Kino

»Fiktion kann etwas Gutes bewirken«

Oscarpreisträger Florian Henckel von Donnersmarck Foto: dpa

Herr von Donnersmarck, die Geschichte Ihrer Hauptperson in »Werk ohne Autor« ist zwar Fiktion, doch deren Lebensweg ist angelehnt an den des Künstlers Gerhard Richter. Wie haben Sie Ihren Austausch mit Gerhard Richter für den Film wahrgenommen?
Ich habe ihn in Köln viele Male über ein Zeitraum von mehreren Wochen getroffen, habe zig Stunden Gespräche mit ihm geführt und sogar aufzeichnen dürfen. Ich bin dann mit ihm nach Dresden gefahren, wo wir uns die Orte seiner Kindheit und Jugend angesehen haben. An vielen dieser Orte war er seitdem nicht mehr gewesen. Ich glaube aber, er war so offen und so großzügig mit seiner Zeit, weil er wusste, dass ich die Geschichte von meinem Helden Kurt Barnert erzähle, und nicht von Gerhard Richter. Er wusste, dass es jetzt nicht eine direkte Biografie werden würde, die Anspruch erhebt, sein Leben abzubilden, sondern eine Dichtung, die einfach viele Elemente seines Lebens verwendet.

Sie haben ja nicht nur mit Richter, sondern auch mit anderen Künstlern gesprochen. Wird die Rolle und der Einfluss von Gerhard Richter für die Realisierung Ihres Films möglicherweise überschätzt?
Von den Künstlern, die ich getroffen habe, habe ich schon am meisten aus Richters Leben verwendet. Aber immer betont – ihm und der Presse gegenüber –, dass es eben insgesamt ein eigenständiges Kunstwerk ist und eine Fiktion, nicht seine Biografie. So wie die Geschichte von Sebastian Kochs Figur Georg Dreyman in Das Leben der Anderen viele Elemente aus Wolf Biermanns Leben genommen hat, ohne dass die Figur jetzt einen Walross‐Schnurrbart haben musste oder ausgebürgert wird, oder auch nur die Gitarre spielt. Leider wurde das bei diesem Film von den Medien zum Teil anders aufgenommen.

Kurt Barnert bewältigt viele Tragiken seines Lebens durch seine Kunst. Nun haben Sie selbst, wie Sie gesagt haben, ein »eigenständiges Kunstwerk« über viele Jahrzehnte deutscher Zeitgeschichte geschaffen. Was wollen Sie bewältigen?
Wenn ich einen Film angehe, ein Drehbuch schreibe, versuche ich immer, der Tragik der darin geschilderten Geschehnisse etwas Positives, Hoffnungsvolles abzuringen. Es ist aber tatsächlich ein Ringen. Denn das Leben enthält natürlich sehr viel Tragik, endet in den meisten Fällen sogar tödlich. Kunst soll aber Trost spenden entlang dieses Weges. So geht es mir auch mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts: Irgendwie will ich nicht glauben, dass all das furchtbare Leid, das in Deutschland stattgefunden hat, nicht wenigstens zu einem dauerhaften Bewusstsein dafür geführt haben soll, wie wichtig Frieden und Toleranz sind.

Ihr Film spannt einen weiten Bogen von der NS‐Zeit über die deutsch‐deutsche Geschichte und hat mit über drei Stunden Spielzeit zudem die entsprechend epische Breite. Hätten Sie bei Beginn der Entstehung des Films vor vier Jahren damit gerechnet, dass die Première in Deutschland in einer solch aufgewühlten gesamtgesellschaftlichen Situation stattfindet, wie sie sich aktuell darstellt?
Nein, damit habe ich nicht gerechnet. Wie schnell sich Dinge hochschaukeln, wie plötzlich gefährliche Entscheidungen getroffen werden, wie die politische Stimmung von einem Moment zum anderen umschlagen kann – das hat mich doch alles sehr erstaunt und erschreckt. In einer solchen Identitätskrise, wie sie Deutschland im Moment durchläuft, ist es, glaube ich, besonders wichtig, sich mit der Geschichte des Landes zu beschäftigen. Das würde ich auch den Politikern sehr ans Herz legen. Mir scheint manchmal, dass es einen Pflichttest in Geschichte für jeden Politiker geben sollte, der sich zur Wahl aufstellen lässt.

