Rezension

Erfolg und Versagen

Nein, der Titel ist keine Provokation. Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG zitiert aus einem Essay von Walther Rathenau, denn der AEG-Manager und spätere Außenminister der Weimarer Republik fasste bereits 1909 zusammen, wer die Wirtschaftsgeschichte in Deutschland ab 1871 entscheidend beeinflusst hat. Es waren 300 Männer, alle untereinander bestens vernetzt. Über sie hat der Journalist Konstantin Richter einen Bestseller verfasst, der mit dem Vorurteil aufräumt, Wirtschaftsgeschichte sei per se erst einmal langweilig.

Sie ist es nicht, wenn der Autor aus ihr eine fundierte und unterhaltsame Kulturgeschichte entwickelt. Er beleuchtet auf knapp 550 Seiten das Phänomen des deutschen Fleißes, der deutschen Erfindungskraft, des Wagemuts, aber auch der starren hierarchischen Strukturen, der Männerbündelei (Frauen durften zu Hause beraten und »den Rücken freihalten«), des Gehorsams in der NS-Zeit bis hin zu den Verbrechen der IG Farben und des späteren, momentan deutlich spürbaren Niedergangs der Deutschland AG. Richter, der für das »Wall Street Journal«, die »New York Times«, den »Guardian« und die »ZEIT« tätig war, hat sechs Jahre an diesem Werk gearbeitet, in Archiven recherchiert, er ist gereist, hat Interviews geführt und schließlich bei Suhrkamp sein Buch veröffentlicht.

Von der Gründerzeit bis zur Gegenwart

Die Geschichte der großen deutschen Industriemagnaten beginnt mit einem der Vorstände einer 1870 noch kleinen Bank, die zunächst deutsche Unternehmen im Ausland unterstützen sollte. Sie nannte sich schlicht Deutsche Bank. Der Name des damals 36-jährigen Bankiers ist »gründlich vergessen«. Hermann Wallich stammte aus orthodox-jüdischer Familie in Bonn, hatte das Bankgeschäft von der Pike auf gelernt und leitete bis 1894 mit Georg Siemens (der von 1870 bis 1900 Vorstandssprecher war) jenes Bankhaus, das mitentscheidend war für den Aufstieg der Wirtschaftsmacht Deutschland, die Deutsche Bank.

Als Hausbank und Anteilseigner finanzierte sie die deutsche Industrie und nahm zunehmend Einfluss auf die Volkswirtschaft. Hermann Wallichs Sommerhaus an der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin glänzt heute perfekt renoviert als Kunstmuseum. Aber die weitere Geschichte der Familie ist todtraurig. Wallichs Sohn beging wegen der Nazis Suizid, die Villa wurde enteignet, den Nachfahren fehlte das Geld, um sie zurückzukaufen. Als sie festlich vom jetzigen Besitzer Mathias Döpfner eingeweiht wurde, kam bis hin zur damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hoch-Prominenz. Nur der Name Wallich und das Schicksal der Familie wurde nie erwähnt.

Wallichs Sohn beging wegen der Nazis Suizid, die Villa wurde enteignet, den Nachfahren fehlte das Geld, um sie zurückzukaufen.

In den Jahren ab 1871, um die das Buch sich dreht, ist Thyssen entstanden, Gottlieb Daimler entwickelt seine Motoren, ein jüdischer Bankier gründete den Vorläufer der Continental AG, die Unternehmer Siemens und Krupp legten die Grundsteine für ihre späteren Konzerne.

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler machten die Industriekapitäne ihren Frieden mit ihm und fuhren satte Gewinne ein. Kein Großindustrieller hat später nennenswerten Widerstand gegen Hitler geleistet oder einer großen Anzahl von Juden geholfen. Berthold Beitz und Oskar Schindler gehörten nicht zur damaligen Wirtschaftselite. Die bewahrte ihre althergebrachten Organisationsstrukturen, mithin ihre Führungsrollen, »eine Anpassungsleistung, die auf Kosten jeglicher moralischen Integrität ging«. Es gab kaum ein großes Unternehmen, so Richter, das sich nicht mitschuldig machte am Völkermord. Viele dienten der SS als Zulieferer, als Geschäftspartner oder als Finanzier.

Amoralisches Effizienzstreben, Gleichgültigkeit, Desinteresse kennzeichnen die NS-Zeit

»Dass die dreihundert Männer, die, frei nach Rathenaus Diktum, über die Wirtschaft herrschten, den Holocaust befürworteten, lässt sich nicht belegen. Schon eher waren sie, und das wiegt genauso schwer, schockierend indifferent – und willens, aus der Barbarei den größtmöglichen Nutzen zu ziehen.« Amoralisches Effizienzstreben, Gleichgültigkeit, Desinteresse. Sehr spät folgte die Bereitschaft der Unternehmen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Bei der Deutschen Bank, jenem Unternehmen, das Hermann Wallich einst leitete, erst in den 90er-Jahren.

Richter hat ein kluges, ausführliches Werk vorgelegt, das Erfolg und Versagen der Deutschen Wirtschaft bis heute gleichermaßen untersucht. Unbedingt lesenswert.

Konstantin Richter: »Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG«. Suhrkamp, Berlin 2025, 543 S., 30 €

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