Jüdisches Museum

»Eine bodenlose Frechheit«

Jude in der Vitrine: Leeor Engländer als lebendiges Ausstellungsobjekt Foto: Linus Lintner Fotografie / JMB

Diese Ausstellung, mit Verlaub, liebe Verantwortliche des Jüdischen Museums, ist eine Frechheit. »Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten«. Unter diesem Titel locken Sie Menschen ins Museum, die wie Durstige in der Wüste nach dem Wasser lechzen. Menschen, die sich danach sehnen, endlich ihren Wissensdurst über das Judentum zu stillen. Oder noch drastischer gesagt: Menschen, die sich danach sehnen, endlich den Brand des schlechten Gewissens zu löschen, weil sie nichts oder eben zu wenig über diese Juden wissen, von denen man dann doch weiß, wie wichtig, bedeutend und ausschlaggebend sie angeblich für unsere deutsche Gesellschaft sein sollen.

Und von denen man, wenn man schon gar nichts über sie weiß, zumindest weiß, wie verurteilend und unangenehm arrogant sie werden können, wenn man sie nicht ausreichend beachtet. All jenen Menschen und Museumsbesuchern machen Sie, liebe Ausstellungsmacher, Hoffnung, endlich zu erfahren … endlich, die ganze Wahrheit. Das ist eine bodenlose Frechheit!

BETRUG Schon das Museumsmagazin, in dem Sie, liebe Besucher, auch einen bescheidenen, völlig unwissenschaftlichen Text von mir finden, überführt Sie, liebe Kuratorinnen, der Lüge, des Betrugs und der puren Effekthascherei: Wer schon nichts über Juden weiß, weiß zumindest, dass man den jüdischen Mann daran erkennt, dass er beschnitten ist. Doch auf die Frage: »Muss ein Jude beschnitten sein?« antwortet Ihr Autor Toby Lichtig, selbst beschnittener Jude, mit »nein« und erklärt dem Unwissenden, in aller Offenheit, dass es endlich an der Zeit sei, darüber nachzudenken, auch bei Juden auf die Beschneidung zu verzichten.

Wenn jemand schon nichts über das jüdische Leben weiß, dann ist zumindest zu ihm durchgedrungen, dass nur ein Jude sein kann, der eine jüdische Mutter hat und kein anderer ein echter Jude ist. Doch auf die Frage: »Kann man Jude und Christ zugleich sein?« antwortet Christoph Schmidt wie selbstverständlich mit »ja« und berichtet von christlichen Juden, die es bis in die höchsten Ämter der katholischen Kirche geschafft haben und trotzdem unter besonderen Umständen Juden bleiben.

Wenn jemand schon nichts über Juden weiß, so wurde ihm zumindest beigebracht, das Wort Jude niemals mit dem Begriff Rasse in Verbindung zu bringen. Denn die Frage, ob es so etwas gibt wie eine jüdische DNA, lässt sich nur verneinen. Doch im Magazin zu dieser Ausstellung berichtet Yulia Egorova, dass selbst Juden mittlerweile versuchen, sich mithilfe eines DNA‐Tests als echte Juden zu identifizieren. All diese Fragen und derartige Antworten finden Sie in dieser Ausstellung wieder.

unverschämt Meine Damen und Herren, genauso unverschämt wie das Konzept dieser Ausstellung, dass Ihnen alles verspricht und offenbar nichts von dem liefert, was Sie eigentlich erwartet haben, ist es, für den Abend der Eröffnung einen Juden zu bitten, über das »typisch Jüdische« zu sprechen. Warum bittet man an einem solchen Abend keinen nichtjüdischen Vertreter des öffentlichen Lebens, um Antworten auf diese Frage zu geben, die offenbar so viele Menschen in diesem Land interessiert, dass man ihr eine ganze Ausstellung widmet?

»Was ist eigentlich typisch jüdisch?« Zu gerne hätte ich einen Vertreter des Deutschen Bundestages oder gar ein Mitglied der Bundesregierung an dieser Stelle über diese Frage sinnieren gehört. Man stelle sich nur vor, Angela Merkel unternehme den Versuch, sich ernsthaft öffentlich dieser Frage zu nähern. »Was ist das Typische am Juden, Frau Merkel?«

Nein, für eine solche Frage bedient man sich immer des Juden selbst. Und der Jude, wenn wir schon bei der Frage sind, was typisch jüdisch sei, ist zu eitel, um ein solch schmeichelhaftes Angebot auszuschlagen.

Ich habe es erwähnt, diese Ausstellung bietet Ihnen alles, nur nicht das, was Sie sich erhofft haben. Sie zeigt keine absoluten Antworten, sondern sie stellt Fragen aus. Sie bringt Ihnen nichts bei, sondern sie zwingt Sie, sich selbst etwas beizubringen. Strikt dem alten deutschen pädagogischen Konzept folgend: Nur wer seine Erfahrungen selbst macht, wird auch daraus lernen. So gilt für diese Ausstellung in abgewandelter Form: Nur wer selbst Antworten findet und vielleicht herausfindet, dass Antworten nicht immer eindeutig sind, wird sie verstehen.

typisch Meine Damen und Herren, wenn Sie wissen wollen, was typisch jüdisch ist, dann gehen Sie trotzdem in diese Ausstellung. Aber bitte nicht, ohne vorher 7 Euro Eintritt an der Kasse bezahlt zu haben. Warum? Typisch jüdisch ist, vorzugeben, Ihnen Ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, dafür ein horrendes Geld zu verlangen, nichts von dem Versprochenen einzulösen und Ihnen am Ende zu erklären, dass das, was Sie gesehen haben, zwar nicht das war, was Sie sehen wollten, es Ihnen aber trotzdem gutgetan hat.

So frech, hinterlistig und geldgierig, so dreist und unverschämt können nur Juden, ein jüdisches Museum und jüdische Ausstellungsmacher sein. Und damit wären wir bei einer ersten ernsthaften, handfesten Erkenntnis des heutigen Abends: Der beste und entwaffnendste Gegenbeweis für das platte Klischee ist immer ein Blick auf die Realität: Während ich Ihnen erzähle, dass das, was hier mit Ihnen geschieht und was Sie gleich sehen werden, sich nur Juden ausgedacht haben können, sitzen hier vorne in der ersten Reihe die drei verantwortlichen Kuratorinnen dieser Ausstellung – von denen zwei aus halachischer Sicht überhaupt keine Jüdinnen sind.

Meine Damen und Herren, wenn Sie in der nun zu eröffnenden Ausstellung schon kaum eine einzige allgemeingültige Antwort erhalten auf die Frage, »Was ist typisch jüdisch?«, so will wenigstens ich Ihnen eine Antwort mit nach Hause geben und damit auch erklären, was es mit dem Titel dieser Eröffnungsworte auf sich hat. Ich bin laut deutschem Personalausweis, ausgestellt vom Bezirksamt Berlin‐Pankow, exakt 1,66 Meter groß. Und damit gilt amtlich, unumstößlich für Mitglieder meiner Glaubensgemeinschaft: »Juden haben kurze Beine«.

Leeor Engländer ist Autor der Kolumne »Schmonzes«, die alle 14 Tage montags bei der »Welt« erscheint.

Lesen Sie auch das Interview mit Michal Friedlander, der Kuratorin der Ausstellung:
prelive.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15508

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