Direkt am Mittelmeerstrand von Michmoret hat Israel ein weltweit einzigartiges Projekt gestartet: Anfang Februar öffnete dort mit dem National Sea Turtle Rescue Center eine Einrichtung ihre Türen, die verletzte Meeresschildkröten behandelt, wieder fit macht und erstmals auch züchtet. Damit setzt man nicht nur ein Signal für den Schutz gefährdeter Meeresbewohner, sondern schafft eine wichtige Institution im Kampf gegen Artensterben und Umweltzerstörung.
Die Idee für ein Zentrum dieser Art entstand bereits 1999, als ein junger Meeresbiologe am Strand von Michmoret eine verletzte »Unechte Karettschildkröte«, so der Name der Art, fand und sie »Masal« nannte, das hebräische Wort für Glück. Das habe den Startschuss für ein provisorisches Rettungszentrum aus Containern gegeben, erzählt ihr Finder Yaniv Levy, heute Schildkrötenexperte und Direktor der neuen Institution. »Niemand hätte gedacht, dass wir einmal ein Ort sein werden, der weltweit Maßstäbe setzt.«
Rund 100 Freiwillige helfen mit
Umgerechnet rund acht Millionen Euro von der israelischen Natur- und Parkbehörde sowie private Spenden machten die Einrichtung möglich. Sie verfügt über ein zehnköpfiges Team, darunter Leitung, Experten für Notfallmedizin und Rehabilitation sowie eine Forschungsassistentin, die sich besonders um die Schildkrötennester am nahen Strand kümmert. Außerdem helfen rund 100 Freiwillige mit.
Das Zentrum macht nicht nur aufgrund seiner modernen medizinischen Ausstattung mit Operationssälen, Intensivpflegebereichen und großen Salzwasserbecken von sich reden, sondern vor allem auch wegen der weltweit einzigen Zuchtanlage für Grüne Meeresschildkröten. Experten aus aller Welt begleiten das Programm. »Es gibt weniger als 20 solcher Einrichtungen weltweit, und keine hat Zuchtprogramme wie wir«, erklärt der Direktor. »So tragen wir erstmals nachhaltig zum Erhalt genetisch gesunder Populationen bei.«
An dem Forschungsstandort laufen derzeit mehr als 20 Projekte in Kooperation mit Universitäten im In- und Ausland.
Ferner ist man ein bedeutender Forschungsstandort, an dem derzeit mehr als 20 Projekte in Kooperation mit Universitäten im In- und Ausland laufen. Dazu gehören beispielsweise genetische Analysen sowie Untersuchungen über Umweltgifte im Schildkrötengewebe. Levy ist stolz auf die Forschung: »Wir testen fünf verschiedene Hormone, wissen, welche Weibchen bald Eier legen und wie sie sich genetisch unterscheiden. Diese Daten sind nicht nur für Israel, sondern für Forscher auf der ganzen Welt von Relevanz.«
Jedes Jahr werden neue Schildkröten aufgenommen. Meist sind sie durch Haken, Netze, Schiffsschrauben oder verschluckten Plastikmüll verletzt worden. Seit Bestehen des Zentrums hat man über 700 Schildkröten und sogar zwei Delfine behandelt. Knapp zwei Drittel von ihnen konnten nach der Rehabilitation wieder in die freie Wildbahn entlassen werden. Die neuen Salzwasserbecken ermöglichen eine schonende Eingewöhnung für die Rückkehr ins offene Meer. »Doch es ist ein Kampf gegen die Zeit«, betont eine Tierärztin. »Jede verletzte Schildkröte ist ein Individuum mit einer Geschichte – und jede verdient eine zweite Chance.«
Schwerpunkt der Arbeit ist der Schutz von Eiern und Jungtieren
Ein Schwerpunkt der Arbeit ist der Schutz von Eiern und Jungtieren. Entlang der israelischen Strände werden jedes Jahr Dutzende von Nestern überwacht. Mitarbeiter und Ehrenamtliche sichern die Gelege und begleiten das Schlüpfen. Denn genau das ist eine kritische Phase, die entscheidend für das Überleben von Schildkröten ist. Zudem gibt es ein Besucherzentrum, das bewusst vom medizinischen Bereich getrennt ist.
Hier erhalten Interessierte erstmals Einblicke in die Arbeit der Wissenschaftler und können beobachten, wie verletzte Tiere gepflegt werden und welche Herausforderungen der Artenschutz mit sich bringt. Eine Ausstellung mit multimedialen Stationen soll zu den Themen Plastikmüll, Klimawandel und globale Meeresverschmutzung sensibilisieren. Das Zentrum hat sich auf die Fahnen geschrieben, nicht »nur Tiere zu präsentieren, sondern Wissen zu vermitteln«, so die Verantwortlichen. »Damit jeder Einzelne versteht, was er tun kann, um den Lebensraum der Schildkröten zu schützen.«