Buch

Erbmasse

In die Wiege gelegt? Albert Einstein war angeblich ein schlechter Schüler. Foto: imago / (M) Frank Albinus

Ohne Thilo Sarrazins politische Polemik Deutschland schafft sich ab gäbe es diese »Klarstellung« von Dieter E. Zimmer nicht. Der langjährige Feuilletonchef der ZEIT und vielfach ausgezeichnete Wissenschaftsjournalist springt dem gerade noch um einen SPD‐Ausschluss herumgekommenen provozierenden Bestsellerautor in einer zentralen – von Sarrazin allerdings widersprüchlich vertretenen – These bei: Intelligenz wird nach von der Forschung seit Langem anerkannter Auffassung maßgeblich von den Genen bestimmt.

In seinem von einer wahren Obsession für Wissenschaftlichkeit geprägten Buch zeichnet Zimmer 100 Jahre einer Forschungsgeschichte nach, die sich in neuerer Zeit vor allem in den Vereinigten Staaten, aber auch einigen westeuropäischen Ländern abgespielt hat.

In Deutschland hätten die meisten Forscher, so Zimmer, einen großen Bogen um die entscheidenden Fragen gemacht. Die Messbarkeit nichtkörperlicher Eigenschaften von Menschen sowie die Frage, ob kognitive Fähigkeiten angeboren sind, habe vor dem belastenden Hintergrund der nationalsozialistischen Rassenideologie hierzulande keine Chance gehabt, erforscht zu werden.

messbar Im ersten Teil des Buches zeichnet Zimmer die Etappen der Intelligenzforschung nach. Zentraler Begriff für die quantitative Messung der Intelligenz eines Menschen ist der Intelligenzquotient (IQ). Dieser Begriff wurde von dem deutsch‐jüdischen Psychologen William Stern im Jahr 1912 geprägt. Die Verteilung der IQs einer hinreichend großen Zahl von untersuchten Personen folgt der von Gauß definierten Normalkurve.

Aus praktischen Gründen wird der Durchschnittswert des IQ immer mit 100 angegeben. Die glockenförmige, symmetrische Kurve hat bei diesem Durchschnittswert ihren Gipfel und flacht nach beiden Seiten stark ab. Intelligenzquotienten unter 70 (bei etwa zwei Prozent aller Untersuchten) werden als geistige Behinderung, solche über 130 (ebenfalls etwa zwei Prozent) als Hochbegabung gewertet.

Die überhaupt gemessene Spanne bewegt sich – je nach verwendeter Skala – zwischen 60 und 140. In jeder hinreichend großen Gruppe werden bei etwa 82 Prozent mittlere IQ‐Werte zwischen 80 und 120 gemessen.

Die ganze IQ‐Forschung wurde von der Diskussion über die Tauglichkeit schulischer Förderprogramme in den USA begleitet. Man wollte wissen, ob man mit pädagogischen Mitteln den Intelligenzquotienten steigern könne. Zimmer weist auf die große Übereinstimmung von biometrisch gemessenem IQ und schulischen Leistungen hin.

Dass es gilt, den erwerbbaren – also nicht angeborenen – Teil der Intelligenz durch bestmögliche Förderung im Elternhaus, in der Schule und der gesellschaftlichen Umwelt besser zu fördern, stellt Zimmer nie in Frage.

Die IQ‐Messungen führten zu der Frage nach der Erblichkeit von Intelligenz. Zimmer berichtet in bewundernswerter Knappheit und Deutlichkeit über vier Jahrzehnte Erblichkeitsforschung. Das war – und ist bis heute – im Wesentlichen empirische Forschung an ein‐ und zweieiigen Zwillingen, an Adoptivkindern, an Heimkindern. Immer ging es darum, die ererbten Anteile der Intelligenz von den in der Umwelt (Erziehung, soziales Milieu, Sprache usw.) erworbenen zu trennen.

In Zukunft werde die Genforschung wahrscheinlich naturwissenschaftliche Antworten auf diese Frage geben können, glaubt Zimmer. Die empirischen Ergebnisse lassen jedoch nur Aussagen über Durchschnittswerte in den gemessenen Kohorten, keineswegs aber Aussagen über die individuellen Anteile ererbter bzw. erworbener Intelligenz zu.

wahrscheinlich Zimmer referiert den Stand der Forschung und bezeichnet nach heutigem Erkenntnisstand das Folgende als gesichert: Die biometrisch messbaren Intelligenzunterschiede müssen – statistisch gesehen – zu mehr als zwei Dritteln als erblich angesehen werden, der Rest geht auf unterschiedliche Umwelteinflüsse zurück.

Der Autor leitet das aus zahlreichen Forschungsergebnissen aus verschiedenen Ländern ab. Er führt dabei – immer allgemeinverständlich bleibend – in manche Geheimnisse der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung ein und betont immer wieder den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität.

Dramatisch spitzt sich das Buch in der Frage zu, ob es nationale (in der englischsprachigen Welt scheut man sich nicht, »racial« zu sagen) Unterschiede bei der gemessenen Intelligenz gibt. Ganz in deutscher Zurückhaltung bei diesem Thema befangen, gibt Zimmer kein eigenes Urteil ab, sondern zitiert ausgewählte Vertreter verschiedener Auffassungen.

An dieser Stelle setzt er sich mit den von ihm als widersprüchlich bezeichneten Thesen Sarrazins auseinander. Er hält dessen Ausführungen über die Erblichkeit des IQ für nebulös und die über ein »jüdisches Gen« – eines für hohe Intelligenz nämlich – für ein »gefährliches Impromptu«. Ob es politisch vertretbar oder wünschenswert sei, mit einer gezielten Migrationspolitik gleichsam IQ zu »importieren« und damit den »exportierenden« Gesellschaften zu entziehen, diskutiert Zimmer nicht. Ihm geht es ausschließlich um die Darstellung des Forschungsstandes.

Im Laufe dieser Darstellung gerät das Buch von Dieter E. Zimmer, dessen zweite Obsession neben der Humanwissenschaft die bewunderte Übersetzung des belletristischen Werkes von Vladimir Nabokov ist, von einer Attacke auf die Kritiker von Sarrazin zu einer wissenschaftlich fundierten Widerlegung von dessen spektakulärsten Thesen – eben »eine Klarstellung«!

Dieter E. Zimmer: Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung. Rowohlt, Reinbek 2012, 321 S., 16,95 €

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