Geistesgeschichte

Entwurzelte Denker

Geistesgeschichte

Entwurzelte Denker

Steven Aschheim zeigt, wie jüdische Intellektuelle den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts begegneten

von Jakob Hessing  21.10.2024 14:25 Uhr

Der Jerusalemer Historiker Steven E. Aschheim gilt als Experte, wenn es um das Verhältnis von Juden und deutscher Kultur geht. Vor diesem Hintergrund stellen auch die in dem neuen Sammelband veröffentlichten Aufsätze eine Art Dialektik dar. Sie zeigen einerseits, wie Juden und die deutsche Kultur sich gegenseitig befruchteten, aber auch die Spuren, die die Katastrophen des 20. Jahrhunderts im Denken deutscher Juden hinterlassen haben. Die Texte, allesamt in den vergangenen drei Jahrzehnten entstanden, stehen repräsentativ für zahlreiche Entwurzelungen. Ferner gibt Aschheim im Nachwort Einblicke in die autobiografischen Motive für sein akademisches Interesse.

Denn auch seine Eltern erfuhren eine solche Entwurzelung – es waren deutsche Juden, die vor Hitler nach Südafrika geflohen waren, wo Aschheim 1942 zur Welt kam. Zugleich war sein deutscher Hintergrund damals alles andere als ein Vorteil. Im Nachwort beschreibt er ein Gefühl der Fremdheit, dem er in seiner Forschung stets auf den Grund zu gehen versucht.

Die »Westjuden« glaubten, einer »höheren« Kultur anzugehören, und wollten ungern an ihre armseligen Ursprünge erinnert werden

Als erste Entwurzelung nennt er die Jahrhundertwende, als Juden aus dem Zarenreich nach Deutschland flohen und mit dem Begriff »Ostjuden« etikettiert wurden. Seit der Französischen Revolution hatten sich deutsche Juden von ihren Jiddisch sprechenden Brüdern distanziert, deren Leben im osteuropäischen Schtetl sie für rückständig hielten. Als »Westjuden« glaubten sie, einer »höheren« Kultur anzugehören, und wollten ungern an ihre armseligen Ursprünge erinnert werden, so Aschheim.

Gleichzeitig kehrt er damit zu den Anfängen seiner eigenen Laufbahn zurück. Seine Doktorarbeit schrieb der Historiker über Ostjuden als Projektionsfläche deutscher Juden, die sich so Distinktion erhofften. Zugleich skizziert Aschheim eindrucksvoll, wie schnell sich dann alles ändern sollte. So handelt ein Aufsatz von prominenten jüdischen Intellektuellen, allen voran Walter Benjamin, Gershom Scholem sowie Ernst Bloch und Franz Rosenzweig. Ihnen allen gemein ist der Schock des Ersten Weltkriegs, dessen Verlauf und Folgen das kulturelle Selbstbewusstsein der deutschen Juden massiv erschütterten.

Überzeugend zeigt Aschheim, wie sie die bürgerliche Bildungstradition, der man die jüdische Emanzipation im 19. Jahrhundert zuzuordnen pflegt, unterlaufen konnten. In der Weimarer Republik kamen sie zur Reife, und die Katastrophe des Krieges entzündete einen messianischen Funken in ihrem Denken: Benjamin und Bloch mischen es der Theorie des Marxismus bei. Für Franz Rosenzweig haben Juden sogar eine göttliche Mission jenseits der Geschichte zu erfüllen.

Scholem wandert lange, bevor Hitler an die Macht kam, nach Palästina aus

Gershom Scholem holt die jüdische Mystik wieder hervor und wandert schon lange, bevor Hitler an die Macht kam, nach Palästina aus. In einem anderen Aufsatz zeigt Aschheim, wie nach dem Ende der Weimarer Republik Theodor Adorno, Hannah Arendt und Leo Strauss eine weltweite Wirksamkeit zu entfalten vermochten. Er spricht von ihnen als »grenzüberschreitende Kultfiguren«. Die Entwurzelung, die sie alle erfahren haben, macht sie zu Denkern der Krise, die heute, im 21. Jahrhundert, im wahrsten Sinne des Wortes zu Weltbürgern geworden sind.

Bereits zur Jahrhundertwende versuchte Theodor Herzl, solchen Entwurzelungen entgegenzuwirken. Der Beitrag »Der Zionismus und Europa« verweist auf die Komplexität der jüdischen Nationalbewegung. 2020 erschienen, entstand dieser Text bereits im Schatten der spürbaren Krise in Israel und zeigt, dass die deutschsprachigen Zionisten der ersten Stunde sich keineswegs von Europa abwenden, sondern es – ganz im Gegenteil – in den Judenstaat mitnehmen wollten. Es war ein reiches, aber auch ein schweres Erbe, das sie schließlich in ihr altes neues Land gebracht haben.

Steven Aschheim: »Zwischen Kultur und Katastrophe. Konfrontation, Krise und Kreativität als deutsch-jüdische Erfahrung«. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2024, 266 S., 24 €

Wien

Israel zieht ins Finale des ESC ein

Noam Bettan überzeugt mit seinem Lied »Michelle« Jury und Publikum

von Martin Krauß  12.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich die schlechte Antwerpener Luft so manchem Insekt vorziehe

von Margalit Edelstein  12.05.2026

Ausstellung

Zerstörung bauen

Das Jüdische Museum Berlin würdigt das Werk von Daniel Libeskind und feiert den 80. Geburtstag des Architekten

von Thomas Sparr  12.05.2026

Eurovision Song Contest

Autor von Kultserie macht TV-Sender schwere Vorwürfe

Irlands Sender RTÉ boykottiert den diesjährigen ESC, weil Israel daran teilnimmt. Jetzt kommt Gegenwind: Drehbuchautor Graham Linehan will nicht, dass zeitgleich eine Episode der von ihm mitgeschaffenen Sitcom »Father Ted« ausgestrahlt wird

 12.05.2026

Serie

Filmemacher: Tagebuch von Etty Hillesum als Pflichtlektüre an Schulen

Die jüdische Autorin Etty Hillesum wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Eine Serie über den Holocaust ist »Etty« jedoch nicht: Es geht vielmehr um ihr Leben und ihre Ideen - die heute höchst aktuell erscheinen

von Paula Konersmann  12.05.2026

Eurovision

Weimer fährt für Israels ESC-Auftritt nach Wien

»Es ist kein Ort, wo politische Dinge in dieser Dimension eine Rolle spielen sollten«, sagt der Kulturstaatsminister

 12.05.2026

Filmfestivals

Regisseurin: Filmfeste müssen politische Debatten aushalten

Wird es in Cannes ähnlich politisch wie bei der Berlinale?

 12.05.2026

Fernsehen

»Etty«: Eine junge Frau umarmt das Leben und trotzt der Vernichtung

Amsterdam 1941: Die jüdische Intellektuelle Etty Hillesum besiegt ihre Ängste und erlebt eine große Liebe. Sie führt Tagebuch, das viele weltweit berührt. Nun ist es verfilmt worden

von Annette Birschel  12.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  12.05.2026