Todestag

Flucht ohne Ende

Joseph Roth Foto: dpa

Todestag

Flucht ohne Ende

Vor 75 Jahren starb der österreichische Schriftsteller Joseph Roth

 23.05.2014 12:15 Uhr

Joseph Roth wurde nur 44 Jahre alt. Er starb am 27. Mai 1939, vor 75 Jahren, im Pariser Exil an den Folgen seiner Alkoholkrankheit. Bis heute gilt er als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts, Autor von Romanen wie Radetzkymarsch und Hiob. Seine letzte Erzählung erschien erst nach seinem Tod: »Die Legende vom heiligen Trinker«.

Geboren wurde er als Sohn einer jüdischen Familie am 2. September 1894 in Brody in Galizien, das damals zu Österreich gehörte. »Joseph Roth war fünftausend Jahre alt«, schrieb Heinrich Böll. »Alle Weisheit des Judentums war in ihm, dessen Humor, dessen bitterer Realismus; alle Trauer Galiziens, alle Grazie und Melancholie Austrias.« Roth selbst formulierte es so: »Ich bin ein Franzose aus dem Osten, ein Humanist, ein Rationalist mit Religion, ein Katholik mit jüdischem Gehirn.«

freiwilliger Er studierte in Lemberg (heute Lwiw) und Wien, meldete sich als Freiwilliger zum Ersten Weltkrieg, wurde Journalist in Wien und Berlin. Als Dichter und Publizist war er ein Kämpfer für eine gerechtere Welt, konkret: gegen Nationalismus und Nationalsozialismus. Die Schriftstellerin Irmgard Keun erinnerte sich: »Ich kenne niemanden, der so unerbittlich klar, so überzeugend stark, so leidenschaftlich kompromisslos darüber und dagegen schrieb wie Roth.« Die Aussichtslosigkeit dieses Kampfes trug dazu bei, aus seiner Neigung zum Trunk tödliche Trunksucht zu machen.

Ein Kämpfer war Roth schon mit seinem ersten Roman Das Spinnennetz, der 1923 in der Wiener »Arbeiterzeitung« erschien. Er porträtierte einen rechtsradikalen Karrieristen, analysierte seine Allmachtfantasien. Rasch erschienen danach die Romane Hotel Savoy und Die Rebellion. Die »Frankfurter Zeitung« verpflichtete ihn Anfang der 20er-Jahre als Korrespondenten, er lebte in Berlin, berichtete aus Paris und der Sowjetunion.

schizophrenie
Diese wohl glücklichsten Jahre seines Lebens dauerten nicht lang. Seine Frau Friedl, die er 1922 geheiratet hatte, erkrankte 1928, vermutlich an Schizophrenie. Das Paar trennte sich. 1933 ging Roth ins französische Exil, mit Andrea Manga Bell und deren zwei Kindern. Von 1936 bis 1938 lebte er mit Irmgard Keun zusammen. Auch in den besten Jahren war es ein ruheloses Leben: Roth hatte nie eine Wohnung, er zog von Hotel zu Hotel, in Cafés entstanden seine Artikel und Bücher.

Die Ruhe- und Heimatlosigkeit ist auch das Thema vieler seiner Romane. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Welt aus den Fugen. Das Hotel Savoy ist überfüllt mit Menschen, die irgendwie davongekommen sind, arme Teufel, aber auch reiche Banker. In Die Flucht ohne Ende gerät der k.u.k.-Offizier Tunda in die Oktoberrevolution, wird sogar Kommandant, und dann verschlägt es ihn bis nach Paris, immer auf der Flucht vor sich selbst.

radetzkymarsch 1929 und 1932 erschienen die Romane Hiob und Radetzkymarsch, die Roth endgültig in die Weltliteratur geführt haben. Seine Fähigkeit, Menschen zu zeichnen mit all ihren Freuden und Kümmernissen, in all ihren Widersprüchen, hat er hier zur Vollkommenheit gebracht. Dabei schreibt er nicht raffiniert, sondern ganz einfach.

Unvergesslich der fromme Jude Mendel Singer, der von Russland nach New York kommt. Er muss die Leiden des biblischen Hiobs noch einmal erdulden, er rebelliert gegen Gott, aber am Ende begegnet ihm ein Wunder. »Man erlebt, statt zu lesen«, schrieb Stefan Zweig.

In Radetzkymarsch wird Joseph von Trotta, ein liebenswerter, aber schwacher Offizier aus einem ruhmreichen Adelsgeschlecht, zur Symbolfigur für den Niedergang und das Ende der Habsburger Monarchie. Ein Endzeit-Roman, vergleichbar den Buddenbrooks.

emigranten In den 1930er-Jahren aber sah Roth – in seiner Verzweiflung über den »siegreichen Antichrist«, wie er den Nationalsozialismus nannte – im katholischen Habsburger Kaiserreich eine Hoffnung im Kampf gegen die Barbarei. Viele Emigranten nahmen ihm diese »Wendung ins Reaktionäre« übel.

Aber Roth verstand sich, so verteidigte ihn sein Freund Stefan Zweig, »als Soldat im Kampf um die europäische Kultur«. 1938 fuhr er sogar noch einmal nach Wien, um sich für Otto von Habsburgs Rückkehr nach Österreich einzusetzen. Nur drei Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen verließ Roth Wien. Ein Jahr später starb er, verarmt.

Joseph Roths Nachruhm reicht weit über seine Leserschaft hinaus. Viele seiner Erzählungen und Romane sind verfilmt worden, einige wurden für die Bühne bearbeitet. Die von ihm geschaffenen Figuren und ihre Schicksale können auch in anderen Medien faszinieren: Vor allem Koen Tachelets Bühnenfassung von Hiob wurde in letzter Zeit an vielen Theatern aufgeführt. Und sie bewegte das Publikum ganz außerordentlich. epd

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