Literatur

»Es hätte ihm gefallen«

Als Marcel Reich-Ranicki am 21. Juli 1958 am Frankfurter Hauptbahnhof aus dem Zug stieg, wusste er, dass in diesem Augenblick auf dem Bahnsteig ein neues Kapitel seines Lebens begann. Aber er wusste nicht, ob er – der Polen gerade für immer hinter sich gelassen hatte – mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt würde bestreiten können. Er werde entweder grandios scheitern oder sagenhaft erfolgreich werden, erinnerte er sich in seiner Autobiografie Mein Leben an ein Gespräch mit seiner Frau Tosia kurz nach seiner Ankunft in Deutschland.

Nun, es sollte bekanntlich Letzteres werden. Der später als »Literaturpapst« gefeierte und gefürchtete Kritiker befreite die Literaturkritik publikumswirksam von Langeweile und akademischem Geschwurbel. »Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritiker«, sagte er einmal. Von 1973 bis 1988 wirkte Reich-Ranicki als einflussreicher Literaturchef im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Und auch in dem bis dahin von konservativen Kritikern geleiteten – und kaum lesbaren – Feuilleton zeigte er keinen Respekt vor Autoritäten und scheute keine Auseinandersetzung. So war es folgerichtig, dass das erste »Reich-Ranicki-Symposium«, das am vergangenen Freitag in Frankfurt stattfand, die Überschrift »Streitkultur« trug.

tel aviv Anlass für das Symposium war das zehnjährige Jubiläum des Marcel-Reich-Ranicki-Lehrstuhls für deutsche Literatur an der Universität Tel Aviv. Vertreter der größten Universität Israels kamen ebenso nach Frankfurt wie Kollegen und Weggefährten Reich-Ranickis. Sein Sohn, der Mathematikprofessor Andrew Ranicki, reiste eigens aus Schottland an. Dessen Fazit, schon zu Beginn des Symposiums: »Es hätte ihm gefallen!«

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube zeigte sich in seinem Grußwort dankbar gegenüber Reich-Ranicki: »Für seinen Geist und für sein Temperament, das oft mit dem Wort ›streitbar‹ belegt wird.« Doch nicht nur Reich-Ranickis Temperament, auch der journalistische Beruf habe seine Zuspitzungen und die Provokationen begünstigt, sagte Kaube. Er hob zudem Marcel Reich-Ranickis »starke Verbundenheit mit deutscher Literatur, Sprache und Musik« hervor. So erklangen bei der Tagung, die im Dr. Hoch’s Konservatorium stattfand, nicht nur Worte, sondern auch Musik von Franz Schubert und Ludwig van Beethoven.

Salomon Korn, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, sprach über seine langjährige Freundschaft mit Marcel Reich-Ranicki, die 1986 bei einem Abendessen im Haus von Ignatz Bubis mit einer Wette um die Richtigkeit eines Heine-Zitats begann. Der Literaturkritiker habe im kleineren, privaten Kreis »ungewohnt menschliche Züge« gezeigt, erinnerte sich Korn. Reich-Ranicki zähle zu jenen Schoa-Überlebenden, »die trotz aller durchlittener Qualen und Todesängste nicht gebrochen waren«, sagte Korn. Das Publikum hielt inne, als er von seiner letzten Begegnung mit Reich-Ranicki an dessen Krankenbett erzählte. »Adieu«, sagte der Kritiker ebenso leise wie wehmütig zum Abschied.

wut Auf einige literaturwissenschaftliche und historische Betrachtungen folgte ein kontroverser Auftritt von Deborah Feldman. Die 1986 geborene, in der Satmarer-Gemeinschaft in New York aufgewachsene Schriftstellerin stellte schon zu Beginn ihres Vortrags klar: »Ich bin jetzt Deutsche. Ich verbiete es, dass man mich als etwas anderes vorstellt.«

Kürzlich hat Feldman die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Beim Symposium sprach sie über »das obsolete Feindbild Amaleks«. Feldman bezog sich dabei auf die biblische Geschichte um König Saul und das Volk der Amalekiter. Dessen Urvater Amalek, eine außerhalb der Bibel nicht belegte Figur, gilt als ein Erzfeind des jüdischen Volkes. Das Stärken des Feindbildes sei für Juden in der Diaspora wichtig geworden, um die eigene Identität zu schützen, sagte Feldman.

Es war eine Portion Wut in Feldmans Vortrag spürbar. In der Gemeinde, in der sie aufwuchs, habe man ihr vermittelt, »nicht zu vergessen, wer unsere Feinde sind«. Die biblische Tradition, das Andenken (an Amalek, also an den Feind) auszulöschen, sei auch für das säkulare Judentum in Deutschland prägend, sagte Feldman, die heute in Berlin lebt. Sie habe eine andere Tradition – die Tradition von Juden, die an eine andere, bessere Welt glaubten, auch wenn sie immer wieder daran scheiterten. »Deshalb bin ich hier«, schloss Feldman.

Begegnungen Die Erinnerung an Reich-Ranicki als Kollege und Vorbild stand im Mittelpunkt einer Gesprächsrunde ehemaliger und heutiger Literaturredakteure der FAZ. Dabei wurde deutlich, wie distanziert die ersten Begegnungen der damals jungen Journalisten mit Reich-Ranicki verliefen, was einer späteren Annäherung aber nicht im Weg stand. Felicitas von Lovenberg, inzwischen Verlegerin beim Piper Verlag, wies darauf hin, dass Marcel Reich-Ranicki »immer für das Publikum schreiben und sprechen wollte. Er hat die Literatur zur wichtigsten Sache der Welt erklärt.«

Hubert Spiegel erinnerte daran, dass sein ehemaliger Chef »viel empfindlicher und empfindsamer war, als viele dachten«. Dass Marcel Reich-Ranicki »geradezu süchtig« nach Kritik, auch an eigenen Texten, gewesen sei, betonte Volker Weidermann, der jahrelang bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Kolumne »Fragen Sie Reich-Ranicki« betreute. Heute ist Weidermann Literaturchef beim »Spiegel« und moderiert seit Oktober 2015 die Neuauflage des Literarischen Quartetts im ZDF. »Mit Reich-Ranickis Fußstapfen kämpfe ich noch heute«, bekannte er.

Auch Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig, ehemals Literaturredakteurin der Frankfurter Rundschau, sprach von Reich-Ranickis »Verletzlichkeit, Zartheit und Sensibilität, die mich immer sehr berührt hat«. Sie sprach von ihm als einem »politisch hochinteressierten Zeitgenossen«, der – vor allem im Streit – enorm unterhaltsam gewesen ist.

Unterschiede Über Streitkultur diskutierten zum Abschluss auch Jürgen Kaube und Yaron Oz, Rektor der Universität Tel Aviv. Über Politik werde in Israel zu jeder Zeit, zu allen Themen an jedem Ort emotional debattiert, berichtete Oz. Jeder wisse zudem – unabhängig vom tatsächlichen Kenntnisstand – über alles maximal gut Bescheid und habe »die« Antwort; niemand sei indifferent.

In Deutschland hingegen delegiere man gern vor allem die politische Diskussion an Fernseh-Talkshows, stellte Kaube fest. Die Bundesrepublik habe eine konsensorientierte Kultur – nicht nur hier wurde deutlich, wie sehr die leidenschaftliche und gleichzeitig zur Versöhnung fähige Streitkultur Marcel Reich-Ranickis heute fehlt.

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