Jane Bordeaux

Ein Tag am Strand

Klingen nach einem Spätsommer an der Atlantikküste: Sängerin Doron Talmon mit ihrer Band Jane Bordeaux Foto: Orit Pnini

Eyal Golan hat es vor ein paar Jahren getan, Omer Adam tut es dieses Jahr – und die beiden sind nicht allein: Noch eine weitere israelische Band singt von Sonne, Strand und Matkot-Spielen, von einem Wochenende im Sommer, wie es jeder in Israel kennt.

Mizrachi-Pop Doch anders als bei den beiden Stars der Mizrachi-Pop-Szene, die auch nach Sommer, Sonne und guter Laune klingen, scheint bei dieser Band nichts zusammenzupassen: Sie heißt Jane Bordeaux, ihre Musik ist ein Mix aus amerikanischem Indie, Country und Folk, klingt trotzdem immer auch wie eine Mischung aus Carla Bruni und Mélanie Laurent, aber ihre Texte singt die Sängerin auf Hebräisch. Und Hand aufs Herz: Ihr Stück »Schirim Jeschanim«, das Lied über den Strandtag, klingt mehr nach Spätsommer an der Atlantikküste denn nach August in Tel Aviv.

Ihre Musik ist ein Mix aus amerikanischem Indie, Country und Folk, klingt trotzdem wie eine Mischung aus Carla Bruni und Mélanie Laurent.

Genau diese Widersprüche sind es wohl, die Jane Bordeaux mittlerweile ziemlich erfolgreich machen. Im israelischen Radio gehören ihre Songs zum Standardrepertoire. Das Lied »Ech efshar she’lo« war der meistgespielte Titel des Jahres 2015. Und am 1. August hat die Band nun ihr bereits drittes Album Okeanusim (Ozeane) herausgebracht. Es klingt etwas weniger nach klassischem amerikanischen Country und Bluegrass als die beiden Vorgänger, dafür nach modernem Folk, ein bisschen wie Mumford & Sons, nur mit der sanften, süßlichen Stimme der Frontsängerin Doron Talmon.

MIX Der ungewöhnliche Mix der Band liegt wohl auch an ihrer Herkunft: Doron Talmon, Anfang 30, blond, blauäugig, freundlich, zurückhaltend, fast schüchtern, kommt von den Golanhöhen. Ihre Familie stellt dort Kosmetikprodukte aus Olivenöl her. Auf Bildern der Firma im Internet ist sie mit Cowboystiefeln in Olivenhainen zu sehen.

Und mit Pferden: Nach zwei von ihnen ist die Band benannt. Von ihrem Vater, einem Geschäftsmann, habe sie viel in Sachen Business gelernt, hat Doron Talmon einmal in einem Interview verraten. Vielleicht auch deshalb kam die Band auf die Idee, ihr erstes Album per Crowdfunding zu finanzieren. Die umfangreiche Country-Album-Sammlung ihrer Mutter wiederum beeinflusste ihren Musikstil. Und der Rest der Band? »Wir haben uns in diese Musik verliebt«, sagt Bandmitglied Matti Gilad.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Familie In Mattis Fall war es aber nicht nur die Musik: Vor Kurzem heirateten er und Doron Talmon. Seit der Bandgründung 2012 sind sie ein Paar. Sie leben heute in Tel Aviv und touren mit zwei weiteren, bärtigen, Bandkollegen durch das Land. An Auftritten im Ausland haben sie derzeit kein großes Interesse. »Im Ausland aufzutreten, ist ein Lebensstil mit vielen Verpflichtungen. Ich lebe hier, meine Familie und meine Freunde sind hier. Klar ist es ein alter Traum, ein Rockstar in Europa oder den USA zu sein, aber dieser Traum ist kompliziert, und ich bin Realist«, beteuert Talmon.

Es könnte auch daran liegen, dass ihre Lieder bislang alle auf Hebräisch sind, was es potenziell schwieriger macht, die Band im Ausland zu vermarkten. Ganz anders als beispielsweise bei dem israelischen Popduo Lola Marsh, das auf Englisch singt – und viel im Ausland unterwegs ist. »Ich weiß nicht, ob das Hebräische den Stil bereichert, aber die Musik bereichert das Hebräische«, sagt Talmon. »Israel hat eigentlich keine bestimmte Volksmusik. Alle kamen von verschiedenen Orten, Europa, Ägypten, Jemen. Unsere ›Volks‹-Musik kam also immer woandersher.«

Johnny Cash Im Falle von Jane Bordeaux also aus den USA. Tatsächlich wollte Talmon sogar einst, dass ihre Stimme so klingt wie die von Johnny Cash – tiefer, brummiger. Doch vergeblich – zum Glück, möchte man meinen: Ihre sehr sanfte Stimme verrät viel über ihre Persönlichkeit. Und Talmon ist alles andere als eine, die das Rampenlicht sucht. An der Rimon-Schule für Musik musste sie zunächst lernen, ihr Lampenfieber und ihre Angst vor dem Auftritt zu überwinden, verriet sie jüngst in einem Zeitungsinterview.

