Psycho-Historie

Engel und Dämonen

Im Mittelalter flogen gewaltig die Fetzen: Russell Crowe als Robin Hood (2010) Foto: cinetext

In modernen Gesellschaften nimmt die von den Menschen »gefühlte« Gewalt zu, obwohl das Risiko, durch Gewalt zu Schaden zu kommen, abnimmt. Das ist die Kernaussage von Steven Pinkers monumentalem Buch Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit. Im Laufe der Menschheitsentwicklung bis zur Gegenwart habe die Gewalt kontinuierlich abgenommen, behauptet Pinker. Die Chance, dass wir eines natürlichen und nicht eines gewaltsamen Todes sterben, sei erheblich gestiegen.

Sein Hauptanliegen benennt der Harvard-Psychologe im Gespräch: »Vor allem kommt es mir darauf an, die medial beschleunigte Gewaltspirale zu durchbrechen. Die häufig zu sensationelle Berichterstattung über Grausamkeiten verstärkt die allgemeine Gewaltbereitschaft. Mein Buch belegt stattdessen den Rückgang von Gewalt. Ich hoffe, damit einen Beitrag zu ihrer weiteren Abnahme zu leisten.«

Deren historische Reduzierung sei nämlich messbar, habe benennbare Ursachen und halte wissenschaftlicher Nachprüfung stand, schreibt Pinker in seinem mit Fakten, Daten und Belegen prall gefüllten Werk. Sein Ergebnis entwickelt er auf drei Säulen: Ein bis in die prähistorische Zeit zurückreichender statistischer Teil nennt Zahlen und Proportionen. Ein historisch-kulturgeschichtlicher erklärt dieses Zahlenwerk aus der Sicht der politischen Philosophie und der Soziologie. Der anthropologisch-psychologische Schlussteil bemüht moderne Erkenntnisse der Neurowissenschaften, um »die Natur des Menschen« im Lichte dieser insgesamt positiven Entwicklung zu erläutern.

Dilemma Den Beweis für seine Theorie führt Pinker mithilfe statistischer Methoden. Am Anfang steht das Dilemma, ob man gewaltsame Tode in absoluten oder in relativen Zahlen messen soll. Pinker: »Mit dieser Entscheidung stehen wir vor der unlösbaren moralischen Frage, ob es schlimmer ist, 50 Prozent einer Bevölkerung von 100 Personen zu töten oder ein Prozent einer Bevölkerung von einer Milliarde.«

Er entscheidet sich in seinem Buch für relative Zahlen und ironisiert diese Entscheidung mit dem Urbeispiel aus der Bibel: Als Kain seinen Bruder Abel erschlug, lebten außer den beiden Brüdern nur ihre Eltern Adam und Eva, also vier Menschen, auf der Welt. Diese Mordquote von 25 Prozent sei später nie wieder erreicht worden.

Zu einer signifikanten Abnahme der Todesfälle sowohl durch Mord als auch durch Krieg führte laut Pinker die Bildung von Staaten, die die Ausübung von Gewalt monopolisierten und über Krieg und Frieden entschieden. Die Chance, dass ein Mensch in einer prähistorischen Gesellschaft durch einen Krieg ums Leben kam, betrug bis zu 60 Prozent, während sie in der schrecklichen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa »nur« bei etwa drei Prozent lag.

Misst man die Todesquote, wie auch in Kriminalstatistiken üblich, nach Schadensfällen pro 100.000 Bewohner pro Jahr, kamen in (noch) nicht staatsförmigen Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert bis zu 1.000 von 100.000 Menschen durch Kriege ums Leben, in Deutschland im 20. Jahrhundert »nur« etwa 150.

Diese Zahlenbeispiele, aus teilweise kontrovers diskutierten Arbeiten anderer Wissenschaftler übernommen, führt Pinker bis in die Gegenwart fort. Über 100 Abbildungen, Tabellen und Diagramme sind am Schluss des Werks aufgelistet und mit genauen Quellenangaben versehen.

Zivilisation In den analytischen Teilen seines Buches folgt Pinker dem Soziologen Norbert Elias, der den »Prozess der Zivilisation« beschrieben hat, sowie Immanuel Kant und anderen Aufklärern, die eine »humanitäre Revolution« ausgelöst hätten. Die Zivilisation habe das Austragen von Streitigkeiten den Gerichten zugewiesen, die Aufklärung habe die Würde und die gleichen Rechte aller Menschen ins Spiel gebracht und nach und nach durchgesetzt. Die Abschaffung von Sklaverei, Folter und – jedenfalls in vielen Ländern – der Todesstrafe ist ebenfalls Teil der Erfolgsgeschichte.

Im historischen Teil seiner Arbeit untersucht Pinker Ausmaß und Ursachen von Kriegen. Sie wurden teils durch materielle (territoriale) Forderungen, teils durch ideologische (religiöse) Differenzen ausgelöst. Verletzte Ehre von Herrschern, Nationalismus und andere irrationale Faktoren hätten die Opferquoten in vergangenen Jahrhunderten in die Höhe getrieben.

Pinker ist allerdings kein Historiker und setzt seine »neue Geschichte der Menschheit« aus Versatzstücken zusammen, die er überwiegend aus der amerikanischen Literatur gesammelt hat. Gegen die Kritik, seine Darstellung berücksichtige wesentliche Ergebnisse der neueren historischen Forschung nicht, wehrt sich Pinker: »Gerade die Gewaltforschung hat in den USA eine hohe Intensität und Qualität erreicht, sodass ich auf die Ergebnisse dieser Forschungen zurückgreifen konnte, ohne den ganzen Diskurs der Historiker zu wiederholen – so interessant der auch ist!«

Ausnahme Massenmorde der Neuzeit führt Pinker vor allem auf Einzelpersonen wie Adolf Hitler zurück und stellt ihnen konfliktvermeidende Persönlichkeiten wie Kennedy (Kuba-Krise), Chruschtschow (Berlin-Krise) oder Gorbatschow (Zusammenbruch der DDR) gegenüber. Aber lässt sich Auschwitz wirklich als statistischer Ausreißer betrachten? Zugespitzt findet sich diese Personalisierung im folgenden Satz: »Selbst im Deutschland der Nazis, in dem der Antisemitismus seit Jahrhunderten verwurzelt war, spricht nichts dafür, dass irgendjemand außer Hitler und ein paar fanatischen Handlangern es für gut hielt, die Juden auszurotten.«

Da schreibt Pinker gegen manche Erkenntnis eines riesigen Forschungsfeldes und weiß als Antwort auf Zweifel an seinem Befund nur die Beteuerung: »Alles, was ich an Erkenntnissen habe, rechtfertigt meine im Buch geäußerte Ansicht.« Im weiteren Gespräch wagt er einen Ausblick auf eine zukünftige Weltgesellschaft: »Der von Kant formulierte kategorische Imperativ wird sich als moralisches Vernunftkriterium immer stärker auch in der politischen Handlungsweise von Staaten durchsetzen.«

Der »Natur des Menschen« geht Pinker in langen Kapiteln nach, spürt dessen »innere Dämonen« auf und findet »bessere Engel« (The Better Angels of Our Nature ist der Originaltitel seines Werks). Hier, in seinem engeren Spezialgebiet, verknüpft Pinker die modernen Erkenntnisse von Philosophie, Psychologie und Neurowissenschaften auf originelle Weise mit seinem historischen Befund.

Steven Pinker: »Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit«. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, 1.212 S., 26 €

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