Unterm Strich

Es muss nicht immer Brüderlichkeit sein

Am 9. März feiert Barbie Geburtstag. Foto: JA

Es war eine extrem weise Entscheidung, die die »Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit« 1952 trafen. Damals reservierten sie sich gleich eine ganze Woche im März, um alljährlich für die Brüderlichkeit zu werben. Vielleicht war das nur Zufall, vielleicht ahnte man aber auch schon, dass 24 Stunden nie reichen würden, um sich gegen die vielen anderen Gedenk-, Feier- und Aktionstage durchzusetzen, die heutzutage um einen möglichst exklusiven Platz im Kalender ringen.

Dilemma Denn ausgerechnet in der »Woche der Brüderlichkeit«, aber passend zu ihrem diesjährigen Motto »Verlorene Maßstäbe« gibt es einen regelrechten Gedenktagsstau. Schon am Eröffnungstag, dem 7. März, kollidieren zwei wichtige, aber unvereinbare Anlässe: der »Tag des Schweinebratens« und der »Tag der gesunden Ernährung«. Für Juden und Moslems stellt sich die schwere Gewissensentscheidung nicht, ob sie sich an diesem Tag ein Spanferkel in Dunkelbiersoße gönnen sollen oder lieber einen Dinkelbrätling. Aber Christen stehen vor einer moralischen Zerrreißprobe.

Am Montag geht es leider auch nicht viel entspannter zu: Der Internationale Frauentag will gebührend begangen werden, gleichzeitig aber auch der »Fun Facts about Names Day«, an dem man lustige Dinge über Namen verbreiten soll. So könnte man zum Beispiel einer frauenbewegten Kollegin namens Ursula zuflüstern, dass sie, etymologisch betrachtet, eine »kleine Bärin« ist. Kommt sicher gut.

Ironie der Gedenktags-Geschichte: Gleich nach dem Frauentag steht am Dienstag Barbies Geburtstag auf der Kalender-Agenda, das Jubiläum jener Plastikpuppe, die für viele das Gegenteil von Emanzipation verkörpert, mit ihren 90-46-84-Maßen sogar für Essstörungen verantwortlich gemacht wird.

Apfelbäume Besinnlicher wird dafür der 10. März. Dann feiern Dalai-Lama-Fetischisten weltweit den »Tibet-Tag« in Erinnerung an einen antichinesischen Aufstand. Es folgt am 11. März der »Johnny Appleseed Day«. Dieser Termin erinnert an den Amerikaner John Chapman, der im 19. Jahrhundert nach dem Tod seiner Verlobten pausenlos und überall Apfelbäume pflanzte. Der wunderliche Ökopionier schloss dabei Freundschaft mit Indianern, wilden Tieren und sogar mit Siedlern. Dieser Tag ließe sich wohl auch am besten mit der »Woche der Brüderlichkeit« verbinden.

Besser als der 12. März zumindest: 1981 proklamierten Filmfans hier ihren »Alfred Hitchcock Day«, um jedes Jahr an den Filmregisseur zu erinnern, der Vögeln, Sprühflugzeugen und Duschvorhängen für immer die Unschuld nahm.

Noch bizarrer dürfte der 13. März ablaufen. Für diesen Tag hat sich ein gewisser Thomas Edward Knibb 2003 den »Open your Umbrella Indoors Day« einfallen lassen. Hintergrund: Angeblich bringt es Pech, Regenschirme in geschlossenen Gebäuden aufzuspannen. In einem groß angelegten empirischen Versuch soll an diesem Tag der Wahrheitsgehalt dieser kühnen Theorie überprüft werden. Die Teilnahme erfolgt auf eigene Gefahr.

Pragmatisch Brüderlicher zu zelebrieren ist der »Pi-Tag«, an dem Mathematiker der Kreiszahl huldigen. Er findet immer am 14. März statt, weil die amerikanische Schreibweise des Datums, 3/14, den ersten drei Stellen von Pi (3,14159 ...) entspricht. Dafür feiern die Zahlen-Anhänger aber überraschend pragmatisch: Sie backen einen runden Kuchen, am liebsten Pi(e)! Wer den Anlass besonders ernst nimmt, sollte nicht vor 13:59 Uhr zubeißen, also 1:59 p.m. – den folgenden drei Ziffern nach 3,14.

Timo Lokoschat ist Autor des Buchs »Es wird eng im Kalender. 365 kuriose Gedenk- und Feiertage« (Sanssouci Verlag, München 2010, 208 S., 12,90 €).

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026

Deutscher Buchpreis

Hermeskeil ist stolz auf Shida Bazyar

Die Auszeichnung würdigt den Roman einer Autorin aus dem Hunsrück. Das gibt der Stadt neuen Anlass, sich mit den verdrängten Kapiteln seiner Geschichte auseinanderzusetzen.

von Ira Schaible, Sandra Trauner  07.10.2026

TV-Tipp

Zwischen Terror und Trauma

Eine Reportage von Jan Philipp Burgard auf WELT TV zeigt Israel und seine Menschen drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023

von Detlef David Kauschke  07.10.2026

Im Kino

Mutiges Biopic über Österreichs Ex-Kanzler: »Bruno – Der junge Kreisky«

Harald Sicheritz hat ein Biopic gedreht, das die politischen Kämpfe zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, zwischen der Linken an sich und den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren differenziert darstellt

von Sascha Westphal  06.10.2026

Literatur

Neues Jugendbuch von Holly-Jane Rahlens: Ein eher unbekanntes Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte

Displaced Persons Camps der Nachkriegszeit: Sie stehen im Zentrum eines neuen Buches von Holly-Jane Rahlens. »Frostblüten« heißt und erzählt von der Freundschaft der jüdisch-polnischen Estera und der Berlinerin Lotte

von Nina Schmedding  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026

Literatur

Shida Bazyar für ihren Roman »Die Lücken« mit Deutschen Buchpreis ausgezeichnet

Der Preis wurde am Montagabend im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse vergeben

 05.10.2026 Aktualisiert