Der Stil der Band ist über die Jahre gewachsen – und etwas ruhiger, etwas weniger verspielt geworden. Auf den ersten beiden Alben waren noch reine Country- und Bluegrass-Songs zu hören – schneller Rhythmus, mit Banjo, Schellen und Ukulele. In »You Got In«, dem einzigen Lied, dessen Refrain Englisch ist, ertönen sogar Trompeten, die klingen, als kämen sie direkt aus Johnny Cashs »Ring of Fire«.

Es sind die Widersprüche, die Jane Bordeaux ziemlich erfolgreich gemacht haben.

Mittlerweile sind solche Klänge stark in den Hintergrund gerückt. Auf dem dritten Album rasseln nur hier und da die Schellen. Und auch die Texte sind teilweise ernster geworden. In »Ze od lo avud«, übersetzt: »Es ist noch nicht verloren«, singt Doron Talmon: »Politiker sind wie Kosmetiker, sie verdecken die Wahrheit, sie heben und dehnen Macht – und die Menschen sterben vor Angst, zerschmettern das Zusammensein, distanzieren sich von dem, was anders ist, erziehen unsere Kinder, Toleranz ist unsere Stärke, nur gegenüber dem, der gleich ist«. Auch ein Seitenhieb auf die israelische Gesellschaft.

Werbung Doch es ist sehr sanfte, eher oberflächliche Kritik – andere politische Sänger in Israel sind im Vergleich dazu viel expliziter. Etwas anderes würde wohl auch nicht zum Stil von Jane Bordeaux passen. Denn wenn man der Band eines vorwerfen kann, dann ist es, so zu klingen, als wollte sie es allen recht machen, aber keinen so richtig vom Hocker reißen.

Freunde, Eltern, Großeltern – wohl jeder kann etwas mit der Musik anfangen, sie ist leicht bekömmlich. Wohl auch deshalb entschied sich die israelische Bank Discount dazu, die Band zu beauftragen, ein Werbelied für sie zu komponieren und einzuspielen.

Man kann Jane Bordeaux dafür kritisieren. Oder sich daran erfreuen, dass auf ganz eigene Art und Weise jeder etwas von ihnen hat. Und dass sie – nicht nur, wenn es um Strand, Sommer und Matkot geht – eine Abwechslung bieten zu Musikern wie Eyal Golan oder Omer Adam. Wenn auch eine sehr brave.

Forum

Leserbriefe zur documenta

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 01.07.2022

Auszeichnung

Anthony Hyman erhält Körber-Wissenschaftspreis

Der mit einer Million Euro dotierte Preis geht 2022 an den in Haifa geborenen, in Dresden forschenden Zellbiologen

 30.06.2022

Jahrestag

Der Streit um die jüdischen Bücher

Heute vor 500 Jahren starb der Humanist Johannes Reuchlin

von Christiane Laudage  30.06.2022

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  30.06.2022

Debatte

Präzedenzloses Verbrechen

Ein Sammelband analysiert die jüngsten Versuche, die Schoa unter postkolonialen Vorzeichen zu relativieren

von Marko Martin  30.06.2022

documenta

»Unglaublich, dass so etwas passieren konnte«

Wie israelische Künstler und Galeristen auf den Antisemitismus-Skandal bei der Kasseler Weltkunstausstellung reagieren

von Tal Leder  30.06.2022

Finissage

Auf die nächsten 1700 Jahre

Das Festjahr ist ausgeklungen – eine Fortsetzung auf europäischer Ebene wird bereits diskutiert

von Ayala Goldmann  30.06.2022

»Nicht ganz koscher«

Zwei in der Wüste

Premiere beim Fritz-Gerlich-Preis: Zum ersten Mal gewinnt eine Komödie. Die Regisseure haben ein schwieriges Thema leicht verpackt. Das wurde von der Jury honoriert

 29.06.2022

Debatte

Claudia Roth und die Flucht nach vorn

Die Kulturstaatsministerin war massiv in die Kritik geraten. Jetzt regt sie Reformen bei der documenta an

 29.06.2022