Mariss Jansons

»Einer der größten Musiker unserer Zeit«

Mariss Jansons (1943–2019) Foto: imago

In Lettland ist der verstorbene Stardirigent Mariss Jansons als musikalische Ausnahmeerscheinung und großer Mensch gewürdigt worden. Jansons sei »eine der brillantesten und angesehensten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musikwelt« gewesen, schrieb die Zeitung »Latvijas Avize« (Montag). Der 1943 in Riga geborene Dirigent habe die einzigartige Fähigkeit gehabt, die Seele eines Komponisten und eines Musikers offenzulegen.

»Mariss Jansons wird in der Kunst- und Kulturgeschichte verewigt bleiben als Dirigent, der immer der Musik gedient hat, nicht seinem Ego«, schrieb das lettische Kulturmagazin »KulturasDiena« auf seiner Webseite über den langjährigen Chefdirigenten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BR).

Mariss Jansons führte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu Weltruhm.

Auch Jansons‘ Schüler Andris Nelsons bekundete seine Trauer. »Der große Mariss Jansons war ein unglaublicher Kollege, Lehrer und Mentor. Die Nachricht von seinem Ableben ist ein Schock und macht mich zutiefst traurig. Die Musikwelt hat eine ihrer Säulen verloren. Ich werde ihn sehr vermissen«, schrieb der lettische Dirigent und Kapellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters auf Facebook.

Jansons starb in der Nacht zum Sonntag im Alter von 76 Jahren in St. Petersburg. Er zählte zu den bedeutendsten Dirigenten weltweit. Seit 2003 leitete er das BR-Symphonieorchester.

Der Stardirigent soll Medienberichten zufolge in St. Petersburg in Russland beerdigt werden. Das bestätigten Verwandte der Agentur Interfax am Montag. Dort soll der aus Lettland stammende Dirigent nach einer Abschiedszeremonie in der St. Petersburger Philharmonie am 5. Dezember (Donnerstag) neben seinem Vater auf dem Wolkowo-Friedhof begraben werden.

PORTRÄT Mit der Bezeichnung »Maestro« konnte er nie etwas anfangen. Dabei war der lettische Dirigent Mariss Jansons einer der ganz Großen seiner Zunft. Als er zeitweise mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem Amsterdamer Concertgebouworkest zwei renommierte Klangkörper gleichzeitig leitete, wurde er sogar als weltbester Dirigent gehandelt.

In jüngster Zeit hatte er mehrfach mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Im Juni 2019 sagte Jansons auf ärztliche Empfehlung geplante Konzerte für mehrere Wochen ab, unter anderem bei den Salzburger Festspielen. Schon im November 2018 hatte er Konzerte wegen einer Erkrankung absagen müssen. Bereits 1996 hatte der Dirigent bei einer Aufführung von Giacomo Puccinis Oper »La Bohème« in Oslo einen Herzinfarkt erlitten, den er nur knapp überlebte.

Seine Interpretationen der Symphonien von Gustav Mahler und Dimitri Schostakowitsch sind legendär.

In der norwegischen Hauptstadt hatte Jansons den Grundstein für seine Weltkarriere gelegt. Von 1979 bis 2000 wirkte er als Chefdirigent der Osloer Philharmoniker, die er mit sprühender Energie und eiserner Kapellmeister-Disziplin zu einem internationalen Spitzenorchester formte. Dabei war Jansons nie der Prototyp des in Emotionen schwelgenden, seine Zuhörer mit Klangmassen überwältigenden Orchesterleiters. Er förderte vielmehr Details zutage, die manch altbekanntes Stück in neuem Gewand erscheinen ließen. Auch durch vielfach gelobte CD-Einspielungen machte Jansons in Oslo auf sich aufmerksam.

1997 übernahm er aus den Händen von Lorin Maazel die musikalische Leitung des Pittsburgh Symphony Orchestra. 2003 wechselte er, abermals als Nachfolger Maazels, zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem er einen bis heute andauernden Höhenflug bescherte. Die 2004 zusätzlich übernommene Leitung des Concertgebouworkest in Amsterdam gab er 2015 ab. Im selben Jahr hätte er vielleicht die Möglichkeit gehabt, Chef der Berliner Philharmoniker zu werden. Doch er blieb am Ende seinem Münchner Orchester treu, mit dem ihn so etwas wie eine Liebes- und Lebensbeziehung verband. 2018 wurde sein Vertrag bis 2024 verlängert.

BIOGRAFIE Mariss Jansons wurde 1943 im Ghetto von Riga geboren. Sein Vater Arvid Jansons war ebenfalls Dirigent, seine jüdische Mutter Iraida eine Mezzosopranistin. Nach Studien bei dem legendären Dirigentenausbilder Hans Swarowsky in Wien und bei Herbert von Karajan in Salzburg machte der große russische Dirigent Jewgeni Mrawinski den jungen Jansons zu seinem Assistenten. Der damalige Chef der Leningrader Philharmoniker prägte Stil und Repertoire des jungen Dirigenten entscheidend. Seither wurde Jansons der »russischen Schule« zugerechnet. Auch seine Vorliebe für Dimitri Schostakowitsch rührte von seinem Lehrer her, der mehrere Werke des Komponisten uraufgeführt hatte.

