Berlin

Eine krasse Show hinlegen

»Das Jüdischsein ist schon ein großer Teil von mir, ich spüre das in allen Facetten«: Seit zehn Jahren lebt der Musiker und Schauspieler Noah Levi in Berlin. Foto: Finnegan Koichi Godenschweger

Samstag trat er an, live auf RTL. Er sang ein Cover, dafür hat er sich entschieden. 24 Kandidaten, von Nobody bis Rockband, standen im »Contest« von Stefan Raabs Auswahl-Show »Chefsache ESC 2025 – Wer singt für Deutschland?« Der Gewinner wird das Land beim Eurovision Song Contest (ESC) in Basel vertreten.

Noah Levi sitzt abends in seinem Hotelzimmer. In Köln, der Stadt seiner Kindheit, seit mehr als einer Woche. Allein. Er drehte seinen Einspieler ab, bereitete sich vor, probte on stage. Er hat Erfahrung. 2015 gewann er im Alter von 13 Jahren das Contest-Format »The Voice Kids«. Mit dem Coversong »I see fire« von einem seiner Idole, Ed Sheeran. Ein Gänsehautmoment, den er der Nation beschert hat.

Seither tritt er als Sänger auf, arbeitet als Schauspieler und Model. Er ist diszipliniert, fokussiert und gilt als einer der Favoriten. »Es ist noch mal eine Nummer größer geworden. Die Bühne ist riesig, die wollen eine krasse Show hinlegen, das ist schon etwas Besonderes«, sagt er. »Ich bin gelassen. Ich kenne die Abläufe. Aber das musikalische Niveau der anderen Talents, die ich jetzt kennengelernt habe, wie sie performen, das ist ein komplett anderer Level.« Big Business, Baby.

Wer auch immer die Show gewinnt, dessen weitere Karriere ist gesetzt. Im Falle eines guten Abschneidens auch international. Der Vorentscheid ist Quoten heischend auf vier Abende gestreckt. Erst beim zweiten Auftritt darf Levi sein Lied vortragen, das er für den ESC geschrieben hat, Text und Komposition, fünf Tage lang ohne Pause in einem Urlaub im Allgäu.

In der Jury saß damals Lena Meyer-Landrut, die Stefan Raab einst gecastet und die den ESC 2010 gewonnen hatte

Levi kennt das Nerven zerfetzende Format des »Contests«, das Procedere des »Castings«. Das Proben, die ständigen Kameras. Das Hoffen und Bangen. Das Vorgeführtwerden und Ausgesetztsein vor einer humorvollen, aber gnadenlosen Jury. »Es ist verrückt, als tauchte man in einem Schwimmbecken unter. Man hält automatisch die Luft an. Bis du wieder in dieser sicheren Zone bist, in deinem Hotel. Erst dann machst du einen Freudensprung«, beschreibt er das Gefühl eines solchen Wettbewerbs. In der Jury saß damals Lena Meyer-Landrut, die Stefan Raab einst gecastet und die den ESC 2010 gewonnen hatte. 2015 hatte sie sich für Levi von seinem ersten Auftritt an begeistert.

Jetzt steht Levi selbst vor ihrem Mentor. Fast alle Kandidaten sind Profis. Wie er selbst. Sie treten mit Unterstützung einer Live-Big-Band auf, Background Vocals und Tänzern auf einer Lichtbühne mit Lasershow auf, als wäre es bereits der ESC. Die Jury besteht aus dem »Chef«, Stefan Raab, dem Entertainer Elton, der Sängerin und Schauspielerin Yvonne Catterfeld sowie dem Musiker Max Mutzke. Die ersten Verdikte des Abends sind lobend. Raab ist königlicher Laune, gibt sich witzig, träumerisch. »Aber wir wollen auch nicht verschleiern, dass das hier ein eisenharter Wettbewerb ist«, sagt die Moderatorin Barbara Schöneberger, und dann ist Noah Levi dran. Der Einspieler läuft.

»Ich verbinde verschiedene Kulturen in mir. Ich bin Deutscher, Jude und Perser.«

»Mein Name ist Noah, ich bin 23, Schauspieler, Sänger und Model. Ich habe mit elf angefangen zu singen und auf der Straße Musik zu machen.« Fast im Stenogramm fügt er an: »Gewinner der Show, plötzlich Verträge, dann ein Punkt, an dem ich nicht wusste, wie ich meine Miete zahlen sollte. Kein Abitur, keine Ausbildung. Ich verbinde verschiedene Kulturen in mir. Ich bin Deutscher, Jude und Perser.« Werbung.

