Porträt

Emmy für Esty?

Die israelische Schauspielerin Shira Haas erobert die Welt. Nächster Halt: die Nominierung für ihre Hauptrolle in der Netflix-Serie »Unorthodox«

von Sophie Albers Ben Chamo  17.09.2020 13:09 Uhr

Wann, wenn nicht jetzt? Shira Haas (25) Foto: Flash 90

Die israelische Schauspielerin Shira Haas erobert die Welt. Nächster Halt: die Nominierung für ihre Hauptrolle in der Netflix-Serie »Unorthodox«

von Sophie Albers Ben Chamo  17.09.2020 13:09 Uhr

Shira Haas’ Off-Screen-Persönlichkeit könnte nicht unterschiedlicher sein als die von ihr bevorzugten Filmcharaktere. Während die 25-jährige Israelin in Filmen und Serien mit packender Ernsthaftigkeit und beeindruckender innerer Stille im fragilen Gesicht eine tragische Rolle nach der anderen zum dramatischen Leben erweckt, fuchtelt die gerade mal 1,52 Meter große Haas in Interviews ausgiebig mit den Händen, rollt begeistert die großen, bernsteinfarbenen Augen und: Sie lacht, was das Zeug hält.

Die Begeisterung steckt an. Und ist absolut begründet. Denn Haas, die im März 2020 mit der Netflix-Miniserie Unorthodox ihren internationalen Durchbruch feierte, ist als erste Israelin überhaupt für den Primetime Emmy nominiert, den renommierten US-Fernsehpreis. Und die Chancen für den 21. September stehen mindestens sehr gut. Eigentlich jeder sieht hier die nächste Natalie Portman heranreifen, deren jüngeres Ich Haas übrigens in der Amos-Oz-Verfilmung Eine Geschichte von Liebe und Finsternis (2015) spielte.

»Shtisel« Da hatte Haas bereits ihre erste Hauptrolle und Shtisel in der Tasche: 2012, mit 16, übernahm die Schülerin der berühmten Thelma-Yellin-Kunstschule in Givatajim die Hauptrolle im Film Princess. Sofort fiel der »New York Times« und dem »Hollywood Reporter« Haas’ beachtliches Talent auf.

Sie wurde für den Ophir Award nominiert, den israelischen Oscar, und beim Jerusalem Film Festival gab es den Preis für die beste Darstellerin. Seit 2013 begeistert Haas als renitenter Teenager Ruchami Weiss in Shtisel das israelische Publikum – und seit 2018 die Netflix-Weltgemeinde.

Da gab es längst kein Halten mehr: Neben diversen kleineren Produktionen war Haas 2017 sowohl in dem Hollywoodfilm Die Frau des Zoowärters neben Jessica Chastain zu sehen als auch neben Lior Ashkenazi im israelischen Drama Foxtrot, das in Venedig den Preis der Großen Jury gewann. 2018 war Haas bei den Ophir Awards sowohl als beste Hauptdarstellerin für Broken Mirrors als auch als beste Nebendarstellerin für Noble Savage nominiert. Letzteres hat sie dann gewonnen.

schauspiel-olymp Zudem spielte sie neben Rooney Mara und Joaquin Phoenix in Mary Magdalena. Und während das Wirtschaftsmagazin »Forbes Israel« die junge Frau 2019 auf die Liste der vielversprechendsten unter 30-Jährigen setzte, folgten Esau an der Seite von Harvey Keitel und Unorthodox, besagte von Anna Winger und Alexa Karolinski nach dem Bestseller von Deborah Feldman erdachte Miniserie über eine junge Frau, die aus einer ultraorthodoxen Gemeinschaft ausbricht und Haas schließlich in den Schauspiel-Olymp katapultierte. Luft holen kann man auch später.

Viele sehen in Shira Haas die nächste Natalie Portman heranreifen.

Schließlich wartet Haas’ täglich wachsende Fangemeinde sehnsüchtig darauf, dass es mit Shtisel weitergeht. Allerdings ziehen sich die Dreharbeiten der dritten Staffel der gefeierten israelischen Serie über einen ultraorthodoxen Familienclan in Jerusalem wegen Covid-19 hin.

Von der Bekanntgabe der Emmy-Nominierung kursiert online übrigens ein Video, das Haas und ihren langjährigen guten Freund und Unorthodox-Kollegen Amit Rahav beim Ausflippen vor Freude zeigt. Bleibt zu hoffen, dass Shira Haas zukünftig häufiger professionell ebenfalls lachen darf, auch wenn es nicht danach aussieht. Auf ihr Faible für die Rolle der leidenden jungen Frau angesprochen, sagte sie dem »Jewish Journal«, dass ihr harte Themen am liebsten seien. »Harte Themen, die mit viel Liebe gemacht sind.«

Ausdruck So ist auch ihr neuester Film, der gerade beim Tribeca-Filmfestival in New York Online-Premiere feierte, nichts für schwache Gemüter: Haas spielt eine widerspenstige Tochter, die an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) erkrankt und plötzlich im Rollstuhl sitzt. Und natürlich hat sie den Preis für die beste internationale Schauspielerin gewonnen. »Ihr Gesicht ist eine unendliche Landschaft, in der selbst der kleinste Ausdruck herzzerreißend ist«, so das Urteil der Jury.

Vielleicht gehören Haas’ Verständnis für tragische Rollen und das laute Lachen aber auch zusammen. Als sie gerade mal zwei Jahre alt war, erkrankte Haas, die in Tel Aviv aufgewachsen ist, an Nierenkrebs. Drei Jahre haben sie und ihre Familie gekämpft, wurde das Kind heftigen Behandlungen unterzogen – und schließlich wieder gesund.

Auch wenn sie noch sehr jung gewesen sei, habe diese Zeit sie doch stark geprägt, sagt Haas, deren Fragilität unter anderem auf die frühe Chemotherapie zurückzuführen ist. Allerdings sei sie am Ende deutlich mehr gewachsen, als die Ärzte ihr prophezeit hatten.

Schauspieler arbeiten mit dem, was sie in sich finden. Und bei Shira Haas ist das definitiv viel Angst und Schmerz, aber eben auch ganz viel Liebe und die Freude, überhaupt am Leben zu sein. Deshalb ist es auch egal, ob es mit dem Emmy jetzt klappt oder später, aber um ihren Charakter Esty in Unorthodox zu zitieren: »Der Talmud sagt, wer, wenn nicht ich? Und wann, wenn nicht jetzt?«

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