit werde nicht eingeschränkt, der Zugang bleibe erhalten. Zurzeit suche man nach einer Lösung für ein neu aufzustellendes Bibliotheksteam. Bei der Frage einer Modernisierung setzt die YIVO-Leitung wohl auch gezielt auf externe Experten. Begründet wurde der harte Einschnitt im Januar mit einer im Budget klaffenden Lücke von einer halben Million Dollar.

Die Jiddisch-Expertin Janina Wurbs von der Universität Bern kritisiert die Kommunikation des Hauses. Alle seien auf dem kalten Fuß erwischt worden. Und weshalb es ausgerechnet das komplette Bibliotheksteam treffe, obwohl das YIVO noch andere Abteilungen habe, erschließe sich ihr nicht. Warum habe es kein spezielles Fundraising gegeben, fragt sie. Dazu sei gesagt: Das YIVO ist keine öffentlich finanzierte Einrichtung, sondern ohnehin auf Fundraising angewiesen.

DIGITALISIERUNG Tatsächlich ist die Digitalisierung von Bibliotheksbeständen sinnvoll, sei es aus konservatorischen Gründen oder weil dadurch der Zugang erleichtert wird. Das YIVO jedoch könne diesen Weg nicht einfach so beschreiten, sagen die Kritiker. Wichtige Informationen gingen damit verloren, Querverwiese seien kaum möglich. Das Wissen der Bibliothekare sei schließlich der große Vorzug dieser Einrichtung gewesen, sagt Bern. Sie hielten damit auch einen wichtigen Schlüssel für die Erforschung des osteuropäischen Judentums in der Hand.

Denn ohnehin existierten viele Klischees und Missverständnisse über die jiddische Kultur. Zur jährlichen inhaltlichen Vorbereitung des Yiddish Summer habe man stets viel von der Recherche im YIVO profitiert. Es gehe darum, diese Klischees abzubauen, gerade heute, wo weltweit wieder eine Jiddisch-Community wachse. »Da erwartet man einfach vom YIVO hundertprozentige Unterstützung.«

In Anbetracht der Geschichte des YIVO dürfe es keine an Sachzwängen orientierte Diskussion geben, sagt Janina Wurbs. Sie erinnert an die Rettungsaktion von Sutzkever und Kaczerginski. »Also, w ir fragen uns schon: Wenn diese Materialien gerettet wurden und wir den Zugang dazu haben, warum wäre jemand freiwillig bereit, auf das Wissen zu verzichten, das nötig ist, um diese zu benutzen?«

PETITION Doch es geht bei all dem nicht um Wehmut. Die Probleme, die sich vor allem für die Forschergemeinde auftun, sind immens. So wurde jetzt bekannt, dass infolge der Entlassung das Herzstück der Sammlung, die noch in Litauen aufgebaute »Vilna Collection«, darunter jene einst von Sutzkever und Kaczerginski vergrabenen Schriften, geschlossen wurde. Ein »Kronjuwel« der YIVO- Sammlung, wie Roberta Newman kürzlich auf Facebook schrieb. Manches sei zwar digitalisiert worden, der Großteil jedoch nicht.

Die Entlassung der Bibliothekare löste einen bemerkenswerten Proteststurm aus. Eine Petition an das YIVO wurde binnen 36 Stunden von mehr als 1200 Wissenschaftlern, Künstlern und Jiddisch-Experten unterzeichnet. Allein diese Reaktion macht deutlich, welchen Widerhall die Entlassung in der Jiddisch-Szene gefunden hat. Doch wird der Protest etwas ausrichten? Das YIVO, das bald seinen 100. Geburtstag feiert, werde so schnell nicht untergehen, schrieb die in Toronto lehrende Anna Shternshis in einem Beitrag für die »Canadian Jewish News«. Sie hoffe aber, dass 2020 eines Tages nicht als das Jahr gelten werde, an dem den Jiddischen Studien irreversibler Schaden zugefügt wurde.

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