Es ist das erste Mal, dass er es in dieser breiten Öffentlichkeit sagt. Ich bin Jude. 2001 in Bergisch-Gladbach geboren und in Köln aufgewachsen. Seine Mutter ist Jüdin, Schauspielerin und Synchron-Regisseurin, sein Vater Deutscher und als Pyrotechniker im Filmgeschäft. Jüdischer Kindergarten, »Mom gründete dort eine Krabbelgruppe«, jüdische Grundschule, dann normales Gymnasium. Seine Mutter ist persischer Herkunft und bereits in Deutschland geboren. Mit zwei Stiefschwestern wuchs er in einer »vielschichtigen Familie« auf.

Er kennt das Format des »Contests«, die Kameras, das Hoffen und Bangen.

Mit der Sensation gingen der Aufstieg als Sänger und seine Model-Karriere einher. Große Kampagnen, Hugo Boss, Swarovski, Zalando setzten auf das Teenager-Idol. New York, Paris, London, ein junges Leben aus Koffern in Hotelzimmern. Er möchte auch gern weiter als »klassisches Model« arbeiten, aber inzwischen hat er den Spieß umgedreht. Zusammen mit einem Freund und Schauspieler-Kollegen gründete er selbst eine Werbeagentur. Vermittelt Influencer an große Marken, konzipiert, produziert Videos und erstellt Online-Kampagnen. »Auf den meisten Videos war ich selbst gar nicht mehr zu sehen. Ich entdeckte mein Talent für Atmosphäre und dass ich auch gern hinter der Kamera stehe. Für mich ist Werbung eine Kunstform.«

Von seinem Hebräisch-Unterricht sei nicht viel übrig geblieben. 2014 war er einmal »Special Act« bei der Jewrovision, »es war süß«. Und dann kommt er ins Grübeln. »Das Jüdischsein ist schon ein großer Teil von mir. Ich spüre das in allen Facetten. Mein Körper ist tätowiert mit hebräischen Buchstaben. Es fühlt sich komisch an, das zu sagen, aber: Ich bin stolz darauf, jüdisch zu sein.« Noah Levi ist ein Autodidakt, in allem, was er tut.

Seit zehn Jahren lebt er in Berlin. Er spielt Gitarre, Bass und Klavier, derzeit lernt er Schlagzeug. Über seine Mutter kam er zu Synchron-Rollen wie »Die Häschen-Schule«, gerade drehte er seinen ersten Film in einer Hauptrolle. »Ich wusste nicht, ob ich das kann.« Jetzt liegen einige Dinge auf dem Tisch. »Filet-Stücke. Es wäre toll, wenn ich eines davon bekäme.«

Minimales Outfit, schwarze Jacke, schwarze Hose, T-Shirt

Werbung Ende, Noah Levi tritt auf. Minimales Outfit, schwarze Jacke, schwarze Hose, T-Shirt. Er singt »Thereʼs nothing holding me back« von Shawn Mendes. Schon walzt Schöneberger auf ihn zu: »Er hat The Voice Kids gewonnen. Gewinnt er auch den ESC? Yvonne?« Catterfeld: »Du bist ein toller Künstler, und du hast dir hier einen sehr schweren Song ausgesucht. Aber irgendwas hat dich heute zurückgehalten.« Und da ist es plötzlich ungeschminkt, dieses gnadenlose Big Business: »Stefan, du hast ihn ja damals in deine Sendung eingeladen …«, wendet sich Schöneberger an Raab. »Tatsächlich?« – Der Medienunternehmer erinnert sich nicht einmal mehr an den damals 13-Jährigen und überspielt die Gedächtnislücke. »Du hast ja auch die ganze Gestik drauf, mit den Armen und so, supergeil. Ne, also du bistʼn guter Popkünstler. Mir hat das echt ganz gut gefallen.« Bamm.

Bei den nun folgenden Kandidaten wird klar, was Raab wirklich will. Die Performance des Sängers Moss Keno in einem Kunstfellwams reißt ihn aus dem Sessel. »Deine blauen Augen, Hemd offen bis zum Bauchnabel«, gerät er ins Schwärmen – bis Schöneberger ihn bremst. LYZA, eine junge Frau mit montenegrinischen Wurzeln, sorgt für einen allgemeinen Gänsehautmoment, weil sie zum ersten Mal außerhalb ihres Kinderzimmers und der Abgeschiedenheit von 1,5 Millionen Followern auftritt. Was den Chef restlos überzeugt.

Schnelldurchlauf. Elton bringt den Umschlag. Ein handgeschriebener Zettel vom Boss. Schöneberger liest. »Mit uns kommt …« – Noah Levi ist nicht dabei. Das Karussell dreht sich weiter. Er umarmt eine Kollegin, die es in die nächste Runde geschafft hat. Und kehrt in sein Hotelzimmer zurück. Noah Levi wird seinen Weg gehen. Wie auch immer er aussehen mag. Das nächste Mal klappt es.

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