Literatur

Fäden der Geschichte

Marina Frenk, 1986 in Moldawien geboren, ist Schauspielerin und Musikerin – und veröffentlich jetzt ihr erstes Buch. Foto: Emanuela Danielewicz

Es gibt sie wirklich: Menschen, auf die der Begriff Multitalent im wahrsten Sinne des Wortes zutrifft. Marina Frenk ist so jemand. 1986 in Moldawien geboren, kam sie als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland.

Erste Station war 1993 Dortmund-Nordstadt, ein vom Strukturwandel im Ruhrgebiet stark gebeutelter Stadtteil, von dem es in der »FAZ« einmal hieß, dass dort eigentlich »keiner freiwillig hingeht«.

Theater Es folgten das Schauspielstudium an der Folkwang Universität der Künste sowie Engagements an den Häusern in Essen, Bochum, Leipzig, Köln und zuletzt am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. 2009 erhielt sie den Bochumer Theaterpreis in der Kategorie »Nachwuchskünstler«.

Es war folgerichtig, irgendwann auch einen Roman zu schreiben.

Parallel dazu begann Marina Frenk auch zu singen. Anfangs in der Folk-Jazz-Combo Kapelsky, dann gemeinsam mit Anton Berman und Kostia Rapoport im Rahmen des Projekts »The Real Baba Dunyah«, einem experimentellen Noise-Electro-Ensemble.

Später kamen gemeinsame Auftritte mit dem Klezmer-Jiddisch-Punker Daniel Kahn und dem »Rotfront«-Gitarristen Yuriy Gurzhy hinzu.

Hörspiele wurden ein weiteres Betätigungsfeld. Gemeinsam mit Sibylle Berg produzierte Frenk Und jetzt: die Welt!, wofür es 2016 den Hörspielpreis der Kriegsblinden gab. Für ihr autobiografisch gefärbtes Hörspiel Jenseits der Kastanien erhielt sie 2017 den europäischen CIVIS-Radiopreis.

debüt Irgendwann einmal einen Roman zu schreiben, schien da nur folgerichtig. Nun ist das Debüt bei Wagenbach erschienen. Es heißt ewig her und gar nicht wahr und trägt, wenig überraschend, stark autobiografische Züge. Vergangene Woche lud die Berliner Volksbühne zur Buchpremiere.

»Es geht darin viel um Familie, Kunst sowie unübersetzbar russische Worte und natürlich um Identität«, erzählt Marina Frenk. Alter Ego ist die junge Malerin Kira Liberman, die auch aus Moldawien stammt, sowohl jüdische als auch russische Wurzeln hat und mit ihrem kleinen Sohn Karl in Berlin lebt.

Sie hält sich mit Malkursen für Kinder über Wasser und durchlebt nach anfänglichen Erfolgen eine Schaffenskrise. Auch die Beziehung mit ihrem Freund Marc läuft nicht optimal.

Manches Geheimnis der Vergangenheit will einfach nicht gelüftet werden.

»Und so fängt sie an, sich mit der Vergangenheit und der Zukunft zu beschäftigen, um irgendwie die Gegenwart zu begreifen.« Durch den ständigen Wechsel der Zeitebenen geht es aber vor allem darum, die Fäden der russisch-jüdischen Familiengeschichte aufzugreifen und miteinander zu verweben. Das Fragmentarische ist zugleich Programm und bewusstes Stilmittel. Denn manches Geheimnis der Vergangenheit will einfach nicht gelüftet werden.

Fotoalbum Das Ergebnis erinnert an ein altes, leicht vergilbtes Fotoalbum, das Bilder von Menschen zeigt, an die man entweder nur vage Erinnerungen hat oder die allenfalls aus Geschichten bekannt sind. »Da ist die Szene am Strand des Schwarzen Meeres zu Zeiten der Sowjetunion«, skizziert sie das exemplarisch. »Mama ist mit einem Bikini zu sehen, dessen Muster dem der amerikanischen Flagge entspricht.

Der Vater trägt einen Schnurrbart, beide stehen knietief im Wasser.« Die Rede ist auch von einem aufblasbaren grünen Krokodil, auf dem ein fünfjähriges Mädchen sitzt – ob das eine Reminiszenz an die sowjetische Filmkomödie Mimino von 1977 ist, in der ein derartiges grünes Gummitier auch eine Rolle spielt, wird nicht näher erläutert.

Die Großeltern werden evakuiert und nicht deportiert.

Dann der Sprung in das Jahr 1941. In der Ukraine ist der kleine Aaron mit seiner Familie auf der Flucht vor den vorrückenden Truppen der mit den Deutschen verbündeten Rumänen in einem Eisenbahnwaggon. »Es geht um unser ewiges Schicksal, von einem Tag auf den anderen unsere Sachen zu packen und fliehen zu müssen«, schildert sie das Los ihrer jüdischen Großeltern.

»Aber wenigstens werden sie evakuiert und nicht deportiert.« Immer wieder taucht Marina Frenk episodenhaft, aber sprachlich leichtfüßig in solche Schlüsselereignisse der Familiengeschichte ein. »Eigentlich ging es auch um den Wunsch, meine Vorfahren irgendwie freizulassen«, schildert sie ihre Motive. »Auch stellte ich mir die Frage, ob man ohne solche Geschichten überhaupt existieren kann.«

Reisepass In einer anderen Szene reist eine leicht verpeilte Kira ohne Reisepass, sondern nur mit Personalausweis in ihre Geburtsstadt Chisinau und wird dort abgewiesen. Sie hat nicht mehr auf dem Radar, dass Moldawien eben kein Teil der »supertollen Wertegemeinschaft Europäische Union« ist.

Ihrer Protagonistin verleiht Frenk das selbsterfundene Label »DDNO«, was so viel heißt wie »Definitiver Depp ohne Nation«. Auch wenn sie erklärt, dass sie dieses »einfach nur lustig« fand, geht es doch um etwas Ernsteres: Migrationserfahrungen und Identität. Frenk verhandelt diese Themen jedoch ohne Larmoyanz, sondern mit einer auffällig spielerischen Frische.

Die Protagonistin hat jüdische und russische Wurzeln.

Deutlich wird dies vor allem, wenn die Protagonistin mit ihrer krebskranken Mutter nach Bochum fährt, wo der Vater Jahre zuvor beerdigt wurde. »Tante Rosa aus Israel und Mutter hatten sich damals lange darüber gestritten, welcher Stern auf den Grabstein kommen soll, der ›Judenstern‹ oder der sowjetische«, berichtet sie.

Dabei kommt auch ein alter Schulzeugniseintrag zur Sprache. »Ihre Tochter schreibt zu lange Sätze, sie ist nicht Thomas Mann«, hatte die Lehrerin einst Kira attestiert – eine Bewertung, die wohl auch für die Schriftstellerin Marina Frenk zutreffend erscheint.

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