Crossover

»Es lebe der koschere Gebirgsjodler«

»Bayerische Musik ist harmonisch und jiddische Musik modal«: Andrea Pancur Foto: Klaus Niedner

Frau Pancur, wie kommt eine katholisch getaufte Bayerin zum Klezmer?
Ich habe Mitte der 80er‐Jahre ein Konzert mit Chava Alberstein gehört. Die polnisch‐israelische Sängerin trat damals bei den ersten Jüdischen Kulturtagen in meiner Heimatstadt München auf. Das war für mich unfassbar gut. Nach dem Konzert ging ich am nächsten Tag in ein Notengeschäft, um mir ein Buch mit jiddischen Liedern zu holen. Dass ich damit einmal professionell unterwegs sein würde, hätte ich allerdings nicht gedacht.

Und wie kamen Sie dazu, Klezmer und bayerische Volksmusik zu verbinden?
Die erste konkrete Idee dazu kam mir 2009. Ich habe dafür sogar das Jodeln noch gelernt. Spät, jedoch nicht zu spät. Aber es fehlte mir noch eine grundlegende Verbindung zwischen den bayerischen Volksliedern und dem Klezmer. 2011 war ich wieder einmal zu Gast beim Yiddish Summer in Weimar. Alan Bern hatte als Schwerpunkt das Miteinander von jiddischer Musik und deutscher Volksmusik angeboten. Plötzlich wusste ich, wie ich meine beiden Themen verbinden kann. Lang lebe der koschere Gebirgsjodler!

Welche Gemeinsamkeiten haben Klezmer und Alpenmusik?
Das ist vor allem die Sprachkultur. Wie die Sätze in beiden Dialekten gebaut werden und Wörter aus dem Mund kommen, das hat Ähnlichkeiten. Emotional muss ich bei beiden Dialekten an denselben Ort gehen.

Sie meinen tatsächlich, Bayerisch und Jiddisch ähneln sich?
Ja, unbedingt. Zumindest für mich ist das so. Beide werden weitgehend gesprochen und haben nicht so viel mit schriftlicher Sprache zu tun.

Und musikalisch? Wie kommen das bayerische und das jiddische Lied zusammen?
Wenn man in die Grammatik der Musik schaut, gibt es Unterschiede. Bayerische Musik ist harmonisch und jiddische Musik modal. Über Alte Musik habe ich beides zusammengebracht. Das hat tatsächlich funktioniert.

Mit dem litauischen Musiker Ilya Shneyveys haben Sie dieses Jahr Ihr »Alpenklezmer«-Album veröffentlicht. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Ich hatte schon eine Zeit lang nach Musikern für den Alpenklezmer gesucht. Doch jiddische Musiker hatten nicht unbedingt Lust auf bayerische Musik, und bayerische pflegten ebenfalls ihre Klischees.

Musikantenstadl und Anatevka?
Richtig. Beides stimmt nicht, aber hält sich doch hartnäckig. Ich war einigermaßen verzweifelt, weil ich keine Mitstreiter für meine Idee fand. 2011 traf ich dann beim Yiddish Summer Ilya Shneyveys wieder. Wir kannten uns da schon seit Jahren. An einem Abend haben wir mit viel Spaß zusammen gejammt. Am nächsten Tag meinte Ilya, der Abend hänge ihm nach. Mir ging es ebenso. So begann unsere Zusammenarbeit. Andere Musiker wie Franka Lampe und Alan Bern kamen ebenfalls für die Aufnahmen zusammen. Alles Weltmusiker der Spitzenklasse.

Unter anderem singen Sie »Drunt fun da greana Vorstl aroys«, also »Auf der Grünen Wiese«. Wo finden Sie die Lieder?
Ich bin mit diesem Lied aufgewachsen, habe es immer im Dialekt gesungen. Als ich anfing, nach jiddischen Liedern zu suchen, die auch in Bayern gesungen werden, fand ich diese Version in einer alten Veröffentlichung.

Ist Alpenklezmer für Sie nur eine schräge musikalische Idee oder mehr?
Ich wünsche mir Normalität der Mehrheitsgesellschaft mit Minderheiten. Musik ist dafür ein guter Ansatz. Ich will keinesfalls das 20. Jahrhundert vergessen, aber es muss weitergehen.

Den Holocaust abhaken?
Nein, darum geht es nicht. Da gibt es nichts zu interpretieren. Aber ich will mit dem Alpenklezmer die Lebensfreude in den Vordergrund stellen und Betroffenheitsmusik meiden. Niemand ist doch nur betroffen. Das soll kein Beitrag zur Schlussstrich‐Diskussion sein. Natürlich nicht. Aber keiner ist nur Opfer.

Bleiben Sie nun beim Alpenklezmer?
Die nächste Zeit ganz bestimmt. Da bin ich noch lange nicht fertig.

Das Gespräch führte Esther Goldberg.

Andrea Pancur und Ilya Shneyveys treten am 31. Juli beim Yiddish Summer Weimar auf.

www.yiddishsummer.eu

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