Berlinale

»Eine Verbeugung vor den Filmen von früher«

Regisseur und Oscarpreisträger Ethan Coen Foto: imago

Herr Coen, mit Ihrem neuem Film »Hail, Caesar!« folgt eine leichtfüßige Komödie über das alte Hollywood auf eine melancholische Studie eines Folk-Musikers sowie einen Western. Verbindet diese unterschiedlichen Werke trotzdem etwas, das »typisch Coen« ist?
Da fragen Sie den Falschen. Bewusst jedenfalls versuchen mein Bruder und ich nicht, einen roten Faden zwischen unseren Geschichten zu spinnen. Im Gegenteil bemühen wir uns in allererster Linie darum, uns auf gar keinen Fall zu wiederholen. Sollte es also Gemeinsamkeiten in unseren Filmen geben, dann unbewusst und unbeabsichtigt.

In jedem Fall verhandeln Ihre Filme immer mehr Themen, als sich zunächst am Plot erkennen lässt. In »Hail, Caesar!« etwa geht es um Hollywood, aber auch um Religion und die US-Politik der 50er-Jahre.
Unser Vorgehen ist viel unbewusster, als Sie annehmen. Deswegen sind wir dann oft ganz erstaunt, was die Zuschauer und Kritiker in unseren Geschichten alles entdecken. In diesem Sinne ist Hail, Caesar! auch wirklich kein Film über die Jahre der McCarthy-Ära. Keine Frage, es kommt eine Gruppe von Kommunisten vor, die nach einer anderen, gerechteren Gesellschaft strebt. Aber das hat sich letztlich nur ergeben, weil wir überlegten, wer als Täter für die Entführung des Stars eines großen kapitalistischen Filmstudios infrage kommt.

Gehen Sie ähnlich instinktiv vor, wenn Sie Drehbücher für andere Regisseure schreiben, etwa im Fall von Steven Spielbergs »Bridge of Spies«, für das Sie aktuell für den Oscar nominiert sind?
Unsere Arbeit in einem solchen Fall kann man nicht mit den Drehbüchern vergleichen, die wir für uns selbst schreiben. Bei Bridge of Spies oder auch bei Angelina Jolies Unbroken werden wir erst engagiert, wenn es bereits ein fertiges Drehbuch gibt. Das schreiben wir dann nur um und feilen daran. Aber während wir bei unseren eigenen Skripten einfach drauflosschreiben und alle Freiheiten haben, gibt es in solchen Fällen natürlich klare Anweisungen – und die Vision eines anderen Filmemachers, der wir folgen müssen.

Angesichts der goldenen Ära Hollywoods, die Sie in »Hail, Caesar!« zeigen, stellt sich die Frage: Werden Sie nostalgisch, wenn Sie auf das heutige Kino blicken?
Hail, Caesar! ist ohne Frage aus unserer Liebe zum Kino entstanden, als Verbeugung vor den Filmen von früher. Und natürlich gibt es im aktuellen Hollywood vieles, was einen nostalgisch werden lassen kann. Nehmen wir zum Beispiel Filme, die in 3D gedreht werden. Ich hoffe ja immer noch, dass das nur eine Phase ist, die irgendwann wieder vorbeigeht.

Sie mögen keine 3D-Filme?

Ich finde, dass eine Geschichte durch diese Technik nichts gewinnt. Ich glaube auch, dass das auf Dauer für die Augen der Kinogänger viel zu anstrengend ist, deswegen wird niemandem daran gelegen sein, dass nun jeder Film in 3D erscheint. Wobei mein Bruder und ich natürlich auch die völlig falschen Ansprechpartner hinsichtlich technischer Neuerungen sind. Ginge es nur nach uns, wäre die Hälfte unserer Filme ausschließlich schwarz-weiß, denn für uns ist schon Farbe ein bisschen zu viel des Guten.

Mit dem Regisseur und Oscarpreisträger sprach Patrick Heidmann.

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