Jansons galt als detailversessener Handwerker, als Workaholic, den gelegentlich nur seine Ehefrau Irina, eine ausgebildete Ärztin, hinter seinen Partituren hervorzuholen vermochte. Dabei pflegte er ein breites Repertoire von Barock über Klassik und Romantik bis zur gemäßigten Moderne, was manche Interpretationen allerdings auch etwas auswechselbar erscheinen ließ. Neben Schostakowitschs stilistisch zerrissenen Symphonien zählte dessen Oper »Lady Macbeth von Mzensk« zu Jansons‘ Leib- und Magenstücken, in denen seine Detailarbeit besonders zur Wirkung kam.

Geboren wurde Mariss Jansons 1943 im Ghetto von Riga. Seine jüdische Mutter Iraida überlebte wie er die NS-Zeit.

Immer wieder bekannte der Dirigent, dass ihm Oper eigentlich am meisten liege. Mit »Eugen Onegin« und »Pique Dame« von Peter Tschaikowsky gelangen ihm meisterhafte Deutungen. Doch seit seinem Herzinfarkt 1996 - sein Vater war 1984 am Pult an Herzversagen gestorben - wurden seine Opernauftritte zu raren Ereignissen, zu denen Musikfans aus aller Welt pilgerten.

Jansons wurde vielfach geehrt, er ist Träger des Ernst von Siemens Musikpreises (2013) und des Opus Klassik für das Lebenswerk (2019), wurde zum Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien sowie der Royal Academy of Music in London ernannt. Er ist auch Ehrenmitglied der Berliner und der Wiener Philharmoniker. Die Republik Lettland verlieh ihm den Orden »Drei Sterne«.

2017 erhielt Jansons die Goldmedaille der Royal Philharmonic Society, eine der höchsten Auszeichnungen für klassische Musik. »Mariss Jansons ist einer der größten Musiker unserer Zeit. Sein Dirigat ist eine kraftvolle Kombination aus Disziplin und Inspiration, und seine herausragenden Darbietungen sind den Nuancen der Partitur von Natur aus treu, während sie mit neuen Entdeckungen und Einblicken in das Herz der Musik gefüllt sind«, hieß es damals zur Begründung. Dreimal dirigierte Jansons das berühmte Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker - auch dies für jeden Dirigenten eine besondere Ehre.

Abseits des Musikmachens trat Jansons selten in Erscheinung, wenn man von seinem unermüdlichen Einsatz für einen neuen Konzertsaal in München absieht. Das Haus, das sich noch im Planungsstadium befindet, soll einmal dem BR-Symphonieorchester als neue Heimat dienen.

Heidelberg

Hüter des Gedächtnisses

Im Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden liegt alles, was jüdische Gemeinden seit 1945 in Deutschland an Dokumenten produziert haben. Jens Hoppe, der Leiter der Einrichtung, sichert die Zukunft der Bestände

von Eugen El  19.08.2026

Programm

Ein Moped-Gottesdienst, Kaffee, Kuchen und ein Zirkus-Koffer in Frankfurt: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 20. August bis zum 27. August

 19.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 19.08.2026

Film

25 Jahre »A.I.«: Odyssee eines Roboter-Jungen

Ein Vierteljahrhundert ist Spielbergs Film »A.I. – Künstliche Intelligenz« jetzt alt. Das Werk ist extrem rührselig, aber dennoch sehenswert. Und es wirft Fragen auf, die auch 2026 sehr relevant sind

von Gregor Tholl  19.08.2026

Film

Überraschend witzige Geschichte über Begehren und Scham

In der Slasher-Satire »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« von Jane Schoenbrun spritzt Blut, Gillian Anderson flirtet und eine junge Regisseurin versucht, ihre eigene Lust zu verstehen

von Shireen Broszies  19.08.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis: Mirjam Zadoff hält Laudatio auf Philipp Sands

Der Menschenrechtsanwalt Philippe Sands erhält eine der angesehensten Auszeichnungen Deutschlands. Nun wurde die Laudatorin bekanntgegeben

 19.08.2026

Rezension

Antidot gegen Lüge und Vernebelung

Richard Herzinger war ein lebenslanger Streiter gegen Antisemitismus jeglicher Couleur. Ein Auswahlband seiner Texte zeigt ihn nun einmal mehr als einen wortmächtig-analytischen Solitär

von Marko Martin  19.08.2026

Kino

»Hiddensee« - Ein Inselparadies, nicht frei von Widersprüchen

Punk am Strand, Kunst und Politik im Laufe der Zeit - eine Doku über die Ostseeinsel Hiddensee und ihre wechselvolle Geschichte

von Kira Taszman  18.08.2026

Filmpreis

Sophie von der Tann übernimmt Partnerschaft für »Deutschen Menschenrechts-Filmpreis«

Die umstrittene ehemalige ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann übernimmt die Patronage für die aktuelle Ausgabe des »Menschenrechts-Filmpreis«

 18.08.2026