NS-Zeit

Erinnerung im Wandel

Baracken, eine Eisenbahn und über dem Eingangstor die Worte »Arbeit macht frei«. Tausende Menschen befinden sich dort. Individuen, die einander ähneln. Sie bestehen aus Ton und Draht. Drei Künstler vom niederländischen Theater- und Performance-Kollektiv Hotel Modern bewegen und filmen sie.

Denn über der Szenerie des Konzentrationslagers aus Pappmaché ist eine Leinwand, auf denen ihr Alltag aus der Nähe zu erleben ist. Kamp heißt das Stück von Pauline Kalker, Arlène Hoornweg und Hermann Helle. Es ist am 9. und 10. Juni beim deutsch-französischen Festival Perspectives zu sehen.

modell Kamp orientiert sich am KZ Auschwitz-Birkenau. »Es ist keine exakte Kopie«, sagt Pauline Kalker. Komplett ohne Worte erlebt der Zuschauer den Alltag nach. »Bei der Aufführung geht es nicht darum, den Tätern Vorwürfe zu machen«, unterstreicht sie. Das Stück hat vielmehr eine persönliche Motivation: Ihr Großvater wurde dort getötet, und die Konstruktion des Modells ermöglicht ihr, ihrem Großvater symbolisch zu begegnen.

Zurzeit spielen meist Zeitzeugen eine große Rolle in der Erinnerungsarbeit – doch diese werden weniger.

Zurzeit spielen meist Zeitzeugen eine große Rolle in der Erinnerungsarbeit – doch diese werden weniger. »Das Ende dieser Erinnerungskultur wird von sehr vielen Protagonisten mit sehr großer Angst besetzt«, sagt die Kulturwissenschaftlerin Steffi de Jong von der Universität zu Köln. Dabei veränderten sich Erinnerungskulturen andauernd.

»Man versucht, an dieser zeitzeugenzentrierten Erinnerungskultur festzuhalten, indem man zum Beispiel neue Formen von Zeitzeugengesprächen schafft wie bei ›New Dimensions in Testimony‹ von der USC Shoah Foundation«, erklärt de Jong. Für dieses Projekt wurden Zeitzeugen interviewt und aufgenommen. Es geht darum, per Hologramm das Gespräch mit dieser Person nachzustellen.

app Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) zielt mit der App »WDR AR 1933–1945« in eine ähnliche Richtung. Sie ermöglicht die Einbettung von gefilmten Zeitzeugen in die Umgebung des Nutzers.

Mittlerweile gibt es auch digitale Lagerrekonstruktionen. Dazu gehörten sowohl offizielle Projekte wie in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen als auch Versuche von Laien, berichtet de Jong. Etwa als Rekonstruktionen von Auschwitz in dem Videospiel Minecraft. Ein italienischer Spieleentwickler wolle wiederum mit »Witness Auschwitz« den User in der virtuellen Realität den Alltag von Auschwitz nacherleben lassen.

Erinnerungsarbeit ist jedoch nicht nur virtuell. Der saarländische Landtagspräsident Stephan Toscani (CDU) ist regelmäßig mit Schülern unterwegs, um mit ihnen die Spuren jüdisches Lebens vor Ort zu entdecken und zu erfahren, was mit früheren Nachbarn und Mitschülern passierte. »Wichtig ist, dass Erinnerungsarbeit nicht erstarrt, sie nicht in einem negativen Sinne ritualisiert wird«, erklärt Toscani.

instagram Auch wenn beispielsweise das Instagram-Projekt »Eva Stories« als Darstellung des Lebens eines jüdischen Mädchen im Holocaust nicht unumstritten sei, sei es ein Ansatz, um die heutige Generation zu erreichen. »Ansonsten besteht die Gefahr, dass unsere Erinnerungsarbeit an den Menschen, die wir erreichen wollen, vor allem jüngere Generationen, emotional wie intellektuell vorbeigeht«, sagt Toscani.

Künstlerische Formen der Erinnerungsarbeit bieten sowohl Chancen als auch Risiken.

Künstlerische Formen der Erinnerungsarbeit bieten dem Historiker Oliver von Wrochem zufolge sowohl Chancen als auch Risiken. Denn Bilder wirkten stärker emotional als Text, sagt der Leiter des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg. Emotionen gehörten zwar immer dazu, dürften aber nicht künstlich befördert werden. Dem stimmt auch de Jong zu: »Emotionen an sich leisten nicht wirklich etwas.« Es müsse um das Verstehen der Entwicklungen gehen.

Darauf setzt auch Kamp – auch wenn die ursprüngliche Motivation für das Stück persönlicher Natur war. »Ich hoffe, auch wenn das etwas klischeehaft klingt, dass es die Zuschauer dazu inspiriert, weiter gegen Rassismus und Faschismus zu kämpfen«, sagt Kalker. Und auch für Toscani ist das Lernen für die Zukunft wichtig. »Es ist Aufgabe jedes Einzelnen, sich für eine freiheitliche Gesellschaft und ihre Grundwerte einzusetzen«, sagt er. Das könne auch mit künstlerischen Mitteln geschehen.

TV

Was der Dschungel mit den Primaries zu tun hat

»Ich habe halt seeehr wenig Follower«, sagt Nicole Belstler-Boettcher als sie das Camp verlassen muss. Das Dschungelcamp serviert uns in ungewöhnlichem Rahmen einiges zur Demokratietheorie

von Martin Krauß  01.02.2026

Kino

»EPiC: Elvis Presley In Concert« feiert Kinostart

Laut Regisseur Baz Luhrmann ist das Werk weder eine reine Dokumentation noch ein klassisches Konzertfilm-Format, sondern ein tiefgründiges Porträt des 1977 verstorbenen jüdischen Stars. Die Kritiker sind beeindruckt

 31.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  31.01.2026

Aufgegabelt

Früchtebrot

Rezepte und Leckeres

 31.01.2026

Rezension

Israel lieben und an Israel zweifeln

Sarah Levys Buch »Kein anderes Land« ist ein persönliches Zeitdokument – von Sommer 2023 bis zum 7. Oktober und dem Gaza-Krieg

von Eugen El  31.01.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  31.01.2026

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  29.01.2026

Kairo/Berlin

Ägypten verbietet Buch zu Gaza-Krieg - Autoren: Das Interesse ist riesig

Ihr Streitgespräch über den Nahostkonflikt sorgte in Deutschland für viel Aufmerksamkeit - doch Ägyptens Zensur verbietet das Buch von Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad. Die Autoren nehmen es eher gelassen

 29.01.2026 Aktualisiert