Wer »kommunikatives Handeln« und »herrschaftsfreien Diskurs« pflegt, muss den Namen Jürgen Habermas nicht extra nennen. Impulse und Werk des am Samstag, 14. März, im Alter von 96 Jahren verstorbenen Philosophen gehören zum Inventar besonders, aber bei weitem nicht nur der Bundesrepublik Deutschland. Das zeigt, welche Wirkung sein Schaffen hat, aber auch, welche Lücke sein Tod hinterlässt. Denn es ist nicht absehbar, wer künftig so wirksam die nötigen Begriffe setzen und Handlungsorientierung bieten wird.
Zur Erinnerung: Jürgen Habermas wurde im Juni 1929 geboren, wie auch Anne Frank, die im Frühjahr 1945 in Bergen Belsen ermordet wurde. Zwei Generationsverwandte mit denkbar verschiedenen Lebenschancen und -wegen. Habermas konnte nach 1945 die Chance ergreifen, das Arrangement seines bergischen Kleinstadt-Elternhauses mit dem Nationalsozialismus hinter sich zu lassen und konsequent, fragend und analytisch scharfsinnig, für die Gestaltung einer anderen Gesellschaft zu wirken.
Gradlinig war dieser Weg nicht, aber immer bewegt. Die Promotion im Fach Philosophie erfolgte 1954, betreut hat sie ein vormaliger NS-Aktivist, der sich geschmeidig in Bonn hatte halten können. Unbelastete Alternativen dürften ohnehin rar gewesen sein. Positioniert hat sich Habermas dagegen schon 1953 mit seinem öffentlichen Einspruch gegen die unveränderte Neuauflage von Martin Heideggers Freiburger Vorlesungen über Metaphysik aus dem Jahr 1935.
In der Sache war das eine Vorwegnahme von Habermas’ Einspruch gegen Ernst Nolte und dessen Relativierung des Holocaust, was den »Historikerstreit« auslöste und ihn der breiten Öffentlichkeit bekannt machte. Das war 1986, und damals konnte Habermas bereits mit dem Gewicht des international anerkannten Philosophen argumentieren. Diese Position hatte er sich allmählich erarbeitet. Als junger Wissenschaftler von Theodor Adorno ans Frankfurter Institut für Sozialforschung eingeladen, dann zu seinem Assistenten gemacht, von Max Horkeimer aber argwöhnisch als Marxist gehandelt, hat er seine Habilitation in Marburg abgeschlossen, von da über eine kürzere Station in Heidelberg 1965 dann die Nachfolge ausgerechnet auf Horkheimers Lehrstuhl in Frankfurt angetreten.
Habermas formulierte eine gesellschaftsaktive Position.
Das war keine Nachfolge im Sinne Horkheimers selbst, auch nicht Adornos, denn Habermas ging in Frankfurt über die geschichtserfahrene, aber gesellschaftsskeptische »Dialektik der Aufklärung« hinweg und formulierte, auch in Kontrast zur Frankfurter 68er-Szene und ihren sektiererischen Extremen, eine gesellschaftsaktive Position. Das war kein Schritt in die Mitte, schon gar keine konservative Wende, sondern die Entscheidung, sich so konsequent wie kritisch den Chancen einer offenen Gesellschaft anzuvertrauen und sie mitzugestalten. Es war der Schritt von der »Kritischen Theorie« zu einer weiterfassenden, interaktiven Modernitätstheorie, die er in seiner Zeit als Ko-Direktor des Starnberger »Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt« (1971–1980) in der Theorie des kommunikativen Handelns fasste.
Ihr ist er selbst bis an sein Lebensende gefolgt, hat in seiner zweiten Frankfurter Lehrzeit (1983–1994) und im aktiven Ruhestand am Starnberger See immer wieder Einsprüche erhoben, namentlich als Unterstützer der »Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union« (2016), zuletzt etwa zur Frage der Legitimation staatlichen Handelns während der Corona-Pandemie und auch zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.
In jüngerer Zeit hat man Jürgen Habermas vermehrt mit dem Thema der Religionen in Verbindung gebracht. Das dürfte zu weiten Teilen auch von außen an sein Werk herangetragen worden sein, nicht zuletzt mit der Absicht, seine Philosophie auch religionsphilosophisch fruchtbar zu machen. Habermas, der sich selbst explizit als nicht-religiös verstanden wissen wollte, hat sich aber auch selbst zur Rolle der Religionen in einer offenen Gesellschaft geäußert, in Schriften und in Gesprächen mit Theologen und führenden Vertretern von Religionsgemeinschaften.
Es wäre sicher in seinem Sinne und ein angemessenes Vermächtnis, wenn wir uns aufmachen und »mehr Habermas wagen«.
Diese Gesprächsoffenheit des Materialisten Habermas mag irritieren, erklärt sich aber schon aus einem Text vom April 1982, seinem bewegten Bericht von der Bestattung Gerschom Scholems in Jerusalem. Neben dem Angedenken unternimmt der Text auch eine eigene Standortbestimmung: »Scholem hat vielen von uns für das jüdische Schicksal die Augen geöffnet. [….] Für uns stirbt mit ihm eine Generation von Lehrern, in deren Person ein Stück unkorrumpierter eigener Vergangenheit gegenwärtig war.«
Weiter räsoniert Habermas in diesem Text auch die wenigen hebräischen Begriffe, die er in der Rede des Akademiepräsidenten, Ephraim Urbach, versteht. Neben Tikkun ist es Zimzum (die Selbstverschränkung Gottes), und er hält fest: »Nach dem Fall Adams und dem Sturz einer beinahe vollendeten Schöpfung spitzt sich dieses Problem [Zimzum] zu. Gott hat sich nun so weit zurückgezogen, dass die Rückführung der Dinge an ihren ursprünglichen Ort der Anstrengung der Menschen überantwortet wird. Die Menschen selber müssen das Dokument schreiben, für welches der Messias nicht mehr bedeutet als eine fehlende Unterschrift« (Merkur, Nr. 406, 1982).
Hier liegt wohl ein Schüssel zum Verständnis der Habermas’schen Stellung zur Religion: Es gibt keine Einwände gegen sie, keine gegen die Gewissheit göttlicher Präsenz, aber der Imperativ des Handelns, und das meint kompromisslos rationales Handeln, ist alleine den Menschen, in ihrer Summe den Gesellschaften aufgegeben.
Das klingt vor dem Hintergrund allenthalben unruhiger, bedrohlicher und unkalkulierbarer Zeitumstände provozierend optimistisch und herausfordernd. Aber es wäre sicher in seinem Sinne und ein angemessenes Vermächtnis, wenn wir uns aufmachen und »mehr Habermas wagen«.
Der Verfasser ist Inhaber der Ignatz Bubis-Stiftungsprofessur für Geschichte, Religion und Kultur an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg .