Moderne

Eine deutsche Geschichte

Bauhaus-Gebäude am Dizengoff-Platz in Tel Aviv (um 1930) Foto: Getty Images

Deutschland, 1937. Das Bauhaus, die interdisziplinäre Architektur- und Designschule, Heimstatt der ästhetischen Avantgarde, ist seit vier Jahren Geschichte. Die Nazis haben dieses Synonym für Klassische Moderne nach der Machtübernahme abgewickelt.

In Deutschland entwerfen nun Albert Speer, Ernst Sagebiel, Werner March und andere hitlerergebene Baumeister einschüchternde Monumentalklötze, die jeden Bezug zum Menschen als Maßstab verloren haben.

WAHN In Sandstein verewigter Größenwahn wie das Olympiastadion oder der Flughafen Tempelhof lassen das Individuum schrumpfen, die Architektur dient der Ideologie des »Herrenmenschen«.

Das Zauberwort hieß Reduktion. Die Form folgte beim Bauhaus der Funktion.

In Palästina empfängt zur gleichen Zeit Arieh Sharon den Brief eines Kollegen. Absender: Hannes Meyer aus Genf. Was will der ehemalige Bauhausdirektor vom Bauhäusler Sharon, dem Weggefährten von Gropius?

Sharon plant, von Ben Gurion beauftragt, nicht nur Siedlungen in ganz Israel, er gehört auch zu jenen, die das neue Tel Aviv, die »Weiße Stadt« oder »internationale Stadt« mit ihren 4000 Gebäuden entwerfen.

Licht und luftig, orientiert an den Bedürfnissen der Bewohner, von Gärten umgeben, funktional, dennoch utopisch und menschlich gleichermaßen, strahlt sie schon während ihrer Entstehung hinaus in die Welt der Baustile und der Baukunst und weckt bei dem Architekten Meyer die Neugier.

Tel Avivs »Weiße Stadt« umfasst 4000 Häuser und ist die weltweit größte Bauhaus-Siedlung.

KITSCH? Meyer bittet um Fachpublikationen und schreibt weiter: »Mich würde der Charakter des jüdischen Aufbaus bei Ihnen interessieren. Gibt es Versuche, einen speziell national-jüdischen Stil zu creieren? Auch wenn es Edelkitsch reinster Sorte wäre, so würde es mich interessieren. Gibt es ein zusammenfassendes Werk über die jüdische Besiedlung?«

Jüdische Architektur, jüdische Besiedlung und Edelkitsch reinster Sorte nennt Meyer in einem Atemzug. Ein Beweis, dass auch modern gestimmte Sozialisten damals antisemitisch dachten und fühlten.

Meyers Interesse ist jedoch, aller Unverschämtheit zum Trotz, verständlich, denn das Bauhaus in Deutschland war tot. In der größten Stadt des zukünftigen Israel hingegen entwickeln sich die Ideen eines Gropius, eines Mendelsohn, eines Mies van der Rohe und eines Mordecai Ardon weiter, dort entstehen rund um den Rothschild-Boulevard Ikonen der Moderne.

KONSEQUENT Statt Edelkitsch oder orientalischer Opulenz sind die Fassaden schnörkellos und konsequent waagerecht gegliedert. Die Dächer sind flach, die Räume harmonisch und klar dimensioniert, die Treppenhäuser sind hell, ihre Geländeläufe aus Metall und Holz symmetrisch geformt und in ihrer Wirkung schwebend.

Ein gebrauchsorientiertes Architekturverständnis liegt allen Grundrissen und Plänen zugrunde. Auch wenn die Architekten – fast die Hälfte stammte bis zur Staatsgründung Israels aus Deutschland – jene reine Lehre aus Dessau und Weimar, den Geburtsstätten des Bauhauses, in Israel nicht immer konsequent umsetzten, erinnert die ästhetische Anmutung der Weißen Stadt überall an die puristischen Vorbilder der Bauhauszeit.

Die jüdischen Emigranten knüpften damit an eine Epoche an, die unsere Geschmacksstandards und Einrichtungsprinzipien bis heute begleitet. Sie währte nur 14 Jahre, von 1919 bis 1933, ihre Vertreter galten als elitär, aber nichtsdestoweniger war die Bauhausbewegung zunächst in Weimar, dann in Dessau und zum Schluss in Berlin eine Revolution, wie wir sie in der Geschichte der Architektur selten erleben.

1933 fand das Bauhaus in Deutschland sein Ende: Monumentalklötze statt menschliche Moderne.

Ob in der Gotik oder im Barock, im Klassizismus oder im Biedermeier, im Jugendstil oder in der Gründerzeitästhetik: Der Schmuck an Gebäuden oder Möbeln (hier Kunst, dort Kitsch) galt immer als Zeichen von Adel, Reichtum oder Wohlstand. Dekoration und Ausgestaltung orientierten sich nicht an der Funktion. Arabeske, Ornament und Rankenwerk verhießen Kostbarkeit und ließen Rückschlüsse zu auf den sozialen Status ihrer Bewohner oder Besitzer.

In Jahrhunderten hatten sich die menschlichen Sehgewohnheiten an derlei meist nutzlose Zierde und Dekor, Blenden und Bordüren, Borten, Paspeln, Staffage, Prunk und Pracht gewöhnt.

Als das Bauhaus entstand, möblierte das Bürgertum seine Wohnzimmer mit eichenschweren Anrichten aus gedrechselten Säulen, auf denen fransenbehangene Lampenschirme ihr düsteres Licht über schwere Samtsessel und kissenüberladene Fauteuils warfen.

Alles ist quadratisch, rechtwinklig und in seiner Schlichtheit aufeinander bezogen.

Und dann? Es entstand kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und nach der wilhelminischen Kitschkrempelei ausgerechnet in Goethes und Schillers Weimar das Neue, das Helle, das Klare. Menschen wohnten in weißen Würfeln, die Form folgte der Funktion. Das Zauberwort hieß Reduktion.

QUADRATISCH Walter Gropius, der Mitbegründer dieser interdisziplinären Bewegung, die in Weimar als Kunstschule unter der Leitung von Henry van de Velde begann, residierte in einem Büro, das Bauhausanbeter bis heute ehrfürchtig niederknien lässt.

Alles ist quadratisch, rechtwinklig und in seiner Schlichtheit aufeinander bezogen: der zierratfreie Tisch, die viereckigen gelben Sessel, die gläsernen Ablagen, das abstrakte Muster des Teppichs, die gardinenfreien Fenster. Auf Gropius’ Arbeitstisch steht jene Leuchte, die, millionenfach kopiert, heute in jedem besseren Lampengeschäft zu finden ist: der größte Designklassiker des 20. Jahrhunderts, die Wagenfeld-Leuchte. Geometrisch streng und doch schlicht-elegant ist sie zum Synonym für den Einrichtungsgeschmack des gut situierten Bildungsbürgertums geworden.

Das Gleiche gilt für Marianne Brandts silbernes Tee-Extraktkännchen, für Marcel Breuers Stahlrohrschwinger oder Mies van der Rohes Barcelona Chair. Kunst und Technik sollten sich verbinden, am Bauhaus arbeiteten Tischler, Handwerker, Grafiker, Spielzeugdesigner, Fotografen und auch Weber oder Textilarbeiter, darunter viele Frauen.

Die wunderbare Anni Albers ist eine von ihnen gewesen. Die Enkelin von Leopold Ullstein, geboren in Charlottenburg, hat am Bauhaus studiert. Ihre Teppiche und Wandbehänge haben alles Figurale vermieden. Abstrakt geknüpft, inspiriert von Paul Klee, sind sie in ihrer neuen Formensprache bis heute bezaubernde Kunstwerke.

Die »Weiße Stadt« in Tel Aviv, von jüdischen Architekten errichtet, gehört seit 2003 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

EXIL Anni Albers, geborene Fleischmann, musste 1933 wie die anderen jüdischen Bauhäusler fliehen. Sie war nie religiös, hat aber Vorhänge für Toraschreine in mehreren amerikanischen Synagogen entworfen und für das Jüdische Museum in New York das 2 x 3-Meter-Werk Six Prayers geschaffen – als Erinnerung an die Schoa. Erst zum 100. Bauhaus-Geburtstag in diesem Jahr wird sie umfassend gewürdigt, in Münster, Wien und Berlin sind ihre Arbeiten zu sehen.

Die »Weiße Stadt« in Tel Aviv, von jüdischen Architekten errichtet, gehört seit 2003 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Es ist die weltweit größte Siedlung von Gebäuden im Bauhaus-Stil – erbaut von vertriebenen deutschen Juden, die diese Architektur einst nach Tel Aviv brachten.

Das Bauhaus Dessau hat der »Weißen Stadt« 2011 ein hervorragend dokumentiertes Magazin gewidmet. Aus ihm stammt der Brief des Bauhausdirektors Meyer an Arieh Sharon mit der Frage nach dem jüdischen Stil. Der Planer Israels hat ihn nie beantwortet. Er hatte Wichtigeres zu tun.

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