Trotz Nationalsozialismus und dessen Verbrechen gegenüber Juden und Menschen »unwerten Lebens« zeigt sich in Deutschland immer offener Antisemitismus, und viele schauen weg. Kann Ihr Film dazu beitragen, eben nicht wegzuschauen?
Das wäre die große Hoffnung. Und es freut mich, dass Sie sie anscheinend teilen. Es gibt keine Ausrede dafür, wegzuschauen. Nicht vor Unrecht. Nicht vor Grauen. »Die Wahrheit ist dem Menschen nämlich zumutbar«, hat Ingeborg Bachmann gesagt. Wir dürfen die Augen nie verschließen, ob vor der Vergangenheit oder der Gegenwart. Es darf kein Mensch je wieder wegen seiner Zugehörigkeit oder Nähe zum Judentum irgendeinen Nachteil erleiden.

Haben Sie eine besondere Beziehung zum Judentum und zu Israel?
Ich empfinde eine große Bewunderung für Israel, und auch für die jüdische Religion. Mein vor zehn Jahren verstorbener Vater, ein gläubiger Katholik, hat immer das Wort von Johannes Paul II. über das Judentum wiederholt, Juden seien »unsere älteren Brüder«, und die Korrektur von Papst Benedikt, Juden seien »unsere Väter im Glauben«. Er begegnete dem Judentum mit großer Ehrfurcht. Das hat mich geprägt.

Inwiefern?
Er hat meinen Bruder und mich, als wir elf und zwölf Jahre alt waren, mit nach Israel genommen. Tel Aviv, Jerusalem, das Tote Meer. Das waren große Erlebnisse. Wie dort die verschiedenen Religionen und Nationalitäten zusammenleben, hat mich sehr beeindruckt. Und die große Freundlichkeit uns gegenüber hat mich berührt. Wir sind ja nun unverkennbar deutsch – Name, Sprache, Körpergröße, Haarfarbe. Und dennoch haben wir dort keine Feindseligkeit erfahren, sondern nur Freundlichkeit, Offenheit, Toleranz. Und dann gab es da noch eine andere prägende Erfahrung.

Welche war das?
Der einzige Bruder meines Vaters ist Zisterziensermönch und der Altabt von Heiligenkreuz bei Wien. Als er sein eigenes Pektorale – jenes Kreuz, das Prälaten um die Brust hängen haben – gestalten musste, hat er eines aus Bronze machen lassen, nicht aus Gold, und darauf, als Zeichen der Solidarität und der tiefen Sympathie mit dem Judentum, und als Symbol der spirituellen Zugehörigkeit zum Judentum, einen Davidstern gesetzt. Er erzählt die Geschichte vom dänischen König Christian X, der sich 1938 den Judenstern auf die Jacke genäht haben und damit durch die Stadt geritten sein soll, um die nichtjüdische Bevölkerung dazu anzuregen, Ähnliches zu tun und so dänische Juden vor der Deportation zu schützen. Diese Geschichte hat ihn schon als Kind sehr mitgenommen.

Ist die Geschichte historisch verbürgt?
Ich habe einmal recherchiert, weil sie mich für einen Film interessierte, und glaube, sie stimmt so nicht, ist Legende, und ich traue mich nicht, meinem Onkel das zu sagen. Aber sie zeigt einmal mehr, dass schöne Fiktion eben doch etwas Gutes bewirken kann.

Das Interview mit dem Regisseur und Oscarpreisträger führte Ulrike von Hoensbroech.

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